© Odile Hain

Der Sommer wird Kunst

  • TEXT OLAF TARMAS
  • FOTOS ODILE HAIN

Installationen, Skulpturen, begehbare Kunst: Was in anderen Städten in Museen und Galerien eingesperrt ist, begegnet einem in Nantes auf Schritt und Tritt

Ein lang gezogenes Tröten ertönt, ein Fauchen, ein vielstimmiges Kreischen, dann hält der „Große Elefant“ inne. Zwölf Meter ragt das Ungetüm aus Holz und Eisen auf, es ist der Star von Nantes. Wenn das Tier seine Runden über das weitläufige Gelände auf der Loire-Insel zieht, schwenkt es seinen hydraulisch betriebenen Rüssel und spritzt Wasserfontänen in die Zuschauermenge, dass die Kinder kreischen.

Pierre Orefices beliebtestes Werk

Pierre Orefices beliebtestes Werk

© Odile Hain

 Seit 2007 haben die Künstler François Delarozière und Pierre Orefice für Nantes einen ganzen Zoo aus mechanischen Tieren geschaffen – riesige Kreaturen, die über das ehemalige Werftgelände stapfen, kriechen und rollen. Ein Panoptikum märchenhafter Fischwesen dreht sich im dreigeschossigen „Karussell der Meereswelten“, auf dem verzückte Kinder und Erwachsene mitfahren. Inspiriert sind die Viecher von Leonardo da Vincis Skizzen mechanischer Maschinen und den technischen Fantasien des Jules Verne, der in Nantes aufwuchs.

Als Orefice und Delarozière mit ihrem Projekt begannen, befand sich die fünf Quadratkilometer große Flussinsel in einem erbarmungswürdigen Zustand: Nachdem die Werften vor mehr als einem Vierteljahrhundert pleitegingen oder fortzogen, verfielen die Hallen, bis sie nur noch Ruinen mit eingeschlagenen Scheiben waren. Plätze und Straßen lagen verlassen da, zurück blieb eine gigantische Industriebrache. „Eine unheimliche Gegend, in die sich sogar tagsüber niemand mehr traute“, erinnert sich der Kulturmanager Jean Blaise, der schon seit den 1990er-Jahren an der Wiederauferstehung von Nantes arbeitet. „Der Niedergang des Schiffbaus war eine Tragödie für die Stadt. Viele Menschen wurden arbeitslos, Nantes verlor sein Zentrum.“ Bis Anfang des Jahrtausends der Bürgermeister und spätere französische Premierminister Jean-Marc Ayrault beschloss, der Flussinsel neues Leben einzuhauchen.

  Kultur sollte in dem neuen Quartier eine tragende Rolle spielen. Statt allerdings – wie seine Amtskollegen in Bilbao oder Lyon – Millionen für prestigeträchtige Bauten auszugeben, vertraute Ayrault den Ideen des Künstlerduos Orefice und Delarozière, die sich in der Stadt bereits durch fantasievolles Straßentheater einen Namen gemacht hatten. „Der Öffentlichkeit kam die Idee eines künstlerischen Vergnügungsparks zunächst obskur vor“, erzählt Orefice in seinem Büro auf dem Vorplatz einer der Werfthallen. Viele hätten das Geld lieber anders investiert als in ein verschroben anmutendes Kunst- und Jahrmarktsprojekt. „Doch mit dem Elefanten haben wir die Herzen des Publikums schnell erobert“, sagt der Künstler.

Als die Machines de l’Île gezeigt wurden, betraten viele Einwohner zum ersten Mal seit Jahren wieder die Insel. Mittlerweile beherbergen viele der alten Hallen Büros, die Kunsthochschule hat sich dort angesiedelt, am Flussufer wurde der neue Justizpalast nach Entwürfen des Stararchitekten Jean Nouvel errichtet. Der Plan ging auf: Die Insel ist das neue Herz von Nantes, und die Maschinen sind sein Schrittmacher.

Die Compagnie La Machine hat sich unterdessen zu einer weltweit gefragten Schmiede für exotische Apparaturen gemausert. Für die chinesische Stadt Xiamen konstruierte sie einen computergesteuerten feuerspeienden Drachen. In Nantes wächst der Kosmos der Maschinenwesen unterdessen weiter: Als nächstes Objekt ist ein 30 Meter hoher künstlicher Baum geplant, mit begehbaren Ästen, auf denen wiederum echte Blumen, Sträucher und Bäume wachsen. Schwärme mechanischer Vögel und Insekten sollen dieses Biotop bevölkern und umkreisen; viele der Kreaturen groß genug, um darauf zu reiten. „Man muss die Welt aus der Perspektive eines träumenden Kindes sehen, um auf solche Ideen zu kommen“, sagt Orefice. Wenn das 35-Millionen-Euro-Projekt in drei Jahren fertig ist, soll es nichts weniger als das unbestrittene neue Wahrzeichen von Nantes werden, „unser Eiffelturm“, wie Orefice sagt.

Parallel zu diesem Maschinenzoo entwickelte sich unter der Leitung von Jean Blaise ein Festival der besonderen Art: der jährliche Voyage à Nantes. Immer im Juli und August verwandeln Installationen, Ausstellungen und Performances die Stadt in eine einzige große Open-Air-Galerie. Blaises Ideal, sein großes Thema, ist die Demokratisierung von Kunst: „Kunstwerke sollten nicht in Museen eingesperrt sein, in die dann doch nur ein Bruchteil der Bevölkerung geht.“ Anstatt zu versuchen, mehr Menschen in die Museen zu locken, will er die Kunst lieber unter die Menschen bringen – in den öffentlichen Raum.

Hölzerner Spaß: ­Installation „Splash“ des ­Architektur- kollektivs Vous

Hölzerner Spaß: ­Installation „Splash“ des ­Architektur- kollektivs Vous

© Odile Hain

 Verbunden sind die mehr als 50 Werke der Voyage durch die Ligne verte – eine aufs Pflaster gesprühte grüne Linie, die sich zehn Kilometer lang durch die Stadtlandschaft schlängelt. Den Windungen der neongrünen Markierung folgen heißt sich auf ein Spiel einlassen. Wer auf der zentralen Place Royale beginnt, wird durch rasch wechselnde Welten geführt: Von der Shoppingzone in der Altstadt geht es in ruhige Seitenstraßen, vorbei an Cafés und Delikatessengeschäften, und dann wieder zurück ins Großstadtgewühl. Die grüne Linie spielt mit der Aufmerksamkeit der Besucher und mit der Topografie der Stadt. Auf einem breiten Boulevard im Stadtzentrum scheint sie stur der monotonen Spur der Straßenbahn zu folgen, nur um plötzlich abzubiegen und unerwartet in einer Lücke zwischen modernen Gebäuden zu verschwinden. Dahinter offenbart sich ein dorfartiger Winkel, eine winzige Nische mit altersschiefen, weiß getünchten Häuschen und blühenden Vorgärten. Unmittelbar daneben ragt schon der nächste gläserne Büroturm in die Höhe. Ohne die Ligne verte würde diese kleine Welt vielen Besuchern verborgen bleiben.

Die ganze Stadt soll mit Kunst bespielt werden, auch der Asphalt

Entlang der Linie gehen Kunst und Stadt eine enge Verbindung ein, zuweilen verschmelzen sie miteinander. Auf dem breiten Boulevard Léon Bureau etwa schlängelt sich ein spielerisch verfremdeter Zebrastreifen über die Fahrbahn. „Traverses“, zu Deutsch „Querungen“, heißt dieses Projekt des Regisseurs und Künstlers Aurélien Bory. „Die ganze Stadt soll mit Kunst imprägniert sein, selbst der Asphalt“, kommentiert Jean Blaise das Werk. Das spielerische Element ist ihm wichtig – und kommt beim Publikum gut an.

Nicht alle Installationen verschwinden am Ende des Festivalsommers wieder, manche werden zum festen Bestandteil des Stadtbilds. Zum Beispiel „Feyd­ball“, ein Fußballfeld mitten in der Innenstadt, am Carré Feydeau. Wer dort spielt, muss Kurven laufen – und am besten auch schießen, denn das Feld ist nicht rechteckig angelegt, sondern beschreibt einen lang gestreckten Bogen. In einem Zerrspiegel, der im selben Maße gekrümmt ist, können die Zuschauer eine begradigte Version des Spieles verfolgen: Durch den optischen Effekt sind dort alle Linien korrekt – der Ball und die Spieler allerdings werden grotesk verzerrt. Oder der „Ping-Pong Park“ auf der Île de Nantes: ein Arrangement teils merkwürdig geformter Tischtennisplatten; an manchen kann man zu fünft oder um die Ecke spielen, und eine wölbt ihre Spiel­fläche zu einem kühnen türkisblauen Looping auf.

NTE

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Klare Linien, verschlungene Formen: die „Traverses“ von Aurélien Bory

Klare Linien, verschlungene Formen: die „Traverses“ von Aurélien Bory

© Odile Hain
Immer an der Kunst lang: die Ligne verte an der Loire

Immer an der Kunst lang: die Ligne verte an der Loire

© Odile Hain

  Die Kunst in Nantes beschränkt sich nicht auf die Ligne verte, nicht einmal auf die Stadt selbst. Sie erstreckt sich auch entlang der Loire bis zur Mündung des Flusses in den Atlantik bei Saint-Nazaire. Über 60 Kilometer hinweg säumen Werke französischer und internationaler Künstler die Ufer des Estuaire, des Mündungsstroms, und überraschen, irritieren, belustigen den Betrachter ein ums andere Mal. Auch dieser – nun dauerhafte – Parcours ist aus einem Festival hervorgegangen, auch diese Idee stammt von Jean Blaise. Die meisten Objekte lassen sich am besten vom Wasser aus betrachten, am allerbesten vom Deck der kleinen Fähre, die von April bis Oktober zwischen Nantes und Saint-Nazaire pendelt.

Eines der Werke steht sogar mitten im Strom: „La Maison dans la Loire“ ist ein Haus, das mit Schlagseite im Wasser zu treiben scheint, verblüffend real und doch fantastisch. Ein Segelboot des österreichischen Künstlers Erwin Wurm hat es dagegen ein paar Kilometer weiter an Land verschlagen. Doch dafür, dass es gestrandet ist, mutet es seltsam zähflüssig an, so als hätte es das Element des Wassers in sich aufgenommen. Es biegt sich und scheint über eine Kaimauer zu fließen, sich den echten Booten zuzuneigen, die davor vertäut sind.

Den Schlusspunkt des Parcours bildet der „Serpent d’Océan“, eine Skulptur des chinesisch-französischen Künstlers Huang Yong Ping. Das urzeitlich anmutende Riesenskelett lauert in den Atlantikfluten in Sichtweite des Strands von Saint-Nazaire. Immer wieder gibt die Ebbe Teile der Wirbel und des Schädels frei, immer wieder überspült die Flut die Skulptur, als sei der eben noch so spektakuläre Anblick nichts als eine Illusion gewesen. Diese Erfahrung macht jeder Besucher der Kunst-Stadt Nantes und ihrer Umgebung früher oder später: Man traut seinen Augen nicht. Guckt zweimal hin. Und entdeckt immer wieder etwas wunderbar Unwahrscheinliches.

Unterwegs im Kunstsommer von Nantes (30. Juni – 26. August)

© Cristóbal Schmal

Uferkunst

Vom Wasser aus die Werke am Ufer der Loire bewundern.

marineetloire.fr

© Cristóbal Schmal

Stilvoll Schlemmen

Menüs und Brasserie in opulentem Art-déco-Ambiente.

lacigale.com

© Cristóbal Schmal

Trinken mit Aussicht

Die Bar im 32. Stock ist einem Storchennest nachempfunden.

lenidnantes.com


Zum Ziel

Lufthansa fliegt täglich von München (MUC) nach Nantes (NTE). Ihre Meilengutschrift errechnen Sie per App: Download unter
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