Viel Platz: Der Hauptmarkt ist der Mittelpunkt von Krakau
© Dagmar Schwelle

Die Mitte finden

  • TEXT JAN RÜBEL
  • FOTOS DAGMAR SCHWELLE
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

Nein, Galizien liegt nicht in Spanien! Es ist eine Landschaft in Polen und der Ukraine, einst ein Reich im Zen­trum Europas. Wer dessen Erbe sucht, trifft auf einen magischen Stein, Gänseschmaus und die Folgen höherer Mathematik.

Es begann mit einem Restaurantbesuch in ­Berlin. Ich hatte im „Marjellchen“ gegessen, einem Altberliner Lokal im Westen der Stadt, mich an Beetenbartsch und Schmandschinken gelabt, da geriet mein Begleiter ob dieser alten Gerichte aus Ostpreußen, Schlesien und anderswo ins Schwärmen. „Was wir heute Osten nennen, ist das Zentrum Europas“, rief er, vielleicht auch unter dem Einfluss des recht wirksamen Danziger Goldwassers. Er sprach von einem versunkenen Reich in der Mitte Europas. Das klang zauberhaft, dahin wollte ich reisen.

Galizien entstand 1772, als Polen geteilt wurde und Österreich das Gebiet annektierte. Der Economist nannte Galizien einmal eine „erfolgreiche österreichische Erfindung“, Bestand hatte sie bis 1918. Polen und Ukrainer lebten in diesem Kronland gleichrangig mit vielen anderen Minderheiten – und zehn Prozent der damals zehn Millionen Einwohner waren Juden. Ihnen bedeutete Galizien ein schöpferisches Zentrum, die „Mutter Israels“. Ich will schauen, was von alldem geblieben ist.

In Krakau verschaffe ich mir einen ersten Überblick und steige entlang einer roten Ziegelmauer hoch zum Wawel, der alten Residenz der polnischen Könige. Als ich, vom Gold der Altäre aus der Kathedrale geblendet, in einen Hof trete, wandeln dort polnische Paare mit Kindern, ein paar Mexikaner bestaunen die Rundbogengänge ringsum, drei Inder halten in der linken Ecke ihre Hände an die Wand, minutenlang: Einer hindu­istischen Legende zufolge hat der Gott Shiva sieben Steinen magische Kraft eingehaucht, sie auf die Erde geworfen – und einer davon ist hier verborgen, tief unter der St.-Gereon-Kapelle. Den Schlosswächtern gefällt dies nicht, sie lassen aber die Inder in Frieden, verscheuchen stattdessen ein paar Hippies.

Szenen aus Lwiw/Lemberg

Szenen aus Lwiw/Lemberg

© Dagmar Schwelle
Szenen aus Lwiw/Lemberg
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Szenen aus Lwiw/Lemberg

Szenen aus Lwiw/Lemberg

© Dagmar Schwelle
Szenen aus Lwiw/Lemberg
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IT-Expertin Kris Kosyk

IT-Expertin Kris Kosyk

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Eingangshalle des Hotel George

Eingangshalle des Hotel George

© Dagmar Schwelle

 Ich drehe mich, da blitzt etwas auf: Die Weichsel funkelt und lockt. Auf der anderen Seite des Flusses verliere ich mich in einem Neubauviertel, Kräne hieven Fenster für prächtige Townhouses hoch. Über einer Hinterhof-Bar hängt ein fünf Meter langes Laken, darauf ist übergroß ein Satz gestickt: „Polen! Noch eine Anstrengung …“, übersetzt mir ein Passant. Was könnte damit gemeint sein? Man nennt mir die Adresse der Künstlerin, ich fahre zu Monika Drożyńska in die Altstadt. „Die Stickerei gehört zu meinen urbanen Installationen“, sagt die 38-Jährige in ihrem Studio, „der Satz ist ein Aufruf, am Nationalfeiertag nicht bierernst zu marschieren, sondern sich zu freuen und zu feiern.“ Drożyńska sieht sich als Aktivistin gegen das Patriarchat und den Smog in der rußigen Stadt, für ein Europa des gegenseitigen Respekts. Aber was Galizien ist? „Ein Wort, es ist da, aber was es heißt …“, es folgt Schulterzucken.

Früh am nächsten Morgen schlendert ein Mann über den Stary Kleparz, einen überdachten Markt, und mustert die Bündel aus Ampfer und Meerrettich, er trägt schwer an der Roten Bete in seinem Beutel. „Natürlich existiert Galizien“, sagt er, „und zwar in der Kultur – sie wird jeden Tag immer stärker.“ Er heißt Wojciech Ornat und lädt mich zu seinem Restaurant ein, für das er einkauft. „Galizien war der Prototyp der EU, eine Art moderne Schule für Politiker“, erklärt er und stößt die Tür zum „Klezmer-Hois“ auf. Als Ornat, heute 54, vor 30 Jahren von seinen Eltern erfuhr, dass sein Urgroßvater Jude war, vertiefte er sich in die Geschichte Krakaus. „Essen ist ein Teil jeder Kultur“, sagt er, „also stöberte ich in galizischen Kochbüchern aus dem 19. Jahrhundert und befragte die Alten nach Rezepten.“ Als Erster in Krakau eröffnete er 1992 ein Gasthaus mit jüdisch-galizischer Küche, viele haben es ihm nachgemacht. Galizische Küche erlebt derzeit eine Renaissance, nach Fast Food und internationalem Allerlei, das seit dem Ende des Kommunismus 1989 dominierte. Der alte Begriff, glaubt Ornat, weist in die Zukunft. „Galizien steht für das neugierige, weltoffene Polen“, sagt er.

Wärme-Werk: die Krakauer Künstlerin Monika Drozyńska mit Stickarbeit

Wärme-Werk: die Krakauer Künstlerin Monika Drozyńska mit Stickarbeit

© Dagmar Schwelle
Füße hoch! Tänzer Oleksandr Bogachuk am Potocki-Palast in Lemberg

Füße hoch! Tänzer Oleksandr Bogachuk am Potocki-Palast in Lemberg

© Dagmar Schwelle

 Kazimierz, das alte jüdische Viertel im Süden Krakaus, brummt vor Leben. Im Keller der Bar „Alchemia“ spielt die Band Aerial Rain ihren „US Apocalyptic Folk“, draußen stehen junge Polen Schlange an den Zapiekanka-Ständen, der hiesigen Version des Croques. Doch das Aufleben jüdischer Kultur in Kazimierz dreht sich nicht nur ums Essen. Es gibt ein neues Galizien-Museum, das 2008 gegründete Gemeindezentrum und viele neue Bars und Clubs. Am späten Abend serviert Ornat eine Orgie aus Gans. Als Vorspeise gibt es zart gekochten Gänsemagen in Zwiebelsauce und dann Gänse-Pastrami – die Urform jeder Pastrami aus gewürztem und geräuchertem Fleisch. Als Hauptgang gefüllter Gänsehals, eine Art Bratwurst aus Gänseleber und Nudeln. Das Essen ist altmodisch und wirkt dennoch wie die neueste Kreation eines Hipster-Kochs.

„Galizien“ ist in Krakau immer wieder Thema. Das irritiert, denn es ist ja ein Begriff aus vergangener Zeit. Doch nicht nur Hotels nennen sich so, auf Plakaten wirbt eine „Galicja-Band“ für den nächsten Auftritt, eine „Galicja“-Eventagentur um Zuschauer, und eine Firma namens „Berolina Galicja“ preist Computerdienstleistungen an – ganz schön viel für ein Land, das es nicht mehr gibt. Bestimmt verliert sich das weiter ostwärts, denke ich, und nehme den Bus nach Lemberg, offiziell Lwiw.

Der Weg zum Mittelpunkt Europas ist nicht ohne Tücken

Der Weg zum Mittelpunkt Europas ist nicht ohne Tücken

© Dagmar Schwelle

 Zwischen Südpolen und der Westukraine, also mitten in Galizien, liegt eine Grenze, die keiner so einfach überquert. Kilometerlange Autoschlangen kündigen den grauen Grenzposten an. Mancher wartet hier ein, zwei Tage. Der Schriftsteller Joseph Roth, 1894 in Galizien geboren, bezeichnete sein Land als „Zwischenreich“, ein Pendel zwischen Unterentwicklung und Fortschritt – für die einen tiefste Provinz, für die anderen kultureller Schmelztiegel. Und Eldorado, als Erdölfunde Galizien zum Zentrum einer Ölindustrie machten. Ein Zwischenreich ist diese Grenze auch heute, hier endet der Schengen-Raum der EU.

Auf die Schönheit von Lemberg war ich nicht gefasst: Bauten aus Renaissance, Barock, Klassizismus, Jugendstil – nicht einige, sondern alle Häuser laden zu einer Tour ein! Die Altstadt wirkt wie aus einem Guss und kommt mir sehr westlich vor. Nicht umsonst diente die Stadt zu Sowjetzeiten als Kulisse für heimische Filme, die in Paris oder Rom spielen sollten. Es sind die jungen Lemberger selbst, die hier flanieren, kaum Touristen. Joseph Roth nannte Lemberg eine „Stadt der verwischten Grenzen“, doch es ist auch eine Stadt der verwischten Erinnerungen, immer wieder durchgeschüttelt, immer wieder auf die Suche geschickt nach einer Identität.

Maria verkauft eingelegte Pilze

Maria verkauft eingelegte Pilze

© Dagmar Schwelle
Eine Schale voll Glück: Borschtsch im Lemberger Restaurant Baczewski

Eine Schale voll Glück: Borschtsch im Lemberger Restaurant Baczewski

© Dagmar Schwelle
Auf einen Absacker: die Bar Alchemia im Krakauer Kazimierz - Viertel

Auf einen Absacker: die Bar Alchemia im Krakauer Kazimierz - Viertel

© Dagmar Schwelle
Mann verkauft Essen
© Dagmar Schwelle

 Der Kampf der Nationalismen bedeutete das vorläufige Ende der galizischen Idee. Viele Ukrainer aus der Provinz und dem Osten zogen nach 1945 in die Stadt, und auch viele Russen. Der Blick der Bewohner auf die wechselvolle Vergangenheit hat sich verändert, ist im Laufe der Jahrzehnte differenzierter geworden. Vor dem Café Virmenka erwartet mich ein Mann mit sanften Augen und Schelmengesicht. „Unsere Großeltern hatten eine pragmatische Einstellung zu Lemberg“, sagt Ostap Slyvynsky, 39, ein Dichter, der an der Universität Literatur-Vorlesungen hält, „das änderte sich erst in den Siebzigern, und zwar genau hier.“ Das Interieur des Cafés hat sich seitdem nicht geändert, den starken türkischen Kaffee kocht der Kellner weiter in Behältern auf, die wie ehedem in einem Bett aus elek­trisch erhitztem Sand stehen, eine Sowjet-Erfindung. Lemberger lieben Kaffee, eine Tradition, die sie gern von den Österreichern übernahmen. „In den 1970er-Jahren gründeten sich die ersten Hippie-Kommunen in Lemberg. Sie zogen auch Leute aus Russland und anderen Ostblockstaaten an“, sagt Slyvynsky, „es war der erste Versuch, sich mit der Stadt zu identifizieren, sie als natürlich zu empfinden.“ Ein wichtiger Treffpunkt der Outsider war das Virmenka.

Landkarte Galizien
© Cristóbal Schmal

Krakau

Lemberg

Dilowe

 Seit damals ist viel passiert. „Unsere Generation stellt noch mehr Fragen nach der Geschichte. Wir erschließen uns die Stadt und holen die Erinnerung zurück“, berichtet Slyvynsky. Er zeigt Straßen, vor drei Jahren menschenleer, nun mit Cafés und Kneipen: „Eine unumkehrbare Entwicklung, ich bin sehr optimistisch.“ Wir trinken in einer Bar ohne Namen den starken Staryi Rynok, einen Likör auf Brandybasis mit Nüssen, Honig und Gewürzen. Dann besuchen wir die armenische Kathedrale, einen Bau aus dem 14. Jahrhundert. Im Sonnenlicht, das durchs Fenster fällt, zeigt Slyvynsky auf Inschriften in mehreren Sprachen. „Als dies hier Galizien hieß, konnten die Lemberger bis zur Adria fahren, ohne eine Grenze zu überschreiten. Aus west­licher Sicht sind wir östlicher Rand, aus Moskauer Perspektive der westliche Rand – also sind wir mittendrin in Europa.“

Am Potocki-Palast posieren Bräute in pastellfarbenen Kleidern und Kinder in bestickten Westen, als passten sie sich dem Bau aus dem 19. Jahrhundert an. „Die Schönheit dieses Palastes erscheint uns Einheimischen normal“, sagt Kris Kosyk, „es gibt aber noch ein anderes Lemberg.“ Wir fahren in den Süden der Stadt. Vor der Glasfassade eines modernen Hochhauses weht die Europafahne. Kosyk nimmt den Fahrstuhl in den sechsten Stock. Dort stehen Glaskästen mit riesigen Bildschirmen auf bunten Teppichen. Die Firma SoftServe, 1993 von ehemaligen Studenten gegründet, ist mit 3000 Mitarbeitern in Lemberg der größte IT-Dienstleister der Ukraine. Auch Kosyk fing hier als Studentin an, heute ist die 35-Jährige Vize­präsi­dentin des Unternehmens. „Lemberg ist ein traditionelles Wissenschaftszentrum“, sagt sie. Tatsächlich war die Stadt schon zu galizischen Zeiten ein Zentrum der Mathematikforschung – und sie ist es geblieben. Jedes Jahr entlassen die Lemberger Universitäten 4000 diplomierte IT-Spezialisten. Dies habe der Stadt einen psychologischen Wechsel beschert, sagt Kosyk: „Wir sehen Lemberg mit modernem, kosmopolitischem Blick.“ Und ja, es gebe durchaus dieses Gefühl, „galizisch“ zu sein. „Wir sprechen auch Ukrainisch mit einem polnischen Slang – und wir lieben unsere alte Stadt.“

Unterwegs in Krakau: Blick vom Rathausturm auf die Marienkirche

Unterwegs in Krakau: Blick vom Rathausturm auf die Marienkirche

© Dagmar Schwelle
Kazimierz, im 18. Jahrhundert noch eigenständig, heute ein beliebter Stadtteil

Kazimierz, im 18. Jahrhundert noch eigenständig, heute ein beliebter Stadtteil

© Dagmar Schwelle

 Auf dem Weg zum Hotel George, einem an eine Oper gemahnenden Bau, passiere ich einen Stadthügel, der die Grenze der Europäischen Hauptwasserscheide bildet: Nördlich davon fließen alle Flüsse in die Ostsee, südlich münden sie ins Schwarze Meer. Endlich, der Mittelpunkt von Europa. Kurz vor Dilowe sollte er liegen, einem Dörfchen in den Waldkarpaten. Der Weg ist mühsam: sieben Stunden über mit Schlaglöchern gespickten Asphalt, vorbei an undurchdringlichem Dickicht und kargen Holzhütten. Plötzlich schlägt die Straße, bis dahin treu dem Verlauf der Theiß folgend, einen Haken: in der Kurve ein Gedenkstein, umschlossen von Bergen. „Ewiger Ort“, steht dort auf Latein, „mit großer Sorgfalt bestimmt“. Jetzt tost die Stille in meinem Kopf. Wie mondän waren Krakau und Lemberg, wie zentral und lebendig. So viel Geschichte, so viel Aufbruch. Ich fühle mich belehrt. Es begann als Reise in die Vergangenheit, gefunden habe ich die Vision eines neuen Europa.

Tipps für Krakau und Lemberg
Illustration: Gebettet
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GEBETTET

Verwöhnprogramm am Krakauer Hauptmarkt: großzügige Zimmer, luxuriös ausgestattet, im Hotel Wentzl.

wentzl.pl

Illustration: Genossen
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GENOSSEN

Im Lemberger Baczewski Restaurant gibt es neben galizischem Essen auch edlen Wodka.

kumpelgroup.com

Illustration: Gelernt
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GELERNT

Die wechselvolle Geschichte der jüdisch-polnischen Kultur zeigt das Krakauer Galicia Jewish Museum in Kazimierz.

galiciajewishmuseum.org

Illustration: Gehört
© Cristóbal Schmal


GEHÖRT

Das Dzyga in Lemberg, Galerie und Musikclub in einem, bietet ein äußerst buntes Programm.

dzyga.com

ZUM ZIEL

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