Die Mutter aller versprechen
© Tim Möller-Kaya

Die Mutter aller Versprechen

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Gute Vorsätze zum Jahreswechsel sind wie Schnittblumen. Sie blühen nicht lange. Ist es deshalb ein guter Vorsatz, keine guten Vorsätze mehr zu fassen? Das wäre der falsche Ansatz. Ich glaube an meinen Willen. Aber ich glaube nicht an Kalendertage. Außerdem gibt es falsche Vorsätze für richtige Reisen. Oder man reist falsch mit den richtigen Plänen. Ich hatte mir zum Beispiel mal vorgenommen, eine Zeit lang auf Alkohol zu verzichten. Kein Bier, keinen Wein, nicht mal eine Eierlikörpraline wollte ich mir gönnen – und flog dann nach Brasilien. Und für den Vorsatz, schlanker zu werden, war Italien auch so ein bisschen die falsche Destination.

Das sind unnötige Stresstests. Besser ist es, sich erst vor Ort zu entscheiden, welche schlechte Angewohnheit dort am leichtesten abzulegen ist.  Rauchen in den USA, Spucken in Singapur, und um nicht weiterhin jedes Insekt prophylaktisch zu erledigen, weil es möglicherweise ein Moskito oder etwas Ähnliches ist, bietet sich ein buddhistisches Land als Reiseziel an. Seitdem ich gesehen habe, wie tolerant Tibeter mit ihren Stechmücken umgehen, klatsche ich sie zwar immer noch ab, aber jetzt mit Mitgefühl. Und natürlich empfiehlt es sich, nicht nur das Reiseziel den guten Vorsätzen anzupassen, auch die Jahreszeit gehört mit in dieses Kalkül. Sollte ich mir vornehmen, nie wieder vor Anbruch der Dunkelheit zu sündigen, werde ich damit am besten im Winter beginnen. Denn die Nachhaltigkeit der kleinen Schritte ist bewiesen, und gute Vorsätze sind wie gute Männer: Sie kennen ihre Grenzen. Und können unterscheiden. Schwüre leistet man vor Gott, Vereinbarungen trifft man mit sich selbst. Und gute Vorsätze fasst man zu Silvester.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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