Leuchtrakete: der Fernsehturm von Tiflis
© Fabian Weiss

Die Zukunft tanzt

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS FABIAN WEISS

In der georgischen ­Hauptstadt Tiflis feiern Nachtschwärmer in den besten Techno-­Clubs ­unserer Zeit. Das Nacht­leben zieht Kreative aus aller Welt an, die das Gesicht des Landes ­verändern. Eine ­Reise in das pochende Herz des Kaukasus.

Das Stadion von Dinamo Tiflis ragt aus der Nacht empor wie eine graue Festung. 54 549 Menschen fasst die Spielstätte von Georgiens erfolgreichstem Fußballclub. So viele kommen nur noch selten, der Traditionsverein steckt seit Jahren in der sportlichen Krise. Bedeutender sind jetzt die bis zu 3000 Nachtschwärmer, die jedes Wochenende in den Katakomben der Arena tanzen. Die feiern und trinken. Die sich verlieren und selber finden. Die ihre Sorgen vergessen und neuen Mut fassen wollen. All das auf einem Teppich aus Techno.

Bassiani heißt der Club, der hier im Herbst 2015 öffnete. Seine Tanzfläche liegt im Bauch des einstigen Lenin-Stadions, auf dem Grund der alten Schwimmhalle. Den Eingang in dieses dunkle Reich erahnen die Ohren schon aus der Ferne. In der Luft liegt ein Wummern, dem die Tanzwütigen folgen wie den Signalen eines Peilsenders. Die Nacht ist noch jung für Tiflis, gerade mal zehn vor drei, keine Schlange um diese Zeit. Die Türsteher, Muskelmänner in kurzen Hosen, starren durch mich hindurch. Sie verteilen sich über ein Labyrinth aus Gattern. Mittendrin knöpft mir ein Gesicht voller Piercings 20 Lari ab, umgerechnet sieben Euro. Günstiger Kurs für einen legendären Laden.

Stahltreppen führen aus dem Neonlicht ins Dunkel. Ich taste mich einen Tunnel entlang, die Augen müssen sich erst an die Finsternis gewöhnen. Als sich die Betonröhre verzweigt, entscheide ich mich für links – und stehe im alten Schwimmbecken. Eine Wand aus Sound raubt mir den Atem, Bässe fahren mir die Beine hoch. Lichtblitze zucken, geben kurz den Blick frei auf Stege aus Metall, die über der wogenden Menge an den Wänden kleben. Das Publikum ist jung und queer, dick und dünn, schwarz gekleidet und hat die Haare mal blau, mal weißblond gefärbt. Viele Männer tragen Schminke, viele Frauen harte Undercuts. Die Musik malt Ekstase in ihre Gesichter.

Nebelschwaden dringen aus dem Tanztempel Cafe Gallery

Nebelschwaden dringen aus dem Tanztempel Cafe Gallery

© Fabian Weiss
Schön schick: Bar im Designerhotel Stamba

Schön schick: Bar im Designerhotel Stamba

© Fabian Weiss
Wohnblöcke aus der Sowjetzeit prägen den Anflug auf Tiflis

Wohnblöcke aus der Sowjetzeit prägen den Anflug auf Tiflis

© Fabian Weiss

 Szenekenner wie Michail Stangl, Deutschlandchef der globalen DJ-Plattform Boiler Room, halten das Bassiani für den besten Club der Welt. Das neue Berghain. Das Studio 54 dieser Epoche. Und überhaupt: Tiflis sei das neue Berlin, nicht nur des Nachtlebens wegen. Ein Sehnsuchtsort also, mit einem verlockenden Angebot für junge Menschen auf Sinnsuche: niedrige Mieten, rauschende Nächte, viel Raum zur freien Entfaltung. Ein Ort, der das Gefühl vermittelt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Warum jetzt? Und warum gerade hier? Mitten im Kaukasus, an dieser bergigen Sollbruchstelle zwischen Europa und Asien? In einer Stadt, die einst ein wichtiger Stopp auf der Seidenstraße war, über die sich immer wieder der Schatten fremder Herrscher legte? Vielleicht sind solche Fragen schon Teil der Antwort.

Der Nachmittag zuvor: Beim Landeanflug fragt mich die Flugbegleiterin, ob ich ein bekannter Techno-­DJ sei. Elektro-Musik sei Mainstream in Georgien, viel größer noch als Hip-Hop oder Jazz etwa, berühmte Plattendreher habe sie in den vergangenen Jahren ständig an Bord. Vor meinem Fenster flacht das Gebirge ab, Tiflis taucht auf aus dem Sommerdunst. Der alte Stadtkern wird umringt von Wohnblöcken aus der Sowjetzeit, irgendwo muss die Million Hauptstädter ja schlafen. Über allem thront der 274,5 Meter hohe Fernsehturm, seine Form erinnert an eine Rakete, den Bewohnern von Tiflis dient er als Kompassnadel. Nachts wechselt er die Farben wie eine Ampel.

Genug Speicherplatz? DJ im In-Club Drama Bar

Genug Speicherplatz? DJ im In-Club Drama Bar

© Fabian Weiss

 Der Weg vom Flughafen in die Stadt führt über die George W. Bush Street. Georgiens damaliger Staats­präsident Micheil Saakaschwili benannte 2005 eine Schnellstraße nach dem Texaner. Ein Zeichen des ­Dankes für einen Staatsbesuch – und ein Signal für die Westbindung seines Landes. Saakaschwili war es auch, der während seiner Amtszeit das Gesicht von Tiflis radikal veränderte: Ma­rode Altbauten wichen kühnen Kon­struktionen aus Stahl und Glas, die Architekten ­kamen meist aus dem Westen. Der deutsche Jürgen Mayer H. hinterließ wundersame Grenzposten und Tankstellen, der Italiener Michele De Lucchi baute eine „Friedensbrücke“ über den Fluss Kura, die aufgrund ihrer, nun ja, geschwungenen Form „Always Ultra“-Brücke genannt wird. Humor haben sie, die Georgier. Auffälligstes Gebäude aus der Saakasch­wili-Zeit ist aber die Konzert­halle im Rike-Park, die bis heute leer steht. In ihren ­Metallröhren, die an Requisiten aus einem Science-Fiction-Film erinnern, fand am 31. Dezember 2013 eine Silvesterparty statt. Die Veranstalter gründeten später das Bassiani.

Techno-Tänzerin auf dem alternativen Ezo-Festival

Techno-Tänzerin auf dem alternativen Ezo-Festival

© Fabian Weiss
Straßenkunst in Tiflis

Straßenkunst in Tiflis

© Fabian Weiss

 Wenn im Bassiani das musikalische Herz von Tiflis schlägt, dann beherbergt die Fabrika den kreativen Geist der Stadt. Auf dem umgebauten Industrieareal kommt vieles zusammen: Hipster aus aller Welt, die in einem Designerhostel mit 380 Betten einchecken. Einheimische, die im 1000 Quadratmeter großen Innenhof am Aperitif der Stunde nippen. Vodkast Records sitzt hier, der beste Plattenladen der Stadt. Und 100 Grafiker, Designer und Start-up-Jünger, die im Co-Working-­Space „Impact Hub“ am nächsten großen Ding tüfteln. Wem die Einfälle schwinden, der geht vor die Tür und schaut Graffiti-Künstlern beim Sprühen zu.

Die Schöpfer dieser Wunderwelt sind zwei Architekten, Gogi Sakhvarelidze, 38, und Devi Kituashvili, 40. Die beiden lümmeln an einem Holztisch vor dem Restaurant Tone und trinken Sekt mit Ananassaft. „Du auch einen?“ Danke, nein, lieber ein Craft-Bier. „Die Fabrika war in der Sowjetzeit eine Näherei, in der Arbeitsuniformen genäht wurden“, erzählt Sakhvarelidze, ganz lässig in T-Shirt und Jeans. „25 Jahre lag alles brach. Ende 2015 streiften wir zum ersten Mal durch die Hallen und wussten sofort: Das ist es.“ Kituashvili hat acht Jahre lang in London gearbeitet, Sakhvarelidze ist ein großer Berlin-Fan. „Wir wollten einen Ort schaffen, wie wir ihn aus diesen Metropolen kannten: ein Stück Kreuzberg in Tiflis.“ Sie überzeugten einen Investor und kauften dem Staat das Gelände ab. 2,5 Millionen US-Dollar, ein Rieseninvestment. Die Behörden hielten die beiden Männer für verrückt. Was sollte denn bitte ein „alternatives Krea­tivzentrum“ sein? Ein Beamter fragte entgeistert, wie denn mit „diesen Rasta-Typen“ Geld zu machen sei? Steine aber, beteuern die beiden Baumeister, habe ihnen niemand in den Weg gelegt.

Architekten-Duo mit dem richtigen Riecher: Gogi Sakhavarelidze und Devi Kituashvili

Architekten-Duo mit dem richtigen Riecher: Gogi Sakhavarelidze und Devi Kituashvili planten und betreiben das Kreativzentrum Fabrika

© Fabian Weiss
Das Kreativzentrum Fabrika. Auf dem Areal treffen Touristen auf lokale Künstler und Start-up-Entwickler

Das Kreativzentrum Fabrika von innen ...

© Fabian Weiss
Das Kreativzentrum Fabrika. Auf dem Areal treffen Touristen auf lokale Künstler und Start-up-Entwickler

... und außen: Auf dem Areal treffen Touristen auf lokale Künstler und Start-up-Entwickler

© Fabian Weiss

 Das Architekturbüro Multiverse Architectur, das Sakhvarelidze und Kituashvili gemeinsam führen, beschäftigt 21 Mitarbeiter. Es residiert in einem ausgebauten Dachgeschoss auf dem Fabrika-Gelände. Nächstes Jahr wird erweitert, ein benachbartes Areal wurde dazugekauft. Vor allem Büros sollen entstehen. Weniger Partys, mehr Business. Sehen sich die beiden Schöpfer als Motoren einer Aufwertung? Drängt die neue Coolness bald die alten Bewohner aus dem Viertel? Kituashvili knibbelt das Etikett von meiner Bierflasche und seufzt. „Gentri­fizierung hat auch immer etwas Gutes. Anfang der 90er-­Jahre war die Gegend hier eine No-go-Area“, gibt er zu bedenken. „Die Kids damals hatten nichts. Heute haben sie eine Perspektive. Was ist wohl ­besser?“ Tiflis sei immer noch billig, ein 60-Quadratmeter-­Apart­ment koste nur 200 Dollar Miete im Monat. Aber klar, Nachtleben und Kreativszene seien auch Wirtschaftsfaktoren. Mit allen Nebenwirkungen.

Betonbunker: Der legendäre Club Bassiani residiert im Bauch des ehemaligen Lenin-Stadions

Betonbunker: Der legendäre Club Bassiani residiert im Bauch des ehemaligen Lenin-Stadions

© Fabian Weiss

 Auf dem Rustaweli-Boulevard präsentiert sich stolz das alte Tiflis. Barock, Jugendstil, Klassizismus – hier wirkt die Stadt wie eine Mischung aus Wien, Paris und Budapest. Die meisten Fassaden sind restauriert. Nicht aber jene, hinter der sich eine der schrägsten Locations des Nachtlebens verbirgt. Durch ein rohes Treppenhaus geht es in den dritten Stock. Über der Eingangstür ein Schrift­zug in Neonfarben: Drama. Drinnen auf 150 Quadratmetern ein Mix aus Nachtclub und Privatwohnung, zugestellt mit moderner Kunst. Frauen in knappen Shorts und weißen Sneakern liegen in Lounge Chairs und nippen am Gin Tonic. Aus den Boxen bröckeln trockene Beats, viel Kick, viel Snare, wenig Sample. Der DJ kommt aus Paris. Alles sehr weit vorne.

Temo Machavariani, 35, führt den Laden. Er lächelt verschmitzt, dünne Arme ragen aus seinem dunklen Shirt, die Haare stehen ihm in allen Himmelsrichtungen vom Kopf. Das Haus sei schon länger unbewohnt, erzählt er. Mitten auf der Prachtstraße, verrückt, oder? Es gehöre einem Investor, der noch nicht wisse, was er mit der Immobilie machen soll. Wenn das große Geld ­zögert, nutzt die Avantgarde jede Nische. Ich frage Macha­variani nach der Lizenz für seine „Drama Bar“. „Och, so was brauchen wir hier eigentlich nicht. Das ist ja nur eine normale Wohnung, in der ein paar Leute feiern“, sagt er und grinst. Dann zieht er los zum Tresen, durch die offenen Fenster weht eine kühle Brise hinein.

Futuristische Konzerthalle im Rike-Park, im Hintergrund der Präsidentenpalast in Tiflis

Futuristische Konzerthalle im Rike-Park, im Hintergrund der Präsidentenpalast in Tiflis

© Fabian Weiss
Die Kunst im Nacken: Aprikosenstand am Rustaweli-Boulevard

Die Kunst im Nacken: Aprikosenstand am Rustaweli-Boulevard

© Fabian Weiss

 2002 veröffentlichte der US-Ökonom Richard Florida „The Rise of the Creative Class“. Der Bestseller wurde zur Bibel für Stadtentwickler und Bürgermeister. Im internationalen Wettbewerb um die „kreative Klasse“, so Florida, hätten jene Städte einen Standortvorteil, die Clubs und Kneipen sowie eine spannende Kunst- und Musikszene anbieten können. Das ziehe begehrte Talente an, in einem nächsten Schritt kämen dann die Weltkonzerne: Unternehmen wie Google und Facebook, Apple und Amazon. Auch wenn Florida sich heute eher mit der Krise der amerikanischen Großstadt beschäftigt: Tiflis steckt mitten in jenem Prozess, den der Forscher damals beschrieben hat.

Erst kamen die Touristen, jetzt steigt die Zahl der Expats. Einflussreicher aber sind Georgier, die aus der Diaspora zurückkehren. Frauen wie Irena Popiashvili, die nach Jahrzehnten im New Yorker Kulturbetrieb die Kunsthalle Tiflis leitet. Oder Manana Arabuli, die als Artdirektorin diverser Frauenmagazine in Moskau das Stilverständnis der Russinnen prägte. Zurück in der Heimat, hat sie mit ihrem Black Dog Shop eine Mischung aus Galerie und Performance-Raum, Buchladen und Concept Store geschaffen. Oder Tekuna Gachechiladze, die berühmteste Köchin des Landes, auch sie hat in New York gelernt. Drei Restaurants führt sie inzwischen in Tiflis, sie hat die georgische Küche zerlegt und neu zusammengesetzt. Jüngst hat sie der italienische Starkoch Massimo Bottura auf ein Festival eingeladen. All diese Menschen geben Tiflis Stück für Stück das Gesicht einer Weltstadt. Das gefällt nicht jedem. Georgien ist jenseits der Stadtgrenzen ein sehr konservatives Land, der Einfluss der russisch-orthodoxen Kirche unverändert stark. Jede Bewegung erzeugt hier eine Gegenbewegung. Das mussten auch die neuen Macher erfahren.

Teil einer Bewegung: Tato Getia, Sprecher des Bassiani-Kollektivs

Teil einer Bewegung: Tato Getia, Sprecher des Bassiani-Kollektivs

© Fabian Weiss

 Tato Getia, 28, Sprecher und Mitgründer des Bas­siani, sitzt im schmucklosen Büro des Clubs und redet gegen die dröhnende Klimaanlage an. „Wir wollten nie einen Laden für bestimmte Leute machen. Sondern einen Club für alle. Aber damit es so sein konnte, mussten die aggressiven Leute draußen bleiben.“ Seit der ersten Feiernacht sei das Bassiani ein „Safe Space“ gewesen, ein Ort ohne Angst. Für Schwule und Lesben, für ethnische Minderheiten, für Georgier mit westlichen Werten. Schnell habe sich das auch im benachbarten Ausland herumgesprochen. Iraner, Türken und Tschetschenen seien gekommen, dann erst wären die Techno-Jünger aus Berlin, London und Barcelona angereist. Getia, schwarze Kleidung und schwarze Tattoos, schaut durch seine Architektenbrille und sagt: „Wenn man so will, ist unser Tanz hier politisch.“

Richtig bewusst wurde das dem jungen Mann, der in Warschau Marketing und Wirtschaftswissenschaften studiert hat, am 12. Mai dieses Jahres. Scheinbar aus dem Nichts heraus wurde das Bassiani von den Behörden dicht gemacht. Auch das Cafe Gallery, eine andere berühmte Institution des Nachtlebens von Tiflis, musste seine Pforten schließen. „Das war ein großer Schock für uns“, sagt Getia, seine Stimme wird leiser dabei. Bis zu dem Zeitpunkt hatten die Verantwortlichen das wilde Treiben in der Clubszene der georgischen Hauptstadt weitgehend geduldet. Kein Wunder: Ausländische Tanz­touristen lassen viel Geld in der Stadt, auch der internationale Imagegewinn durch die florierende Party­szene ist höchst willkommen.

Helm auf der Haut: In Tiflis hat Techno eine starke Botschaft

Helm auf der Haut: In Tiflis hat Techno eine starke Botschaft

© Fabian Weiss
Handy hoch: Tänzerin im Cafe Gallery

Handy hoch: Tänzerin im Cafe Gallery

© Fabian Weiss

 Am Tag nach den Schließungen gingen 15 000 Menschen auf die Straße. Riesige Boxentürme wurden vor das Parlament geschoben, eine sehr spezielle Motto-Party begann. Schließlich trat der Innenminister vor die Menge und entschuldigte sich. Die Clubs durften wieder öffnen. Nachrichtensender aus aller Welt berichteten über die Party-Protestler von Tiflis. „Da merkte ich zum ersten Mal, was für ein ­Potenzial für unser Land hinter der Techno-Kultur steckt“, so Getia.

Die Szene zieht es heute Abend raus aus der Stadt, hinauf auf den Stadtberg Mtazminda. Weit hinter der Seilbahnstation und dem Freizeitpark steht ein Hüttendorf, wie von Riesenhand in den Hang gewürfelt. Ein paar Bierstände und Bühnen, mit bunten Girlanden und Lichterketten verbunden. Das Ezo-Festival zeigt die zarte Seite der Clubkultur von Tiflis. Der Elektro hier fußt auf Funk und Soul, die Musik hat wenig mit dem Trommelfeuer im Bassiani gemein. Über 5000 Gäste kommen an diesem Wochenende zusammen. Sie tanzen, manche barfuß, immer weiter, auch nachdem der Regen eingesetzt hat. Und sie blicken hinab auf ihre Stadt, auf eine Heimat, die sich rasch verändert.