Max Küng: Eine Saison für Anarchisten
© Daniel Egnéus

Eine Saison für Anarchisten

  • TEXT MAX KÜNG
  • ILLUSTRATION DANIEL EGNÉUS

Jeden Tag Sonne, warmes Wasser und kühle Cocktails an der Strandbar – was viele lockt, scheint dem Winterfan eintönig und trist.

Einen alten Freund traf ich, auf der Straße, lange hatte ich ihn nicht gesehen. Und wie es sich gehört, wenn man sich wirklich lange nicht gesehen hat, so sprachen wir über dies und jenes, und irgendwann erzählte er von einem Bekannten, den ich nicht nur flüchtig kannte. Der zog vor Jahren weg, und zwar aus Kiel. Er hatte eine brasilianische Schönheit getroffen, sich verliebt, er folgte ihr in ihre Heimat, die bald auch die seine wurde. Nun also lebt er in der nördlichen Ecke Brasiliens, zwischen der Mündung des Amazonas und der Grenze zu Französisch-Guyana, wo die Strände endlos scheinen und die Wassertemperatur jahrein, jahraus konstante 27 Grad beträgt. Der Bekannte arbeite dort als Surflehrer, sagte mein Freund. Ja, er habe den Traum vom „Endless Summer“ wahrgemacht.

Als mein Freund dies erzählte, bekam er einen sehnsüchtigen Blick. Weiter erzählte er: „Es fehlt ihm an nichts, nur selten überkommt ihn leichtes Heimweh, du weißt schon, die Sehnsucht nach dem Duft von Sprotten oder einem Schluck bitterherbem Bier aus einer kühlen Bügelflasche. Kann man aber wohl gut verkraften, ich meine, in Brasilien ist ja immer Sommer, überall stehen Palmen, Sonnenschein den ganzen Tag, und das einzige Problem ist, dass dir mal eine Kokosnuss auf den Schädel fällt.“

Ich nickte, pflichtete ihm bei, und nachdem wir noch ein wenig über das Leben in der Hängematte sinniert hatten und die möglichen Folgen einer Kokosnuss, die auf den Kopf fällt, verabschiedeten wir uns wieder, nicht ohne einander zu versichern, nicht wieder so lange zu warten, bis man sich wiedersähe, obwohl beide wussten, dass dem wohl genau wieder so sein würde. Ich ging meines Weges und dachte an die Strände Brasiliens. Doch je länger ich über das Gehörte nachdachte, desto weniger verlockend erschien mir diese Vorstellung vom ewigen Sommer.

 

  Ich freue mich nämlich auf den Winter, ein jedes Mal, wenn er vor der Türe steht wie ein unangekündigter, aber hoch willkommener Besuch. Ich mag auch den Schnee, den er manchmal mitbringt, und hoffe stets, er möge in großen Mengen fallen, viele Flocken über Nacht, dass die Räumfahrzeuge am frühen Morgen zu kämpfen haben, der Verkehr zusammenbricht und man die kleinen Kinder auf dem Schlitten zur Schule ziehen kann. Der Winter ist der Anarcho unter den Jahreszeiten, der die geordnete Welt aus den Angeln hebt dann und wann, für kurze Zeit. Und er ist eine Rückführung in die eigene Kindheit. Man kann winters Dinge tun, die man sonst nie tut und beinahe vergessen hat. Kugeln aus Schnee kugeln und die Kugeln zu Schneemännern auftürmen, mit Karottennasen und Kastanienaugen und Armen aus krüppeligen Ästen. Und spätestens wenn man einen richtig schön fest gepressten Schneeball an den Kopf bekommt, dann fällt einem schlagartig alles wieder ein, wie es war, damals.

Mit das Beste am Schnee sind die Geräusche, denn der Schnee, er verändert alles. Kaum etwas ist so still wie ein winterlicher Wald. Nichts hört man, bloß den eigenen Atem und die knarzenden, knirschenden Schuhe. Der Schnee ist auch ein Schalldämpfer – bis ein Ast unter der Schneelast nachgibt und eine Ladung des weißen Pulvers niederrieseln lässt in einer feinen Kaskade, gefolgt von der Ruhe, die zuvor geherrscht hatte.

Es ist nicht einfach bloß der Schnee, der den Winter so besonders macht, sondern auch die Kälte und die schneidende Klarheit der Luft. Der Winter lässt uns erfahren, dass die Dinge sich wandeln, zu einem Ende kommen. Aber der Winter taucht nicht ohne das Versprechen auf, dass er wieder gehen wird. Der Frühling wird ihm folgen, und mit ihm ein Neubeginn. Es ist ein Versprechen, von dem man weiß, dass es gehalten wird. Auf den guten alten Winter kann man sich verlassen.

Ich müsste bald meinen Freund anrufen und ihm sagen: Die Vorstellung eines Meeres, welches jahrein, jahraus 27 Grad warm sei, von einer Gegend ohne Jahreszeiten, aber immerzu Sonnenschein, dies alles schiene mir, je länger ich darüber nachdächte, einfach nur langweilig.


 Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.