Französische Dauerwelle – Der Atlantik bei Guéthary, Lufthansa Magazin
© Sarah Arnould

Französische Dauerwelle

  • TEXT SILKE BENDER
  • FOTOS SARAH ARNOULD

Biarritz war in den Fünfzigern die Wiege von Europas  Surfer-Szene – und ist noch immer der perfekte Ort für die ultimative Welle. Im Mai treffen sich hier die besten Longboarder zur Weltmeisterschaft.

Die Wellen sind launische Geliebte – mal brav, mal wild, mal unberechenbar. Und heute wissen sie überhaupt nicht, was sie wollen: Sie kriegen ihre Buckel nicht richtig hoch und brechen sich in alle möglichen Richtungen. Christophe Moraiz steht am Strand der Côte des Basques in Biarritz und schüttelt den Kopf. „Der Wind weht onshore, also vom Meer zum Land, und drückt die Wellen nieder. Keine guten Bedingungen.“ Obwohl die Sonne scheint und rund 30 Surfer in Neoprenanzügen wie Robben bäuchlings im Wasser schaukeln, weil sie trotz der widrigen Umstände auf einen guten Ride hoffen, bleibt Moraiz’ Surfboard heute trocken. Der 46-Jährige kann auf die perfekte Welle warten. Es muss ja nicht gleich die Belharra sein, jenes sagenumwobene 18-Meter-Monster, das sich im Winter manchmal vor dem Ort Urrugne südlich von Biarritz aufbaut und Adrenalin-Junkies aus aller Welt davon träumen lässt, sie einmal im Leben zu bezwingen. Moraiz selbst surft seit seinem fünften Lebensjahr und steht das ganze Jahr über auf dem Brett – ob das Meer nun zwölf Grad kalt ist oder 24 Grad warm. Und er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht: 1999 übernahm er nach dem Tod seines Vaters die Leitung der ältesten Surfschule Frankreichs. Ende Mai wird direkt vor seinem Zeltstand die Longboard-WM ausgetragen, bei der die weltbesten Wellenreiter ihre Champions ermitteln.

Schroffe Felsen, breite Sandstrände, die beständig mächtige Dünung des Atlantiks: Biarritz ist seit mehr als 60 Jahren das Kalifornien der europäischen Surferszene. Menschen mit Surfbrettern unterm Arm prägen die 25 000-Einwohner-Stadt im äußersten Südwesten Frankreichs ebenso wie die prächtigen Villen, die sich in ihrer Extravaganz gegenseitig zu überbieten suchen. Mitte des 19. Jahrhunderts begann sich das einstige Fischerdorf zur Sommerfrische des europäischen Adels zu wandeln, nachdem Kaiser Napoléon III. seiner Frau Eugénie einen Palast mit Meerblick bauen ließ. Seit 1880 beherbergt der Bau das luxuriöse Hôtel du Palais, das zurzeit wie ein Christo-Kunstwerk in Plastikplanen gehüllt ist: Renovierungsarbeiten, bevor sich hier im August die G7-Staatschefs treffen. Für die Surfer heißt das, dass sie sich dann ein paar Kilometer weiter nördlich, im Nachbarort Anglet, in den Atlantik stürzen müssen.

Französische Dauerwelle

Xavier Leroy am Strand

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Französische Dauerwelle

Zeitlos: typischer Surferbus

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Französische Dauerwelle

Surfen avantgadistisch: Xavier Leroy auf einem Hydrofoil Board in Aktion

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Französische Dauerwelle

Shaper-Werkstatt mit notwendigen Werkzeugen

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Französische Dauerwelle

Surflehrer Christophe Moralz

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 „Vor 30 Jahren war ich hier noch ziemlich allein im Wasser“, erzählt Moraiz. „Surfen war damals ein Nischensport. Das änderte sich erst in den Neunzigern, als die Bretter dank Hartschaum leichter und Neoprenanzüge erschwinglich wurden.“ Heute muss er sich die Côte des Basques in der Hochsaison oft mit bis zu 300 anderen Wellenreitern teilen –und mit den Badegästen natürlich. In der Stadt buhlen inzwischen knapp 20 Surfschulen um rund 20 000 Schüler pro Jahr. Der flach abfallende Strand verschafft gerade Anfängern schnell Hochgefühle, wenn sie das erste Mal auf dem Brett stehend strandwärts gleiten. „Man braucht dafür gar nicht weit rauszuschwimmen“, so Moraiz, „schon im bauchtiefen Wasser kann einem der erste Ride gelingen.“ Und wenn nicht, helfen er und seine Leute mit einem Schubs nach, denn frühzeitiger Erfolg fördert die Motivation.

Daran hat sich auch nichts geändert, seit Christophes Vater Jo hier den Kult des Surfens begründete. Das war 1957 – damals wurde Hemingways Roman „Fiesta“ in Biarritz verfilmt, und der Drehbuchautor des Films, Peter Viertel, entdeckte die fantastischen Surfbedingungen vor Ort. Also ließ er seine Bretter – die noch aus Holz waren – von der US-amerikanischen Westküste einfliegen. Nach Abschluss der Dreharbeiten schenkte er sie Jo Moraiz. Der konnte fortan nicht mehr von ihnen lassen und wurde mit einer Handvoll weiterer Pioniere zu den „Tontons Surfeurs“, den Surf-Onkels, die als Lokalhelden in die Geschichte von Biarritz eingingen.

Wer heute, 60 Jahre später, als Surfer etwas auf sich hält, lässt sich ein Board auf den Leib schneidern – oder „shapen“, wie der Fachmann sagt. Zum Beispiel bei Stark Surfboards in Anglet. Dessen Inhaber Vincent Maréchal gibt gerade einem Board mit einem Kern aus Polyurethan-Schaum den letzten Schliff. Ein anderes, das er für einen Kunden bereits mit einer baskischen Flagge dekoriert hat, wartet unter einer Plane aus Fiberglas­gewebe darauf, dass Maréchal es mit Harz überzieht. „Ein cus­tom-­made board ist wie ein Maßanzug“, sagt der 37-Jährige, „man kann damit einfach besser surfen, weil es auf Gewicht, Größe und Können des Surfers individuell abgestimmt ist. Dabei sind solche Boards mit Preisen ab 600 Euro nur unwesentlich teurer als welche von der Stange.“

Französische Dauerwelle – Plage du Port Vieux

Logenplatz zum Surfer-Gucken: die Plage du Port Vieux in Biarritz

© Sarah Arnould

 Maréchal, gebürtiger Bretone, hatte schon als Kind nichts als Surfen im Kopf, wie er sagt. Seinen Eltern zuliebe studierte er zunächst „etwas Vernünftiges“ wie Maschinenbau und brachte sich das Shapen nebenbei selbst bei. Schließlich zog er die Küste südwärts und landete bei Jean-Pierre Stark, dem Guru der Shaper persönlich, der ihm die letzten Kniffe beibrachte. Stark hatte das Surfen in den Fünfzigern auf Tahiti gelernt und dort bereits erste eigene Boards gefertigt. In den Achtzigern belieferte er mit seinen Hochleistungs-Brettern Champions wie den Kalifornier Tom Curren, den Australier Tom Carroll und den französischen Surfstar Didier Piter. Als sich Stark 2016 zurückzog, übernahm Maréchal die Firma.

Eine Pionierin der Surfszene ist auch die Schwedin Lena Stübner, denn sie brachte die Idee vom Surfcamp ins franzö­sische Baskenland, genauer: nach Hossegor, rund 40 Kilometer nördlich von Biarritz, wo die Steilküste zu einer endlosen Dünenlandschaft abfällt. Hier betreibt die 44-Jährige ihr Koala Surf House, ein kleines Strandhaus mit roten Fenster­läden und nordisch-hellem Interieur in Weiß und Holz. Während der Saison von April bis Oktober teilt sie Küche und Wohnzimmer sowie ihre Surf- und Skateboards mit bis zu zwölf Gästen, die in zwei Schlafsälen untergebracht sind. Als sie das Camp 2004 nahe der drei besten Surfspots des Ortes eröffnete, war es das Erste seiner Art – inzwischen gibt es Dutzende davon.

Stübner war eine bekannte Fernsehmoderatorin in ihrer Heimat, als sie vor 20 Jahren mit ihrem Freund nach Hossegor kam. Zuvor hatte sie ihm versprechen müssen, nicht zu murren, wenn er den ganzen Tag nicht aus dem Wasser kommt. Doch dann stellte sich Lena sogar gleich selbst aufs Brett. „Der erste Adrenalinstoß vor der großen Wasserwand, der erste gelungene Ride – und es war um mich geschehen!“ Als sie 29 war, ließ die Schwedin ihre TV-Karriere sausen. Seither ist ihr Motto: Lebe einfach und surfe, soviel es geht. „Anfangs war ich grottenschlecht“, erinnert sie sich. „Doch weil ich bei jedem Wetter ins Wasser ging, bekamen alle Respekt vor mir – und schimpften auch nicht, wenn ihnen die Anfängerin mal wieder die Vorfahrt nahm. Dabei können Surfer ziemliche Machos sein, die Szene ist noch immer eine Männerwelt. Mittlerweile aber sind die Hälfte meiner Stammgäste Frauen.“

Französische Dauerwelle

Schwedin im Surf-Exil: Lena Stübner zog 2004 das erste Surfercamp bei Biarritz auf

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Französische Dauerwelle

Im Sprint an den Strand: typische Gangart auf der Promenade

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 Doch ob Surfergirl oder Surferboy: Die Hackordnung vor einer guten Welle ist gnadenlos. „Ich habe in Anglet schon Schlägereien am Strand erlebt“, erzählt der Ex-Profi Xavier Leroy. „Surfer sind Einzelkämpfer, und wenn es zu viele werden, verlieren manche schon mal die Nerven.“ Der 38-Jährige gehörte dem französischen Surf-Nationalteam an und verdiente zehn Jahre als Testimonial verschiedener Surfmarken sein Geld. Heute unterrichtet er als Privatcoach Anfänger und Fortgeschrittene am Strand Les Sables d’Or nördlich des Leuchtturms von Biarritz. Und damit seine Schüler die Wellen mit niemandem teilen müssen, radelt er mit ihnen auch auf E-Fatbikes durch den Sand zu entlegenen Surfspots, die weiter nördlich liegen.

Xavier Leroy zählt auch zu den ersten Foil-Surfern der Region. Hydrofoil-Surfing oder Windfoiling ist eine Art Schwebe-Surfen, das der schon zu seinen Lebzeiten legendäre Big-Wave-Surfer Laird Hamilton aus Hawaii erfunden hat. „Es ist mehr ein Gefühl zu fliegen als zu gleiten, und es funktioniert schon bei kleinen Wellen“, schwärmt Leroy. Möglich macht das eine lange Finne, „Mast“ genannt, die unter der Wasseroberfläche in eine Querstrebe mit zwei sogenannten Flügeln mündet. Wie die Tragflächen eines Flugzeugs geben sie dem Board Auftrieb – gewinnt das Brett an Fahrt, erhebt es sich auf dem Stab aus den Wellen. Obwohl diese Variante des Surfens noch jung ist, produzieren erste Marken schon Foilboards in Serie. Surf-Anfänger aber sollten die Finger davon lassen: Die Handhabung sei schwierig, so Leroy, die Verletzungsgefahr durch die Superfinne nicht zu unterschätzen. Das ist auch der Grund, warum der Bürgermeister von Anglet die Foils im letzten Sommer von seinen Stränden vorsorglich verbannt hat. Leroy aber ist sich sicher, dass sich das Foil-Surfing trotzdem durchsetzen wird – wie schon das Wellenreiten in den Sechzigern. Damals hätte die Stadt Biarritz die Jungs mit den langen Haaren, der Rockmusik und den Longboards am liebsten für immer von den Stränden der Stadt vertrieben – und verbot das Surfen für einige Zeit. Doch die perfekte Welle ist nun mal nicht aufzuhalten.

 

 

 

 

 

1 Urrugne/Welle Belharra

2 Beaches: Côte Des Basques/ Plage Du Port Vieux

3 City Center Biarritz

4 Beach Les Sables D’or

5 Koala Surf House, Hossegor

6 Shaper House

7 Anglet

Französische Dauerwelle: Karte
© Critóbal Schmal

Wo die Bretter die Welt bedeuten

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ÜBERNACHTEN

Im Hotel Silhouette, einem modern eingerichteten Stadtschloss mit Meerblick, von der perfekten Welle träumen.

hotel-silhouette-biarritz.com

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APRÈS SURF

Hoch über dem Strand der Côte des Basques serviert die Bar Etxola Bibi Bier und Panini zum Sonnenuntergang.

facebook.com/etxolabibi

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TROCKENER RITT

Im 5-D-Surfsimulator des interaktiven Meeresmuseums Cité de l’Océan gleiten auch Nichtschwimmer über die Wogen.

citedelocean.com

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WELLENREITERHIMMEL

Croissant, getrimmter Bart und sein Board selbst bauen: Das Shaper House ist Café, Friseur und Werkstatt in einem.

shaper-house.com

ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt ab 25. Mai einmal wöchentlich von München (MUC) nach Biarritz (BIQ). Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app