Singapur: Aufmacher
© Meiko Herrmann

Großstadt-Dschungel

  • TEXT ADRIAN PICKSHAUS
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

Singapur galt lange als streng und steril. Dabei verzaubert die asiatische Metropole mit viel tropischem Grün. Mit einem Zukunftsplan will die Stadt den Ausgleich zwischen Mensch und Natur langfristig sichern. Kann das gelingen?

Am blassbraunen Fluss döst ein Leistenkrokodil in der Sonne. Graureiher staksen am Ufer, halten penibel Abstand zu der Raubechse. Über dem Geschehen kreist ein Seeadler, bereit, hinabzutauchen in das Gewimmel von Fischen unter der Wasseroberfläche. „Kommt, hier rechts entlang“, sagt Subaraj Rajathurai, ein massiger Kerl mit weißem Bart und blauem Kopftuch. Fotograf und Autor folgen ihm, tasten sich langsam hinein in den Mangrovenwald. Das Blätterdach nimmt die Mittagssonne. „Stopp!“, zischt Rajathurai plötzlich. Fünf Meter entfernt schlängelt sich ein schwarzes Band über den Weg. „Eine Speikobra“, erklärt Rajathurai, „sie spuckt dir Gift in die Augen!“ Adrenalin schießt uns in die Glieder. Doch schon verschwindet das Reptil wieder im Dickicht.

Die Szene spielt im Sungei Buloh, einem Naturreservat im Nordwesten von Singapur. Hier, an der nassen Grenze zum großen Nachbarn Malaysia, zeigt sich der asiatische Stadtstaat von einer unbekannten Seite: wild, grün und einsam. Die berühmte Skyline aus Stahl und Glas ist nicht zu sehen, statt Wolkenkratzern ragen Urwaldriesen empor. Vogelschwärme tupfen Muster in den Himmel. „Das Gebiet hier ist besonders beliebt bei Birdwatchern“, sagt Rajathurai, der selbst Touren durch das mehr als 200 Hektar große Areal organisiert. 126 verschiedene Vogelarten hat er hier selbst schon gezählt, darunter viele Zugvögel auf der Durchreise nach Australien.

Singapur: Riesengleiter

Riesengleiter im Bukit-Timah-Reservat

© Meiko Herrmann
Singapur: Schlange

Spei-Kobra im Sungei Buloh Wetland Reserve

© Meiko Herrmann

Pflanzen kühlen das Gebäude, so sparen die Betreiber Strom

Shirin Taraz-Breinholt, Woha Architects

 „Ich liebe diesen Ort“, sagt Rajathurai, während er mit Röntgenblick die Umgebung nach Leben scannt. Man glaubt ihm das, schließlich ist der Mann einer der bekanntesten Umwelt-aktivisten Asiens: Seit mehr als 30 Jahren kämpft er in Singapur für Flora und Fauna, setzt sich für den Erhalt des Dschungels ein und zeigt Schulkindern die Wildnis. Außerdem arbeitet er als „Wildlife Consultant“. Als was? „Ich berate Bauherrn. Oft haben sie keine Ahnung davon, was auf ihrem Grundstück so kreucht und fleucht.“ Am Ende jedes Auftrags stehe ein Gutachten, in dem er die gesamte Artenvielfalt einer Baulücke aufliste – vom Schmetterling bis zur Python. „Aber wichtiger ist die Empfehlung, die ich ausspreche. Ich suche darin die Antwort auf eine schwierige Frage: Wie lassen sich Stadt und Natur in Einklang bringen?“ Es ist die Frage, die Singapurs Zukunft entscheiden kann.

Der Stadtstaat wächst rasant. Experten schätzen, dass Singapurs Einwohnerzahl von heute knapp sechs Millionen bis ins Jahr 2030 auf sechseinhalb bis sieben Millionen anschwellen wird. Und das auf einer Fläche, die in etwa dem Stadtgebiet von Hamburg entspricht. Also wird gebaut, meistens platzsparend in die Höhe. Doch die Lebensqualität, so der Wille der Stadtväter, soll unter dem Bauboom nicht leiden. Deshalb muss die Natur mitwachsen. Die Vision lautet: neue Häuser bekommen ein grünes Kleid.

Singapur: Stadt

Shopping-Trubel in der Orchard Road

© Meiko Herrmann

 Shirin Taraz-Breinholt hilft dabei, diese Kleider zu schneidern. Die deutsche Architektin arbeitet seit 14 Jahren bei Woha, einem der progressivsten Büros für grünes Bauen in Asien. Wir treffen sie Downtown auf einer malerischen Dachterrasse. „Also, was haben wir denn hier“, beginnt die gebürtige Kölnerin, während sie im blauen Designerkleid durch grüne Beete streift. „Limetten, Passionsfrüchte – und etwas Spinat!“ Rund 100 Mitarbeiter arbeiten in der Woha-Zentrale nahe dem Singapore River. Ihre Lunchsnacks könnten sie selber ernten.

Der Standort ist mehr als nur ein Büro. Er ist ein Labor. Durch den Kern des sechsstöckigen Baus zieht sich ein Lichtschacht, dessen Seiten rundherum bewachsen sind. „Vertikale Gärten sind ein fester Bestandteil vieler unserer Entwürfe“, erklärt Taraz-Breinholt. „In diesem Schacht testen wir, welche Pflanzen auch bei schwierigen Lichtverhältnissen gedeihen.“ Das Grün wuchert an Rankgerüsten entlang und in Beeten, die in die Wände integriert sind. Das Ergebnis: kein muffiger Geruch, wenig Aufwand in der Pflege. „Immer mehr Auftraggeber verlangen nach grünen Ideen. Aber keiner mag später ein Dutzend Gärtner einstellen“, sagt Taraz-Breinholt und lacht. Deshalb müsse man die Aufwände minimieren.

Das Team bei Woha kommt aus aller Welt. Australier, Indonesier, Chinesen und natürlich Einheimische arbeiten hier in hellen Studios. Das passt gut in den Vielvölkerstaat Singapur, dessen nationale Identität sich aus dem Prinzip des Schmelztiegels ableitet. Gründungs-Premier Lee Kuan Yew rief schon 1967, gerade zwei Jahre nach der Unabhängigkeit, eine Initiative ins Leben, die Singapur zur „Gartenstadt“ machen sollte. In seiner 31-jährigen Amtszeit wurden unzählige Bäume gepflanzt, heute sollen es rund zwei Millionen sein, die im Stadtgebiet Schatten spenden. 95 Prozent der Einwohner haben inzwischen einen Park um die Ecke. Die Menschen von Singapur schätzen das Grün auch, weil es zu ihrer Geschichte gehört.

Singapur: Mann

Anwalt des Dschungels: Subaraj Rajathurai

© Meiko Herrman
Singapur: Affen

Affenbande: Langschwanzmakaken erobern die Zivilisation

© Meiko Herrmann

 Taraz-Breinholt schaut aus dem Fenster. Und blickt auf eines der Vorzeigeobjekte ihres Büros: Parkroyal On Pickering. Das Luxushotel mit 367 Zimmern und Suiten wirkt wie eine Oase im Stadtzentrum. Der Bau ist dreigeteilt, dazwischen fallen grüne Terrassen die Fassade hinab. Der Betrachter denkt an Reisfelder in Vietnam, eine Assoziation, die nicht zu sterilen Singapur-Klischees passt. „Doch es geht uns nie nur um das Design“, unterstreicht Taraz-Breinholt, „sondern vor allem um die Funktion: Die Pflanzen kühlen das Gebäude, so sparen die Betreiber Strom für die Klimaanlagen. Gleiches gilt für die Windkanäle, die wir geschaffen haben.“ In Westeuropa verbindet man Zug mit Ungemütlichkeit – in der Tropenstadt Singapur aber lieben die Menschen eine frische Brise. Die Begrünung filtere zudem die Luft und den Lärm, sagt Taraz-Breinholt. Die Öko-Bilanz eines Gebäudes verbessere sich massiv. Und schließlich sei da noch der Faktor „Biophilie“. Der Begriff geht auf den deutschen Psychoanalytiker Erich Fromm zurück. Der bezeichnete damit die Liebe des Menschen zu allem Lebendigen. Was das mit grünem Bauen zu tun hat? „Einfach formuliert würde ich sagen: Menschen in bepflanzten Wohnungen und Häusern geht es besser“, so die 45 Jahre alte Architektin. „Die Bewohner erleben weniger Stress, ihr Blutdruck sinkt, und sie werden weniger krank. Das zeigen viele wissenschaftliche Studien.“

Singapur dient Stararchitekten als Spielwiese. Ole Scheeren baute hier seinen viel diskutierten Apartmentkomplex „The Interlace“, Daniel Libeskind die Wohntürme „Reflections“, der Harvard-Professor Moshe Safdie das Luxushotel „Marina Bay Sands“. Prestigebauten sind ein Unterscheidungsmerkmal im globalen Wettbewerb der Städte. Aber immer mehr Menschen, gerade hoch qualifizierte Expats, möchten nicht nur schön wohnen. Sie wollen nachhaltig leben. Auch deshalb will Singapurs Regierung bis 2030 die CO2-Emissionen drastisch reduzieren. 80 Prozent der Neubauten sollen nach strengen, nachhaltigen Kriterien errichtet werden. Davon profitieren die Spezialisten von Woha: Gerade wurde die von ihnen entworfene Kampung Admirality eröffnet, ein staatlich finanziertes elfstöckiges Mehrgenerationenhaus. Über die abgestuften Dächer quellen Büsche und Bäume, die Pflanzen bilden den Rahmen für Spielplätze und Foodcourts, eine Klinik und ein Senioren-Gym.

Singapur: Zeigen

Guter Hinweis: Ng Boon Gee erklärt die "Supertrees"

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Singapur: Hotel

Das Hotel Parkroyal on Pickering ist eine grüne Oase

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Singapur: Frau

Architektin Shirin Taraz-Breinholt

© Meiko Herrmann

 Touristen bekommen von solchen Projekten oft wenig mit. Die preisgekrönte Anlage liegt in einem der nördlichen Viertel von Singapur, deren Stadtlandschaft durch „HDBs“, Gebäude des öffentlichen Wohnungsbaus, definiert wird. Doch auch die Besucher von Downtown können den grünen Wandel der Stadt erleben. Vor allem in den „Gardens by the Bay“, einer der größten Attraktionen überhaupt: 18 stählerne Riesenbäume ragen hier bis zu 50 Meter hoch in den Himmel. An den sogenannten Supertrees ranken sich Hunderttausende Pflanzen empor. Daneben stehen zwei gigantische Gewächshäuser, in einem der Glasbauten stürzt ein mehr als 30 Meter hoher Wasserfall in die Tiefe. Auf dem Areal scheint sich der Gigantismus von Dubai mit der Dschungel-Utopie „Avatar“ zu paaren.

Der Herrscher über diese Welt trägt ein weißes Polohemd und schnurrt in einem elektrischen Golfwagen heran. „Steigt ein“, sagt Ng Boon Gee, und schon düst der 49-Jährige wieder los. Lauffaul sei er nicht, im Gegenteil: „Jeden Morgen drehe ich eine Joggingrunde durch den Park. Ich mag es, wenn die Gärten noch schlafen.“ Wilden Hühnern und Waranen begegne er dann, in den Becken der Marina spielten Otter. Die Gardens by the Bay haben im vergangenen Jahr rund zehn Millionen Besucher aus aller Welt angelockt. Aber in der Nacht gehört das Areal den Tieren. Gee lächelt.

Seine Karriere hat der studierte Ingenieur im alten Botanischen Garten begonnen. Dieser wurde bereits 1859 im Stadtteil Tanglin angelegt. Die Anlage gehört seit 2015 zum Weltkultur­erbe der Unesco und ist weltbekannt für ihre Orchideen. Neuzüchtungen werden gern nach Staatsgästen und Prominenten benannt. Die Gardens by the Bay gelten als legitimer Nachfolger dieser Institution. Der Eintritt in das staatlich finanzierte Prestigeprojekt kostet nichts, lediglich für die Gewächshäuser müssen Besucher zahlen.


Singapur: Karte
© Cristóbal Schmal

 

 

 

 

 

 

1 SUNGEI BULOH WETLAND RESERVE

2 KAMPUNG ADMIRALITY (SENIORENHEIM)

3 INSEL PULAU UBIN

4 BOTANISCHER GARTEN

5 HOTEL PARKROYAL ON PICKERING

6 GARDENS BY THE BAY


 Wir fahren mit dem Aufzug hoch in die Supertrees. Auf einem stählernen Laufsteg in 22 Meter Höhe erklärt der Direktor, warum westliche Stadtplaner falsch lägen, wenn sie die Gärten als simple Freizeitparks abtun. „Dieser Ort umfasst drei Komponenten: Architektur, Technologie und Natur. Alle drei werden die Zukunft von Singapur definieren.“ Sein Ingenieursstolz tritt hervor: „Auf einigen der Bäume befinden sich riesige Solarmodule. Damit versorgen wir abends die Lasershow mit Strom.“ Ein anderer Baum funktioniere wie ein Trichter: „Er fängt das Regenwasser auf, mit dem wir die ganze Anlage wässern.“ Und schließlich, er zeigt zur Krone eines benach-barten Supertree, rage dort ein Schornstein empor: „Wir verfeuern unser Unkraut. So gewinnen wir Energie für die Klimaanlagen in den Tropenhäusern.“ Eine chinesische Reisegruppe trippelt an uns vorbei, auf der Suche nach dem perfekten Selfie-Winkel. Form und Funktion, alles eine Frage der Perspektive.

Diese Geschichte endet bei dem Mann mit dem Piratentuch. Subaraj Rajathurai will uns noch etwas zeigen. „Einen Ort, wie es ihn vielleicht bald nicht mehr gibt.“ Also springen wir am Fährhafen „Changi Point“ auf ein wackeliges Bumboot, zahlen zweieinhalb Singapur-Dollar und setzen über nach Pulau Ubin. Die kurze Fahrt auf die kleine Insel im Nordosten gleicht einer Zeitreise. „Das ist das Singapur meiner Kindheit“, sagt Rajathurai. Ein Stromnetz gibt es auf der Insel nicht, vor den Häusern und Hütten brummen Generatoren. Hunde schlafen mitten auf der Dorfstraße, Autos sind nicht zu sehen, die Bevölkerung fährt Rad. In gemächlichem Tempo natürlich, denn die meisten Insulaner sind steinalt. „Die Jungen haben die Insel längst verlassen“, sagt Rajathurai nachdenklich.

Singapur: von oben

Standortvorteil: Singapur ist aus fast jeder Perspektive grün

© Meiko Herrmann

 Vor vier Jahren griffen Investoren nach dem Kleinod. Die Insel, zum größten Teil dicht bewachsen, sollte bebaut werden. Apartments für Reiche, Wohntürme mit Meeresblick waren geplant. Der starke Widerstand dagegen überraschte die Stadtväter. „Die Pläne wurden auf Eis gelegt“, sagt Rajathurai und zieht eine Braue hoch. „Vorerst.“ Jetzt soll die Insel sanft entwickelt werden. 70 alte Häuser, sogenannte Kampungs, will die nationale Parkbehörde restaurieren. Ein sanfter Öko-Tourismus könnte Einzug halten. Bisher arbeiten die meisten Bewohner von Pulau Ubin auf Aquafarmen vor der Küste, manche vermieten schon Räder an Wochenendbesucher.

Der Abend kommt schnell, wir stehen am Pier. Auf dem Festland leuchtet die große Stadt. Stille dröhnt über die Insel. Obwohl, nicht ganz: Grillen zirpen, Wellen schlagen an den Strand, ein Drongo zwitschert in die heraufziehende Dunkelheit. Die wilde Seite von Singapur – sie ist immer da.


Ein grüner Tag in Singapur

Illustration: Kaffeetasse
© Cristóbal Schmal

10 Uhr: Koffein!

Zu Pfannkuchen mit grünen Pandanblättern den besten Kaffee der Stadt trinken.

cshhcoffee.com

Singapur: Gehen
© Cristóbal Schmal

11.30 Uhr: Affen!

Sich im Bukit-Timah-Reservat von Langschwanzmakaken das Picknick streitig machen lassen.

nparks.gov.sg

Singapur: Geld
© Cristóbal Schmal

15 Uhr: Shopping!

Fassaden mit vertikalen Gärten lenken in der Orchard Road fast von den exklusiven Läden ab.

visitsingapore.com

Singapur: Essen
© Cristóbal Schmal

19 Uhr: Farm to table!

Fusion-Küche mit Zutaten aus eigenem Anbau serviert Oliver Truesdale-Jutras aus Kanada.

openfarmcommunity.com


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