Kirschblüte: Slider
© Bernd Jonkmanns

Hanami machen

  • TEXT THILO MISCHKE
  • FOTOS BERND JONKMANNS

Im April schlagen in Japan die Kirschbäume aus. Die duftende Pracht bringt das ganze Land dazu, aus dem Korsett des Alltags auszubrechen und die Blüten zu bestaunen. Hanami nennen die Japaner das. Und feiern es mit Gesang und Sake.

Meine erste Kirschblüte hing nicht am Baum. Sie lag platt wie eine verlorene Briefmarke auf dem Pflaster. In den Straßen der japanischen Großstadt Tokio spiegelten sich die nimmermüden Neonreklamen, und dazwischen ruhten, winzig und demütig, die fünf Blütenblätter. Ich war in Eile gewesen, doch jetzt, wo ich zu ihnen hinabblickte, schienen sie mir zuzuwispern: „Wir bringen das Frühjahr! Nach uns der Sommer!“

Bückt man sich, um eine solche Blüte aufzuklauben, ist man überrascht, wie zerbrechlich dieses Gebilde doch ist. Und man fragt sich, weshalb darum solch ein Aufhebens gemacht wird. Warum ein ganzes Volk jedes Jahr zwischen Mitte März und Anfang Mai aus dem Häuschen gerät, nur weil die Kirschbäume zwischen der Insel Kyushu im Süden und Hokkaido im Norden zu blühen beginnen. Warum der Wetterbericht dem Vordringen der „Kirschblütenfront“, wie sie offiziell genannt wird, eine eigene Karte widmet. Und versteht doch sogleich, dass alle himmelwärts blicken, wenn Sakura, die Kirschblüte, Äste und Zweige in rosafarbene und weiße Quasten verwandelt. Bis die Kirschbäume nach einigen Tagen, als hätten sie plötzlich selbst genug davon, die Blüten abschütteln, damit sie der Wind als duftenden Schnee durch die Straßen treibt.

Wie wichtig die Kirschblüte für die Japaner ist, lässt sich auch daran ermessen, dass sie ein eigenes Wort für den Besuch bei den Kirschbäumen und das Betrachten ihrer üppigen Blüten geschaffen haben: Hanami. Das damit verbundene Ritual setzt angemessene Vorbereitungen voraus. Jetzt, da sich die scharfen Winde vom Pazifik beruhigen, kaufen die Japaner Bento-Boxen mit Reis, Sushi und anderen Köstlichkeiten sowie den traditionellen Reisschnaps Sake, Bier und Wein. Damit ziehen sie unter die Blütenwolken. Oft schicken Familien einzelne Mitglieder früh in die Parks voraus, damit sie die besten Plätze sichern. Wie Touristen in All-inklusive-Hotels die Handtücher auf den Pool-Liegen platzieren, so breiten sie Decken unter den schönsten Bäumen aus. Ein für Japaner ungewöhnliches Verhalten. Ebenso wie sich auf einer mitgebrachten blauen Plastikplane unter einem Kirschbaum niederzulassen – und sei es auf einem Bürgersteig. Wo immer die Japaner aber ihr Picknick abhalten: Sie trinken, bis sie rotwangig lachen. Dann singen sie, manchmal unterstützt von einer Karaoke-Maschine. Ein Lied aber kennen sie fast alle auswendig. Das „Sakura“-Volkslied, die Lobpreisung der Kirschblüte.

Kirschblüte

Unterm Kirschblütenschirm: ein junges Paar im Ueno-Park, Tokios ältester Grünanlage

© Bernd Jonkmanns
Kirschblüte

Zur Kirschblüte bitte! Ein Taxifahrer am Ueno-Park in Tokio

© Bernd Jonkmanns

 Auch der Yozakura, der „nächtliche Kirschbaum“, zieht die Menschen an wie die Motten das Licht: Scheinwerfer sorgen dafür, dass sie auch im Dunkeln Hanami machen und weiter gemeinsam trinken können. Die Japaner, deren ehrliche Höflichkeit und Umsicht so bestechend sind – unter den Bäumen vergessen sie sich, vergessen, was ihre Kultur sonst auszeichnet. Im hoch technisierten Japan schafft es die Natur, dass die Menschen sich kollektiv entspannen, die hoch gezogenen Schultern sinken lassen. Dass sie innehalten. Ausatmen! Der Frühling ist da, und die Wirtschaftsweltmacht Japan legt eine Vollbremsung hin.

Der Kirschblütenzweig berauscht die Menschen wie der Alkohol. Nie mehr im übrigen Jahr wird man die Japaner derart aufgelöst erleben. Alkohol wird zwar zu jedem Anlass konsumiert, aber die friedliche Trunkenheit der Blüte ist unübertroffen. Japaner trinken sonst mit ihren Chefs und wollen beweisen, dass sie standhaft sind. Sie trinken allein, um ihren Kummer über die Einsamkeit in einer modernen Gesellschaft zu vergessen. Wenn die Kirschen blühen, trinken alle, um lockerer zu werden.

Bis zu zehn Tage ist dazu Gelegenheit, so lange blühen die Bäume. Wie ein Schwarm zieht die Pracht dann Region für Region nach Norden. Sechs Tage am Stück zu arbeiten, oft bis in die Nacht, ohne Widerspruch sein Leben zu leben – auch das ist typisch für Japan. Doch blüht der Kirschbaum, blüht auch der Mensch auf. Das Recht darauf ist ein kulturelles Erbe.

Die ersten Aufzeichnungen über Hanami, das Sich-Versenken in die unverblümt-zauberhafte Poesie der Landschaft, sind mehr als 1300 Jahre alt. Schon damals sah man in den bescheidenen Blüten der Japanischen Blütenkirsche (Prunus serrulata) und des Yoshino-Kirschbaums (Prunus yedoensis), die meistens keine Früchte tragen, das Wunder, aber auch die Vergänglichkeit des Lebens. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Schlichtheit und Reinheit bis heute zentrale Werte der japanischen Gesellschaft sind. Sie werden fortbestehen, solange das Kirschblütenfest gefeiert wird.

Sakura prägt zudem den Alltag: Schulen, Kindergärten und Krippen tragen diesen Namen, die Hälfte aller Laubbäume in den Städten sind Kirschbäume. Popbands, Manga-Figuren und Süßigkeiten heißen „Kirschblüte“. Die berühmteste japanische Gedichtform, der Haiku, gewinnt seine besondere Kraft, wenn er die Blütenpracht zu beschreiben versucht. Um ehrlich zu sein: Der Haiku hat erst mit der Beschreibung der Kirschblüte zu wahrer Größe gefunden. Drei Zeilen mit 17 Silben reichen, um ein ganzes Lebensgefühl auszudrücken. Dichter wie Matsuo Basho oder Kobayashi Issa haben vor zwei bis drei Jahrhunderten gewirkt, doch werden sie noch immer zitiert, weil sie über die Sakura geschrieben haben.

Kirschblüte

Für Ordnung, trotz Kirschblüten-Euphorie, sorgt ein Parkwächter

© Bern Jonkmanns
Kirschblüte

Fernsehturm versus Kirschbaum: Wer ist hier der Star?

© Bern Jonkmanns

 Die Blüte wurde aber nicht nur besungen, sie ziert auch das Wappen der Stadt Tokio. Die Samurai, die adligen Krieger, trugen sie als Symbol auf ihren Rüstungen. Selbst die Mitglieder der Yakuza, der japanischen Unterweltorganisation, lassen sich die Blüte auf die Haut tätowieren. Denn so zart sie auch ist, so kraftvoll ist ihre Botschaft – als ein Symbol der Vergänglichkeit und Schönheit lehrt sie jeden Betrachter: „Das Leben ist kurz, aber nicht sinnlos.“ Die Blüte versichert einem auch: „Wer früh stirbt, stirbt in Schönheit!“

Blüten spielen in der japanischen Kultur als Symbole generell eine große Rolle. In Haikus muss immer eine Blüte vorkommen. Das Fest der Pflaumenblüte ist weniger ­bekannt als die Sakura, aber in Japan kaum weniger bedeutsam. Als Herbstblume gilt die strahlenförmige Chrysantheme, ihr Fest wird am 9. September gefeiert. Sie repräsentiert Stärke, Fülle (der Erntezeit) und Langlebigkeit und ist der japanischen Herrscherfamilie zugeordnet. Ende April verlässt nun Kaiser Akihito den Chrysanthemen-Thron: Er dankt nach 30 Jahren ab – zugleich mit der verblassenden Kirschblüte. Der Frühling bringt in diesem Jahr also auch einen neuen Regenten, Akihitos Sohn Naruhito. Dem japanischen Volk beschert der Wechsel einmalig zehn freie Tage am Stück – Glück für jene, die weiter im Norden leben, wo die Kirschbäume dann noch in voller Blüte stehen.

Sogar Tokio fühlt sich während des Hanami anders an. Diese Stadt, die trotz ihrer weit über 30 Millionen Einwohner und überfüllten Bahnhöfe immer eine seltsame Ruhe ausstrahlt. Diese Stadt, die für Fremde fast immer verschlossen bleibt, weil sie nach eigenen komplizierten Regeln funktioniert, bricht jetzt auf wie die Knospe am Baum. Der Yoyogi-Park, das grüne Herz der Stadt, wird auf einmal lebendig. Am Fluss Meguro flaniert man an mehr als 700 Kirschbäumen vorüber. Im Ueno-Park stehen sie als „Kirschblütentunnel“ Spalier: Ihre Blüten berühren einander über den Köpfen der Besucher – hohe Zeit für Selfies. Zur Sakura-Zeit scheinen die Japaner sogar ihre große Scheu vor Ausländern zu verlieren.

Kirschblüte

Schuhe aus, Zeit für Picknick und Gespräche: Pause auf Plastikplane unter rosa Blüten im Uneo-Park

© Bernd Jonkmanns
Kirschblüte
© Bernd Jonkmanns

Er hat den hohen Herren vom Pferde steigen lassen, der Kirschblütenzweig

Haiku des Dichters Kobayashi Issa (1763-1828)

 Überall auf der Welt wird mittlerweile das Knospen der Kirschen gefeiert. In den 1980er-Jahren wurden in Bonn japanische Kirschbäume zur Zierde gepflanzt. 2017 wurde das Kirschblütenfest der Stadt abgesagt: Im Jahr zuvor wollten einfach zu viele Be­sucher aus dem Ausland dabei sein. Seit 1968, nach einer Baumschenkung der japanischen Gemeinde, wird auch in Hamburg jedes Jahr im Mai die Kirschblüte aufwendig zelebriert, mit Volksfest und Feuerwerk. Kurz nach dem Fall der Mauer, 1990, erreichte eine Kirschbaumspende auch das wiedervereinte Berlin: Insgesamt 10 000 Bäume wurden in der Hauptstadt gepflanzt, allein 1000 auf einem ehemaligen anderthalb Kilometer langen Mauerstreifen zwischen Lichterfelder Allee und Teltow-Sigridshorst: Wo bis vor 30 Jahren die Mauer West- und Ostberlin trennte, erfreuen sich von Mitte April bis Anfang Mai Berliner und Touristen an der Kirschblütenfülle.

Hanami aber bleibt einzigartig, weil es ein ganzes Land in seligen Taumel versetzt.Wer also seine erste Kirschblüte verweht auf einem Gehsteig in Tokio findet, der sollte sie nicht nur als zarten Hinweis auf den Frühling lesen. Es ist eine Blüte, die es Nicht-Japanern erlaubt, dem rätselhaften Land und seinen Bewohnern ein wenig näherzukommen. So wie man die rheinländische Seele besser versteht, wenn man im Frühjahr nach Köln oder Düsseldorf zum Karneval fährt. Das kollektive Ausklinken, der gemeinsame Rausch, wenn Freunde und Fremde miteinander feiern, verdeutlichen: Gerade wegen des Ernstes des Lebens ist es wichtig, Auszeiten davon zu nehmen, den Alltag gelegentlich hinter sich zu lassen. Und ein wenig Zauber wiederzufinden.