Im Bann des Barbiers

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Hin und wieder muss man zum Friseur. In der abge­legenen Provinz des indischen Bundesstaats Karnataka geriet ich an einen, der für westliche Kunden, von denen er sehr selten einen sah, nur den britischen Offiziersschnitt passend fand. Ich sah danach aus wie ­Law­rence von Arabien, nur nicht so schön. In Bangkok frisierte mich ein sprachliches Missverständnis. Ich sagte dem thailändischen Figaro, er möge meine Haare um einen Zentimeter kürzen – und er ließ einen Zentimeter stehen. Mecki in Siam. Lockenkopf in Kairo. Als ich wieder lange Haare hatte, erfreute mich der arabische Barbier mit einer Dauerwelle. Keiner richtigen, für die man unter die Haube muss, er schaffte das mit Kamm und Föhn. „Habibi“ rief man mich nun in den Gassen, aber die nächste Dusche beendete den Spuk. Kopf, Schulter- und Nackenmassagen gehören überall im Maghreb zu einem Haarschnitt dazu. Was ich dagegen nicht sehr mag, ist das Knackenlassen der, ja, was, Halswirbel? Sie rucken den Kopf des Kunden einmal kurz und schnell von links nach rechts und glauben, das sei gut.

Zum Thema Bart: Ab Südeuropa lässt sich der Mann vom Friseur rasieren. Das ist kommunikativer als die Selbstrasur. Oder meditativer, falls man nicht reden will. Erst kommt der Schaum, dann das Messer. Sie schneiden dich nicht. Ich habe mich weltweit rasieren lassen, aber nur einer hat mich mit der Klinge angeritzt. Der aber immer. Trotzdem ging ich nur zu ihm, wenn ich in Tanger war. Warum, weiß ich nicht, wahrscheinlich gehörte ich schon zur Familie. Außerdem war es ja nie schlimm. Ein winziger Fehldruck der Klinge, die Wunde in der Dimension eines Mückenstichs. Er reparierte sie mit etwas Alkoholhaltigem, das kurz brannte und wach machte. Anschließend sah ich mit dem Stolz eines Piraten auf die Straße von Gibraltar. Und meinte Delfine zu sehen.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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