© Kenneth O Halloran

Irlands gute Geister

  • TEXT STEFAN WAGNER
  • FOTOS KENNETH O HALLORAN

Raue Natur, schräge Vögel und tiefe Blicke in die irische Seele: ein Roadtrip durch den schroff-schönen Westen der Insel ganz am Rande Europas.

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Klippenkunde

Die Blicke schwenken zum Abgrund. Am Rand der über 200 Meter hohen Cliffs of Moher legen sich die Ängstlichen auf den Bauch, um nicht ins Taumeln zu geraten. Unten vollführt der Atlantik seit Jahrmillionen seinen Frontalangriff auf die Küste. Wasserfontänen spritzen Dutzende Meter hoch und stürzen donnernd in die Tiefe. Mehr als 1,4 Millionen Menschen reisen jedes Jahr an diesen Rand Europas. Auf den paar Hundert Metern zum Aussichtspunkt O’Brien’s Tower drängen sich waghalsige Selfie-Fotografen, Ornithologen mit 3000-Euro-­Kameras und Menschen, die aussehen, als schnappten sie nach Luft. Dabei bekommen sie lediglich den Mund vor Staunen nicht mehr zu. Wer nur zehn Minuten nach Norden oder Süden geht, steht alleine am Abgrund. Das Örtchen Doolin, gut zwei Wanderstunden nördlich, gilt als Hauptstadt der traditionellen irischen Musik. Der Marsch lohnt sich. Spätestens im Bett, nach drei Guinness in McGann’s, O’Connor’s oder McDermott’s Pub vermischen sich das Brausen des Winds, das Grollen der Wellen und die Irish-Fiddle- und Dudelsackweisen zu einem Sound, den man nie mehr vergisst.

 

Bei den Cliffs of Moher liegt der Eingang zur mythischen Anderswelt

An den Cliffs of Moher tummeln sich die Touristen

An den Cliffs of Moher tummeln sich die Touristen

© Kenneth O Halloran
Irlands gute Geister: An den Cliffs of Moher (links) tummeln sich die Touristen; auf dem Pferdemarkt von Spancil Hill wird auch um Esel gefeilscht

Auf dem Pferdemarkt von Spancil Hill wird auch um Esel gefeilscht

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Das 1000-PS-Treffen

Auf der Spancil Hill Horse Fair lebt das alte Irland weiter, nach dem sich so viele Besucher sehnen. Die grünen Wiesen, bevölkert von Tausenden Menschen und Pferden, werden im Regen noch weicher, als sie ohnehin seit jeher sind. Alte Männer mit Schiebermützen, auf knorrige Stöcke gestützt, diskutieren über die Zähne eines Ponys. Es riecht nach Pommes und Pferdeäpfeln und verschüttetem Bier. Ein Marktschreier verkauft aus seinem Anhänger heraus Pferde­decken für 75, ach was, für 50 Euro! Pferde schnauben, Generatoren röhren.

Hunderte Tiere wechseln hier die Besitzer, dazu gibt es Backwettbewerbe, die Wahl zur Miss Horse Fair, Seilziehen und ein Feuerwerk. Spätestens um drei Uhr nachmittags sind die meisten Männer betrunken. Die Tradition der Horse Fairs ist bedroht. Gab es in den 1950er-Jahren noch etwa 300 davon, sind es nun nur noch 50 Pferdemärkte landesweit. Die wichtigsten: Puck Fair in Killorglin (Kerry) im August, Ballinasloe (Galway) Horse Fair im Oktober und Spancil Hill (Clare) im Juni.

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Parship analog

„Kaffee oder Tee?“, will die Kellnerin von Willie Daly wissen, als wir uns um neun Uhr morgens in einem Lokal treffen. Daly, 74 Jahre alt, dicker weißer Bart und löch­riges Flanellhemd, sieht sie erstaunt an: „Whiskey natürlich!“ Auf dem Tisch liegt sein Lucky Love Book, eine große, 161 Jahre alte Kladde, aus der vergilbte Zettel quellen. Daly ist Match­maker, Heiratsvermittler, in der dritten Generation schon und einer der letzten seiner Art in Irland. Die erste Ehe arrangierte er bereits mit 15 Jahren, seitdem folgten etwa 3000 weitere. „Matchmaker waren früher sehr wichtig“, sagt Daly, „denn nur die Erstgeborenen waren begehrt – sie erbten den Hof. Die anderen sieben oder acht Söhne hatten Schwierigkeiten, eine Braut zu finden.“ So begann er, hauptberuflich Pferdehändler, in immer größerem Umkreis nach Frauen zu suchen.

Seit den 1980er-Jahren veranstaltet Willie Daly in Lisdoonvarna ein Verkupplungsfestival. Über vier Wochen lang fluten 60 000 Liebeshungrige das Dorf mit knapp 800 Einwohnern. Sie strömen zu Konzerten, Partys, Bällen und Pub-Abenden. „Es gibt immer noch viele einsame Bauern auf dem Land und ein­same Frauen in der Stadt“, sagt Daly, „ich bringe sie zusammen.“ Ginge das online nicht alles viel einfacher? Willie Daly rümpft die Nase. „Wollen Sie einer Frau in die Augen schauen, ihren Griff spüren, sich von ihrem Tanz verzaubern lassen? Oder wollen Sie nur ein paar Tasten drücken?“

Irlands gute Geister: Willie Daly und sein Lovebook – seit 60 Jahren führt er einsame Herzen zusammen

Willie Daly und sein Lovebook – seit 60 Jahren führt er einsame Herzen zusammen

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Reich der Zauberbrunnen

Sie sind Kraftorte, Gedenkstätten und Pilgerziele: Mehr als 3000 „Holy Wells“ gibt es in Irland, Quellen, die schon seit keltischer Zeit verehrt werden. Das Wasser soll heilende Wirkung haben. Eine der bekanntesten ist St. Brigid’s Well nahe der Cliffs of Moher im County ­Clare. Neben der Statue der Heiligen liegt der Eingang in eine winzige Grotte. Die Wände sind gespickt mit Todesanzeigen, Marienstatuen, vergilbten Zeitungsartikeln über tödliche Unfälle, Fotos von Papst Johannes Paul II., Rosenkränzen, Plastikblumen, Kuscheltieren und Kerzen. Es riecht modrig. Hinten in der Grotte tröpfelt das Quellwasser in ein Becken voller Münzen und Medaillons. Früher, so die Legende, waren hier die Eingänge in die Anderswelt, die von mythischen Wesen und verstorbenen Helden bevölkert ist. Nach der Christianisierung wurden die Holy Wells immer mehr zu Wallfahrtsorten. Hinter St. Brigid’s Well stehen heilige Bäume, an deren Äste die Gläubigen bunte Bänder oder Kleidungsstücke gebunden haben. Sind sie verrottet, soll auch der Kranke geheilt sein, der das Band dort angebracht hat.

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Verrückt nach Algen

 Wenn die 52-jährige Botanikerin Oonagh O’Dwyer von den glibbrigen Pflanzen auf den Meeresfelsen schwärmt, klingt es, als spräche sie über Trüffel oder edlen Rotwein. „Hier ist das Schlaraffenland“, sagt sie und zeigt auf die von der Ebbe freigelegte Küste in der Nähe des Surfer-­Hotspots Lahinch. Die matschbraunen Algenhaufen und das an Steinen klebende Seegras machen kaum Lust aufs Probieren. Doch O’Dwyer hüpft in ihrem Sommerkleid von einem glitschigen Stein zum anderen, in der einen Hand ein Messer, in der anderen einen Korb, darin sammelt sie ihre ­Ernte. „Kommen Sie, hier wächst Lappentang! Fühlt sich an wie Leder, schmeckt nach Nuss – köstlich!“ Sie hat recht, das ungewohnte Seegemüse ist sehr lecker. „Oder hier, Blasentang, perfekt gegen Heuschnupfen und Arterienverkalkung, probieren Sie!“ Oonagh O’Dwyer weckt mit ihren „Wild Kitchen“-­Wanderungen immer mehr Begeisterung für Seetang, der in westlichen Ländern erst in den vergangenen Jahren als Superfood bekannt wurde. In Irland wissen die klugen Küstenbewohner schon seit Jahrtausenden um die kulinarischen Vorzüge der Wasserpflanzen.

SNN

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Irlands gute Geister:

Irischer Whiskey ist wieder gefragt – mindestens drei Jahre reift das „Lebenswasser“ von Dingle im Fass

© Kenneth O Halloran

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Irland auf der Zunge

Was für ein kolossaler Crash! Um 1870 kamen 70 Prozent aller weltweit verkauften Whiskeys aus Irland, hundert Jahre später lag der Anteil bei weniger als einem Prozent. 1985 gab es in Irland gerade noch drei Whiskey- Destillerien. Heute sind es schon wieder 17, 15 weitere sind in Planung – ein kolossaler Boom. Als 2012 im schnuckeligen Örtchen Dingle die Dingle Distillery eröffnete, war sie die erste neu gebaute Destillerie in Irland seit 125 Jahren. Die Craft-­Branntweinbrennerei treibt das Revival des uisge beatha, des „Lebenswassers“, mit innovativen Ideen voran.

Mit seinen 27 Jahren ist Michael Walsh einer der weltweit jüngsten Master Distiller. „Das Irish-Whiskey-Business ist derzeit wie ein Goldrausch“, sagt er, „wir können nicht so schnell produzieren, wie wir verkaufen. Auch die Gin-Verkäufe gehen durch die Decke: bis jetzt 98 Prozent mehr als im Vorjahr. „Neben einigen Mitarbeitern stehen heute Teilnehmer von Whiskey- Seminaren und Besucher der Destillerie in der Halle. Derzeit läuft es gut, doch Walsh bleibt vorsichtig: „Unser Produkt muss mindestens drei Jahre im Fass reifen. Und wer weiß, was die Leute in drei oder zwölf Jahren gern trinken.“

Irlands gute Geister: Auf Little Skellig leben etwa 50 000 Basstölpel;

Auf Little Skellig leben etwa 50 000 Basstölpel

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Irlands gute Geister: Papageien­taucher auf der Skellig ­Michael; früher dienten sie den Mönchen als Nahrung

Papageien­taucher auf der Skellig ­Michael; früher dienten sie den Mönchen als Nahrung

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Mönche und Jedi-Ritter

Wie haben die das nur geschafft? Wie haben Mönche vor 1300 Jahren den steilen, unnahbaren Felsen vor der Küste vom County Kerry mit ihren ­Booten erreicht? Wie kamen sie auf die Idee, 600 Stufen in den Stein zu schlagen und dann – fast senkrecht, 200 Meter über dem Meer – bienenstockförmige Häuser aus Steinbrocken zu errichten? Wie haben sie hier überlebt, nur mit Regenwasser, einem winzigen Acker, ein paar gefangenen Fischen und erlegten Papageientauchern? Und wie stark muss ihr Glaube gewesen sein, um Wikinger-Überfällen, Krankheiten, Hungersnöten und Winterstürmen 500 Jahre lang zu trotzen? Im 13. Jahr­hundert verließen die Mönche die Insel.

Seit 1996 gehören die mittelalterlichen Klosterruinen von Skellig Michael zum Unesco-Weltkulturerbe. Nur 180 Besucher pro Tag dürfen die Felsen betreten, nur zwischen Mai und Oktober, nur bei ruhiger See. Seit hier Teile der letzten beiden „Star Wars“-Filme gedreht wurden, kommen neben Kultur- und Naturliebhabern auch Fans der Science-Fiction-Saga. Die einen fotografieren Trottellummen, Mönchsgräber und Meeresansichten, die anderen stehen andächtig an einem anderen magischen Ort: der Stelle, an der sich Luke Skywalker 30 Jahre lang vor den dunklen Mächten versteckt hielt.


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