Kick it like Jaschin Lufthansa Exclusive
© Sergey Novikov

Kick it like Jaschin

  • TEXT ILJA BEHNISCH
  • FOTOS SERGEY NOVIKOV

Vor der Fußball-WM fragt man sich im Land der Gastgeber: Was ist von Russlands Team zu erwarten? Und auch: Gibt es so etwas wie eine russische Fußballseele? Ein Bericht aus der Tiefe des Raumes.

Logenplätze frei: Beim FC Bologoje, nordwestlich von Moskau, ist man nah am Spielgeschehen

Logenplätze frei: Beim FC Bologoje, nordwestlich von Moskau, ist man nah am Spielgeschehen

© Sergey Novikov

Mit komplizierten Sachverhalten verhält es sich ein wenig wie mit Matroschkas, diesen ineinander schachtel­baren Holzfiguren: Es dauert, bis man zum Kern der Sache vordringt. Beginnen wir dennoch mit der Kernfrage: Gibt es das überhaupt, eine russische Seele? Möglich, dass alle Traditionalisten nun entschieden „Ja!“ rufen. Andere, die das große Ganze ohnehin misstrauisch beäugen, säuseln abwägend „Na ja ….“. Fragen wir Experten, jene, die unser Russland-Bild so geprägt haben und bis heute prägen: die russischen Schriftsteller. Fragen wir den russischen Schriftsteller, Fjodor Dostojewski. „Ich glaube, das wichtigste, das wesentlichste geistige Bedürfnis des russischen Volkes ist das Bedürfnis, immer und unaufhörlich, überall und in allem zu leiden. Mit diesem Lechzen nach Leid scheint es von jeher infiziert zu sein. Der Strom der Leiden fließt durch seine ganze Geschichte; er kommt nicht nur von äußeren Schicksalsschlägen, sondern entspringt der Tiefe des Volksherzens. Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss“, schreibt der studierte Militäringenieur 1873 in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“. War’s das? Das Leiden? Sollte man auf einen hören, der schon mit 17 Jahren seine Eltern verloren hatte und später über vier Jahre lang im sibirischen Arbeitslager gefangen war?

Zumal es ein Franzose war, der den Begriff der „russischen Seele“ geprägt hat. Vicomte Eugène-­Melchior de Vogüé, ein Diplomat im zaristischen Russland, verglich das Land und seine Menschen im „Russischen Roman“ (1886) mit der traditionellen Okroschka: „Alles existiert in dieser Suppe, sowohl die leckeren als auch die abscheu­lichen Dinge. Sie wissen niemals, was Sie daraus herauslöffeln werden.“ Mit der russischen Seele, so der frühe Russen-Versteher, sei es ganz ähnlich: vieles durchmischt, die Mystik und die Vernunft, das Alles und das Nichts. Und, möchte man meinen, die Melancholie! Eine dritte Stimme wollen wir noch hören, eine neuere. Die Schriftstellerin Alina Bronsky, Jahrgang 1978, sagt auf die Frage, ob die Russen ein trauriges Volk seien: „Ja, sie stehen im Verdacht, melancholisch zu sein. Das findet sich auch in russischer Kunst und Literatur wieder. Aber sie kennen genau wie alle anderen Menschen die gesamte Gefühlspalette.“ Ist die „russische Seele“ also nur eine Pauschalierung? „Wenn wir über Mentalitäten reden, müssen wir offen sein für Vielfalt und Nuancen“, so wiederum Bronsky, „und ein geradezu mystisch-religiöser Begriff wie die ,Seele’ ist da in meinen Augen eher deplatziert, weil er menschliche Eigenarten als angeboren und kaum veränderbar darstellt.“

Shakehands, Haupttribüne und Spielplakate: ...

Shakehands, Haupttribüne und Spielplakate: ...

© Sergey Novikov
... Die liebevoll gepflegte Fußballkultur zwischen dem Ural und Sankt Petersburg ...

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© Sergey Novikov
... hat nur wenig zu tun mit dem Ballyhoo eines Großevents

... hat nur wenig zu tun mit dem Ballyhoo eines Großevents

© Sergey Novikov
Junge Fans in Ar’ya, Bezirk ­Nischni ­Nowgorod

Junge Fans in Ar’ya, Bezirk ­Nischni ­Nowgorod

© Sergey Novikov

  Während zu Zeiten der späten Sowjetunion Eishockey als populärster Sport des Landes galt, hat sich das Blatt nun gewendet. Russland ist, aller Aktualität zum Trotz, seit den 1990er-Jahren näher an den internationalen Sport herangerückt, der Fußball-Boom wirkt weltweit. Und auch der stolze Russe will Anschluss und Liebe. Völlig neu ist die russische Begeisterung für den Fußball nicht. Bereits 1912 gründete sich der nationale Fußballverband; noch im selben Jahr – also zeitgleich mit der Fußballgroßmacht Argentinien – trat er der FIFA bei. Damals existierten schon knapp 200 Vereine mit gut 5000 Aktiven. Bei der Gründungsversammlung des Deutschen Fußball-Bundes am 28. Januar 1900 waren lediglich 86 Vereine vertreten.

Bei aller Tradition und der weiten Verbreitung: Die Erfolge des sowjetischen Fußballs sind überschaubar. Es gab vereinzelte Ausrufezeichen – Europa­pokal-Siege von Dynamo Kiew 1975 und 1986 sowie die von ZSKA Moskau 2005 und Zenit Sankt Petersburg 2008 –, doch die Nationalmannschaft profitierte kaum davon. Und der einzige Titel, der des Europameisters 1960, hatte einen äußerst bitteren Beigeschmack. Schließlich nahmen England, Italien oder Deutschland gar nicht erst teil am ersten Turnier dieser Art. Hinzu kam, dass der Viertelfinal-Gegner, das franquistische Spanien, nicht in die Sowjetunion reisen wollte – so kam die „Sbornaja“ kampflos ins Halbfinale. Dort siegte sie 3:0 gegen die Tschechoslowakei, im Pariser Finale wurde Jugoslawien 2:1 nach Verlängerung geschlagen. Den Siegtreffer erzielte der 23-jährige Wiktor Ponedelnik, den die einheimische Presse sogleich das „Schwert der Sbornaja“ nannte, in Anlehnung an den „Schild“ der Mannschaft, den Jahrhunderttorwart Lew Jaschin. Kurz darauf stand Ponedelnik auf dem Eiffelturm, als ihn ein Mann fragte, ob er nicht in Spanien spielen wolle, bei Real Madrid. Es war Santiago Bernabéu, , nach dem heute das Stadion des Vereins benannt ist, Präsident der Königlichen, auch damals eine der besten Vereinsmannschaften der Welt.

Doch Ponedelnik hatte nicht zu wollen. Ein Wechsel ins Ausland kam für die Spieler des Ostblocks bis zur Glasnost-Zeit generell nicht infrage.

Das russische Volk findet in seinem Leiden gleichsam Genuss

Fjodor Dostojewski (1821–1881), Schriftsteller
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Eine Mannschaft, die weniger als 15 bis 18 Prozent fehlerhafte Aktionen hat, ist unschlagbar

Walerij Lobanowski (1939–2002), Fussballtrainer

  Immerhin konnte sich der im südlichen Rostow am Don beheimatete Stürmer in der Folge gegen den damals üblichen Zwangswechsel zu einem Spitzenteam wehren. Es gab einen Riesenskandal, selbst der spätere Literatur-Nobelpreisträger Michail Scholochow und die Sportministerin setzten sich für Ponedelnik ein. Er bezwang die Funktionäre, durfte in Rostow bleiben – und machte kein einziges Länderspiel mehr.

Gehorsam oder sanfte Auflehnung wider die Allmacht des Staates, diese Frage teilte den sowjetischen Fußball. Die meisten Clubs waren einer Dienstbehörde zugeordnet (ZSKA: Armee, Dynamo: Polizei) oder einem Betrieb (Lokomotive: Bahn). Nur wenige Vereine, darunter Spartak Moskau, waren „frei“, diese zählten zu den populärsten Clubs des Landes. Anhänger von Spartak zu sein bedeutete auch, leise Nein zu sagen. So war Fußball in der Sowjetunion immer auch ein bisschen Opposition. Und sonst viel Gleichgültigkeit.

Ein bisschen Ablenkung, ein bisschen Zeitvertreib. Das ist es, was das Gros der Besucher heute in die Stadien zieht. Ein bisschen Pöbeln, ein bisschen Lachen. Der russische Fußballfan tritt gern in die Fußstapfen seiner großen Literaten, dichtet spöttische Verse, abschätzige Gesänge. Allerdings deutlich derber als die Ahnen. Schmähungen des Gegners und des Schiedsrichters gehören zu den beliebtesten Fanchorälen.

In Kurganinsk unweit des Schwarzen Meers ist der Fußballgott orthodox – das behauptet jedenfalls das Transparent am Spielfeldrand

In Kurganinsk unweit des Schwarzen Meers ist der Fußballgott orthodox – das behauptet jedenfalls das Transparent am Spielfeldrand

© Sergey Novikov

Natürlich erwarten die Fans bessere Ergebnisse von der russischen Nationalmannschaft

Wladimir Putin, Russischer Präsident

  Simon Kuper hat in seinem Buch „Football Against the Enemy“ die Bedeutung des Sports weltweit untersucht. Sein anthropologischer Ansatz war revolutionär in der Welt der Fußball-Literatur, das britische Magazin FourFourTwo kürte es gar zum besten Fußballbuch aller Zeiten. Ganz falsch ist dieses Konzept nicht, aber ist es nicht allzu simpel? Der Deutsche? Ein disziplinierter Dauerläufer. Der Italiener? Ein heißblütiges Taktikgenie. Der Brasilianer? Der lebensfrohe Schönspieler. All das stimmte ja auch lange, fand auf dem Rasen seine verlässliche Bestätigung. Und der Russe? Schwierig …

In der Sowjetzeit versuchte er sich am Spiel wie am Staat: mit gestrengen Plänen auf Jahre hinaus, Drill und Restriktion. Später, unter Dynamo Kiews Jahrhunderttrainer Walerij Lobanowski, der zeitgleich die Nationalmannschaft betreute, hielt die Wissenschaft Einzug in die Kabine. Schon früh wurden die Spieler per Computer präzise analysiert und passend für ihre Position ausgewählt. Das Credo von Lobanowski: „Eine Mannschaft, die weniger als 15 bis 18 Prozent fehlerhafte Aktionen hat, ist unschlagbar.“ Unter ihm wurde zudem gesät, was lange Zeit die fußballerische DNA aller russischen Mannschaften war: Bewegung, Bewegung, Bewegung. Wie kleine Ameisen wuseln die Spieler seitdem umher, immer im Bestreben, dem Mitspieler „ein Angebot“ zu machen. Was sich seither auch manifestiert hat: eine eklatante Abschluss-Schwäche. Die besseren russischen Nationalteams zeichneten sich seit je dadurch aus, in bezaubernder Form über das Feld zu pflügen – um dann den Torabschluss zu verweigern und in ewig nutzloser Schönheit zu sterben.

  Man mag argumentieren, es könne eine landestypische Fußballkultur schon der Globalisierung wegen, die den Fußball erfasst hat und beherrscht, nicht mehr geben. Das deutsche Team etwa ist eher das Aushängeschild einer offenen, multikulturellen Gesellschaft als das Spiegelbild eines teutonischen Kämpfer-Klischees. Ganz abgesehen davon, dass ihre Mitglieder längst nicht mehr nur in der heimischen Bundesliga spielen – und somit das Beste aller Welten beitragen können. In der russischen Elf verhält es sich anders. Die Ausflüge von Russlands Top-Spielern in den Westen gehören der Vergangenheit an: Igor Belanow, Europas Fußballer des Jahres 1986, spielte bei Borussia Mönchengladbach, Andrej Arshavin beim FC Arsenal – doch die heutige Spielergeneration bleibt der russischen Premjer-Liga treu. Geld gibt es dank der Mäzene und Firmen, die das Gros der Clubs unterhalten, auch in Russland zu verdienen. Zumal der Staat – auch wegen der WM im eigenen Land – alles tut, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Die heutigen Spieler haben kaum einen Grund, die heimische Komfortzone zu verlassen. So bleibt die Hoffnung auf ein Talent, das es bei einem europäischen Spitzenclub schafft. Der russische Fußball krankt daran, dass die Spieler nicht leiden wollen. Ausgerechnet! Wie untypisch, denkt man mit Dostojewski. Aber es müssen ja nicht immer alle Klischees stimmen. Es reicht ja, wenn die WM ein anderes bestätigt: Sehr gastfreundlich sollen sie sein, die Russen. Das hat ja auch mit Seele zu tun. Es könnte schlechtere Voraussetzungen geben für eine gelungene WM.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Juni 2018