Kniefälle
© Dirk Bruniecki

Kniefälle

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK
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Nur in der bulgarischen Hauptstadt Sofia werden Kioske in Kellerräumen betrieben, sogenannte Klek-Shops mit Aufklapp-Regalen als Schaufenster. Für Kunden heißt das: in die Hocke!

Für die Freundin noch schnell belgische Pralinen besorgen? Das Bier ist alle, oder es fehlt eine Glühbirne in der Küche? Sofioter kaufen solche Kleinigkeiten gern bei Läden, die keine Tür, sondern nur ein Fensterchen in Bürgersteighöhe haben. Vor diesen Verkaufstresen gehen die Kunden dann mehr oder minder elastisch in die Hocke, auf Bulgarisch klek. Kioske gibt es auf der ganzen Welt – Klek-Shops oder kurz Kleks aber nur in der bulgarischen Hauptstadt.

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Elena Schemtowa hat an der Kunstakademie in Sofia studiert und als Grafikdesignerin gearbeitet. Als vor sieben Jahren in einem Klek eine Wechselstube schloss, machte sie das Räumchen zur Galerie - in einer modernen Variante mit Treppe: Auf zwölf Quadratmetern zeigt die 31-Jährige, die sich selbst Zelena nennt, Bilder, Keramik und Schmuck von rund 50 Künstlern.

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 Die Läden entstanden Anfang der 1990er-Jahre nach dem Ende des Kommunismus in einstigen Schutzkellern und den Souterrains von Wohnhäusern. Dort verkauften Bewohner Getränke und Zigaretten, selbst gemachte Marmeladen und eingelegtes Gemüse. Längst gehören auch Sonnenbrillen und Reinigungsmittel zum Sortiment, bieten Schusterläden und Nähereien ihre Dienste an. Es gibt eine Karte, auf der alle Kleks verzeichnet sind, doch wer sie aufsucht, steht manchmal vor verschlossenem Fenster: Seit 2012 ist die Zahl der Bück-Shops um die Hälfte auf nur noch 30 gesunken.

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Walentina Rangelowa hat das Schuhmacher-Handwerk von ihrem Vater gelernt, heute ist sie vermutlich Sofias einzige Schusterin. Ihr Laden gehört zu einer Kette, sie bezieht ein kleines Gehalt, mit dem sie ihre Rente aufbessert. "Männerarbeit" lag ihr schon zuvor: Bis zu ihrer Frühpensionierung prüfte die heute 58-Jährige in einem Industrielabor die Qualität von Zement.

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Auch Ljudmil Kintschew arbeitet als Schuster. Nach drei Jahren in Graz, wo er in einem Vergnügungspark aushalf, kehrte er nach Sofia zurück und fing als Lehrling in einer Klek-Schusterei an. "Vor 16 Jahren habe ich hier meinen Meister gemacht", sagt der 48-Jährige und zeigt auf sein Diplom. Es hängt hinter Glas in einer Art Klappregal, mit dem er abends den Klek-Shop schließt, der inzwischen ihm gehört.

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 Gerade haben eine Klek-Buchhandlung und eine Klek-Konditorei aufgegeben – zu groß ist die Konkurrenz moderner Geschäfte, zu lästig sind städtische Auflagen. Manche Kleks wagen indes den nächsten Schritt: als unterirdische Galerie oder Bar – mit Treppe ins Innere.

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Vom losen Knopf bis zum neuen Kleid: Newena Dorolowa schneidert, ändert und repariert. Seit rund 20 Jahren führt sie mit ihrem Lebensgefährten ihre Klek-Näherei so erfolgreich, dass der Textilingenieur und sie eine Schneiderin anstellen konnten. "Unsere Kundschaft bevorzugt gute Qualität", sagt die 41-Jährige, "sie kommt aus der ganzen Stadt zu uns:"

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ZUM ZIEL

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