Linzer Orte
© Fritz Beck

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Man nehme: Kreativität, Innovation, kurze Wege. Das österreichische Linz war 2009 Europäische Kulturhauptstadt – heute zählt es zu den vitalsten und experimentellsten Städten des Kontinents. Mit Kunstwerken über die berühmte Torte hinaus.

Sie blickt mir in die Augen. Neigt den Kopf. Runzelt die Stirn. Genau wie ich. Denn „sie“ ist eine kleine Roboterbüste mit einem Gesicht wie ein Porzellanpüppchen und Kabeln am Hinterkopf, die ihr sehr agile Augenbrauen geben. Und darunter bewegliche Glaspupillen, die auf jeden meiner Blicke, jede Haltung meines Kopfes reagieren. Trotzdem zaubert mir der „Emotions-Simulations-Roboter“ mit seiner menschlichen Mimik unwillkürlich ein Lächeln ins Gesicht.

„Man kann gar nicht anders, als zu dieser Kreatur emotional in Beziehung zu treten“, sagt Gerfried Stocker. Der 54-Jährige, Zopf und Brille, stets schwarze Kleidung, ist Künstlerischer Leiter des Ars Electronica Center  – kurz AEC – in der oberösterreichischen Stadt Linz. „Wir sind unwillkürlich bereit, auf sie zu reagieren wie auf ein menschliches Wesen – eine sehr mächtige und auch nicht ungefährliche Illusion.“ Im Zukunftsmuseum, wie das AEC auch genannt wird, sind deshalb auch Erkenntnisse von Martina Mara dokumentiert, die seit 2018 als Europas erste Professorin für Roboterpsychologie an der Universität Linz forscht: Wie müssen Roboter konstruiert sein, damit Menschen sich mit ihnen wohlfühlen? Die kleine, durchaus sympathische Schöpfung des japanischen Künstlers Takayuki Todo ist einer der Stars der neuen, im Mai eröffneten Dauerausstellung des AEC. Interaktive Präsentationen zu künstlicher Intelligenz, Robotik und Genmanipulation werden dort ergänzt um „Labs“. In diesen Labors können Besucher zum Beispiel Teile ihrer DNA in künstlich gezüchtete Muskelzellen verpflanzen, natürlich unter Anleitung: „Infotrainer“ stehen bereit, um bei der Auseinandersetzung mit den neuen Technologien zu assistieren.

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Farben für den "Sinnesrausch": Kuratorin Katharina Lackner lässt Besucher durch blaue Netze turnen, in gelben Nylon schwelgen und Rot sehen

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Sitz-Seil: 65 Meter misst das Objekt "Rope" des Belgiers lef Spincemaille im OÖ Kulturquartier

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Linz war unattraktiv, konnte sich deshalb aber auch neu erfinden

 Wie Mensch und Technik bereits miteinander verschmelzen, zeigt sich auch draußen: Tagsüber ein unauffälliger grüner Kubus am Donau-Ufer, verwandelt sich das AEC abends in einen leuchtenden, rhythmisch pulsierenden Glaswürfel. Besucher bestimmen über sein Aussehen: Sie können die flackernden Lichtströme über eine Schnittstelle mit dem eigenen Pulsschlag oder Musik synchronisieren und damit farblich gestalten. Möglich ist das bereits seit zehn Jahren: 2009 wurde Linz Kulturhauptstadt – und hat es seither geschafft, dieses zunächst einmalige Ereignis nachhaltig für einen Imagewandel zu nutzen.

„In Linz stinkt’s“ war lange Zeit das Einzige, was selbst Österreichern zu der 200 000-Einwohner-Stadt einfiel – wegen der dicken weißen Rauchwolken, die aus den Schloten der Voestalpine-Stahlwerke auch heute noch in den Himmel quellen. Hinzu kam, dass Linz etwas außen vor war, „in einem Österreich ohne hohe Berge, auf halbem Weg zwischen der Kulturstadt Salzburg und der Über-Stadt ­Wien“, sagt Genoveva Rückert, Professorin für Raumtheorie, „so etwas wie ein Bildungsbürgertum oder eine Kunst­szene gab es hier kaum. Linz war in mancher Hinsicht un­attraktiv, hatte andererseits auch keinen kulturellen Ballast, keine verzopften Traditionen.“ Die Stadt sei „frei gewesen, sich neu zu erfinden“. Und so wurden damals Entwicklungen in Gang gesetzt, die Linz dauerhaft vom Ruf der grauen Industriestadt befreiten – auch mit Rückerts Hilfe.

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Verankert Kunst in Linz: Graffiti bekannter Sprayer im "Mural Harbour"

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 Zwölf Fußminuten vom AEC entfernt, einmal über die Nibelungenbrücke auf die andere Seite der Donau, hat die 42-Jährige mit der fünf Jahre jüngeren Bildhauerin Katha­rina Lackner im „OÖ Kulturquartier“ auch in diesem Jahr den „Sinnesrausch“ kuratiert, eine international besetzte Kunstausstellung nicht nur für den Kopf. „Wir sind ja nicht nur Verstandeswesen, sondern kommen mit Augen und Ohren in die Ausstellung, mit einem Tast- und einem Gleichgewichtssinn, kurz: mit einem Körper“, sagt Rückert. Gerade kraxelt sie selbst auf dem Dach der nahen Schule des Ursulinenklosters durch ein Labyrinth aus blauen Auffangnetzen für Personen – eine Installation des kroatisch-­österreichischen Designtrios Numen/For Use. Auch die taiwanesische Künstlerin Te-Yu Wang spricht mit ihrer „pneumatischen Installation“ alle menschlichen Sinne an: Die alte Turnhalle der Klosterschule hat sie komplett und sogar über die Fensterscheiben hinweg mit einer zitronenfarbenen Ballonhülle ausgekleidet. Der Stoff bauscht sich im weichen Licht unter den Schritten des Besuchers wie ein Meer zu hüfthohen Wellen, lautlos, ruhig und doch dynamisch. In dieses, wie Rückert es nennt, „immersive Kunstwerk“, taucht man ganz ein, anstatt nur davorzustehen. Ich versinke in einer Gehmeditation in Gelb, aus der ich erst eine Viertelstunde später wieder auftauche.

„Sinnesrausch“ ist eine abgespeckte Version des „Höhenrausch“-Festivals, beide finden im jährlichen Wechsel statt. Als Markenzeichen von „Höhenrausch“ gelten die inzwischen berühmten Holzstege, mit denen 2009 erstmals Ausstellungen neue Räume in der Stadt eroberten: Vom Dach der Klosterschule schlagen sie in luftiger Höhe Brücken zu benachbarten Dächern, verlaufen sogar mitten durch die Haube eines Kirchturms. Ein Riesenrad leuchtete in den ersten Jahren vom Dach eines benachbarten Einkaufszentrums. Mittlerweile steht dort ein 30 Meter hoher hölzerner Aussichtsturm, der „Keine-Sorgen-Turm“. Bis zum Ende des „Sinnesrausches“ am 13. Oktober kann man ihn erklimmen. „‚Rausch‘ zielt auf Sinnlichkeit und Entgrenzung – das gefiel anfangs nicht allen“, erzählt Rückert, „manchem ging gerade der ,Höhenrausch‘ zu sehr ins Spektakelhafte.“ Inzwischen aber sind die Linzer stolz auf das jährliche Happening, das als „Höhenrausch“ eben auch mit großem Parcours über den Dächern einem breiten (schwindelfreien) Publikum moderne Kunst nahebringt.

Linz für Nase, Mund, Augen und Ohren


Service und Tipps zu Destination bietet der digitale Lufthansa Travel Guide unter lh-travelguide.com

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Feinkost I

Nach dem Brathendl Marillenknödel: Die „Alte Metzgerei“ war genau das, ehe sie Premium-Imbiss wurde.

alte-metzgerei.at

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Feinkost II

Sebastian Rossbach und Marco Barth servieren in einem alten Gemäuer veredelte Gerichte aus Omas Küche.

rossbarth.at

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Art-Gerecht

Unweit des Ars Electronica Center bietet das Arte Hotel Zimmer mit Kunst und Performances in der Lobby.

arte-linz.at

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Klangwolke

Am 28. September stellen Linzer ihre Radios ins Fenster und beschallen die Stadt mit einer Bruckner-Sinfonie.

brucknerhaus.at


 Auf halber Strecke zwischen dem AEC und den Sinnesrausch-Ausstellungsräumen treffen sich im „Kepler-Salon“ ebenfalls seit 2009 jede Woche Experten aus Wissenschaft, Politik und Kultur mit interessierten Laien. Die Veranstaltung im Wohnhaus des Astronomen Johannes Kepler braucht keine Bühne: Nur ein paar niedrige Stühle und Sessel stehen in einem kleinen Raum für „anspruchsvolle Diskussionen im Lounge-Format“ bereit.

„Offene Kommunikation, kurze Wege, Experimentierlust – das ist der Linzer Spirit“, sagt Chris Müller, Direktor der „Tabakfabrik“. In den vor zehn Jahren stillgelegten Produktionshallen unweit des Hafens versucht der 46-jährige Bildhauer und Unternehmer, die kreativen Kräfte von Linz zu bündeln. Der Mann trägt Tattoos zum Nadelstreifenanzug und vermietet Lofts und Büros an Start-ups, Künstler und soziale Projekte, die sich in ihrer Arbeit gegenseitig befruchten sollen. „Linz als Industriestadt war schon immer innovativ und pragmatisch“, erklärt Müller. „Die Tabak­fabrik ist ein großes Labor, in dem an der Zukunft unseres Gemeinwesens und unserer Wirtschaft ge­tüftelt wird. Wenn ich eine Projektidee habe, rufe ich direkt den Bürgermeister an. Versuchen Sie das mal in Wien oder Berlin!“

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Rotläppchen: Unterm "Keine-Sorgen-Turm" wehen rote Stoffbahnen von "Urgent.Agency" als "Kollektive Lichtung" im Wind

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Chris Müller führt die "Tabakfabrik" als Zukunftslabor

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Zeitreisen: Im barocken Linz leitet Gerfried Stocker das Ars Electronica Center - jetzt auch mit einer interaktiven Roboterbüste

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 Engen Kontakt hat Müller auch zu einem Projekt, das in der eng verflochtenen Linzer Szene noch etwas abseits steht: „Mural Harbour“, ein riesiges Areal im Linzer Indus­triehafen, in dem sich Künstler aus aller Welt seit 2012 auf den Außenmauern von Lager- und Kühlhallen mit Wandgemälden verewigen. Initiator Leonhard Gruber kommt aus der Skater- und Snowboardszene und hat ein Faible für österreichischen Rap, Graffiti und Street-Art. 2014 lockte er den spanischen Star Aryz in den Donauhafen, indem er ihm eine riesige Wandfläche und völlige künstlerische Freiheit zusicherte. „Sein gigantisches ,Mutter-und-Kind-Mural‘ ist mittlerweile einer der populärsten Insta-Spots in Linz und hat in der Szene einen regelrechten Boom ausgelöst“, erzählt Gruber. Der belgische Street-Art-Künstler ROA und die Berliner Sprayer-Crew 1Up legten ebenfalls Hand an und verwandelten den Donauhafen innerhalb von fünf Jahren in eine riesige Open-Air-Galerie. Jährlich wächst sie um drei bis vier Motive, in diesem Jahr soll unter anderem ein vielschichtiges, dreimensionales „ChromaDepth“-Mural des Italieners AweR hinzukommen, das man mit 3-D-Brillen betrachtet.

Neben Crash-Kursen im Sprayen bietet Gruber auch Führungen auf dem Gelände an, zu Fuß oder an Bord einer Zille, eines traditionellen Lastkahns. In diesem Gefährt tuckert er mit seinen Besuchern durch die drei Hafen­becken, über die sich das Projekt erstreckt. Die Lager-
und Kühlhallen am Ufer sind alle noch in Betrieb. Gruber wird jedes Mal bang, wenn dort ein Mural entsteht, das provozierend wirken könnte. „Mir stockte der Atem, als eines Tages Staplerfahrer aus einer Halle kamen, an deren Außenwand ROA gerade dabei war, das Bild eines entzweigeschnittenen Ziegenbocks fertigzustellen. Aber die Männer schlugen ihm auf die Schulter und beglückwünschten ihn“, erinnert sich Gruber. „Das war wie ein Ritterschlag!“ Und der Beweis, dass der Linzer Spirit im Alltag der Stadt angekommen ist.

LINZER TORTE

Wer das weltberühmte Gebäck erfand, ist nicht überliefert. Das älteste Rezept stammt von 1653.


Man nehme…

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Butter und Eier

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Mehl

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Geröstete Haselnüsse

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Puderzucker

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Backpulver

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Gewürze

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Johannisbeerkonfitüre

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Butter und Zucker schaumig rühren

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Mehl, Backpulver, Nüsse, Eier und Gewürze gut mischen

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Alles zusammen gründlich verkneten

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Den Teig für eine Stunde kalt stellen

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Teig ausrollen

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Johannisbeerkonfitüre darauf verstreichen

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Aus dem Teig Streifen schneiden und als Gitter auf den Kuchen legen

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Mit Ei bestreichen, Mandelblättchen darüberstreuen

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Backen, abkühlen lassen und genießen!

Wer lieber backen lässt: In der Konditorei Jindrak gibt’s die Torte seit 90 Jahren täglich frisch.

jindrak.at


 

ZUM ZIEL

Lufthansa fliegt im September bis zu zweimal täglich von Frankfurt (FRA) nach Linz (LNZ). Die App für Ihre Meilengutschrift: miles-and-more.com/app