Fire purifies and drives away evil spirits
© Meiko Herrmann

Magische Mission

  • TEXT PATRICK WITTE
  • FOTOS MEIKO HERRMANN

In der Mongolei erlebt der Schamanismus seine Wiedergeburt – und steht vor ganz neuen Fragen: Dürfen die Geisterbeschwörer auf Facebook präsent sein und in Fernsehshows für sich werben?

Nur einen Schritt noch, und Erdenebat Nansamlmaa stünde in Flammen. Schon kommt der Saum seiner schwarzen Kutte dem Lagerfeuer bedrohlich nah, an seinen schweren Stiefeln stieben Funken auf, als er sich immer wilder dreht und dabei auf die Trommel aus Ziegenhaut vor seiner Brust einschlägt. Im letzten Moment reißt ihn eine Helferin zurück, in Trance sinkt der Mann auf einem Kissen in sich zusammen, stößt einen Laut aus zwischen kehligem Lachen und gruseligem Grunzen. Mitten in der mongolischen Steppe kauert nun nicht mehr Erdenebat Nansamlmaa, 41 Jahre, Familienvater, Friseur aus der eine Stunde entfernten Hauptstadt Ulan-Bator. Sondern Khokhchir Ulaach, alterslos, Schamane. Bereit, mit der Welt der Geister in Verbindung zu treten.

Die jenseitige Welt ist in der Mongolei allgegenwärtig. Sie lebt in Bergen und Flüssen, in den Yaks und den Wildpferden und im Himmel, als Seelen der Ahnen. Davon ist der Tengrismus überzeugt, die Urreligion der Turkvölker in Sibirien und Zentralasien, deren Hüter und Hohepriester seit Jahrtausenden die Schamanen sind. Inzwischen glaubt wieder jeder sechste Mongole an Geister und daran, dass die „Mittler zwischen den Welten“ – so die Bedeutung des Worts „Schamane“ – den Kontakt zu ihnen herstellen können. Bis vor 300 Jahren hätte das in der Mongolei ohnehin niemand infrage gestellt. Dann aber kamen Kriege und neue Herrscher, die erst den Buddhismus brachten und schließlich, mit dem Sowjet-Kommunismus, den Atheismus. Schamanen drohte das Gefängnis oder Schlimmeres, sie versteckten sich in den unzugänglichen Wäldern und Gebirgen des Landes. Offiziell gab es keine mehr. Gerade einmal 700 Schamanen erlebten, wie das Parlament der Mongolei 1992 die Religionsfreiheit in der Verfassung festschrieb. Seither werden rund 40 verschiedene Religionen in dem Land zwischen Russland und China praktiziert, und der Schamanismus erlebt seine eigene Wiedergeburt – dank inzwischen rund 20 000 Schamanen.

Bärenkräftig bereit: Schamane Erdenebat Nansamlmaa in Arbeitskleidung auf einem Hügel bei Ulan-Bator

Bärenkräftig bereit: Schamane Erdenebat Nansamlmaa in Arbeitskleidung auf einem Hügel bei Ulan-Bator

© Meiko Herrmann
Bei einem Ritual in der Tundra wird Milch als Opfergabe in alle vier Himmelsrichtungen vergossen

Bei einem Ritual in der Tundra wird Milch als Opfergabe in alle vier Himmelsrichtungen vergossen

© Meiko Herrmann

 „Unsere Zeit ist gekommen“, hat Nansamlmaa am Abend zuvor gesagt, als er seine Haarschere in ihr Etui schob, den „Barber and Cosmetic Shop“ abschloss und durch den Smog der Metropole hinausfuhr in die Weite der Tundra. Dort war er mit rund 100 Männern und Frauen verabredet, darunter Schamanen aus der Wüste Gobi und dem Changai-Gebirge, um die Sommersonnen­wende mit Ritualen zu feiern, den Geistern für ihre Unterstützung zu danken und mit den Ahnen zu sprechen. Auch wollte Nansamlmaa noch ein paar Unentschiedene überzeugen. „Je mehr Leute uns sehen, desto mehr werden ihr mongolisches Erbe wieder anerkennen“, sagte er, „umso größer wird die Aufmerksamkeit.“

Die wächst ungebremst. Im ganzen Land steigt die Zahl schamanistischer Praxen, es gibt eigene Zeitschriften, in den Bestsellerlisten halten sich Bücher und Ratgeber von Schamanen weit oben. TV-Sender küren, quasi als mongolische Variante von „Deutschland sucht den Superstar“, den Schamanen mit dem besten Draht ins Übersinnliche. Auch Nansamlmaa hat schon an der „Challenge of Mongolian Shamans“ teilgenommen. Vor einem Jahr kontaktierte er samstags zur besten Sendezeit im Fernsehstudio die Geister, um mit ihrer Hilfe Gegenstände in verschlossenen Boxen zu erkennen oder kundzutun, welcher Frau der knallrote Lippenstift gehört, der ihm gezeigt wurde. Unseriöse Vermarktung, Entweihung eines uralten Erbes? Nansamlmaa hält solche Auftritte für gute PR im Dienst des Schamanismus. Die Zuschauer fühlen sich von der Show ausgezeichnet unterhalten, glauben aber auch, dass Schamanen wie er bei ernsten Anliegen helfen können – sie gelten als Lehrer, Mediziner und Priester in einer Person.

Blessed encounter: Erdenebat Nansamlmaa makes contacts with his clients’ ancestors and channels their advice and comfort

Segnende Begegnung: Für Klienten nimmt Erdenebat Nansamlmaa Kontakt mit ihren Ahnen auf, die durch ihn beraten und Trost spenden

© Meiko Herrmann

 „Unsere Schamanentradition ist so alt und stark, dass die Leute eher zu uns gehen als zu einem Arzt oder Psychologen. Auch bei mir öffnen sie ihr Herz, trauen sich zu weinen und können über ihre Sorgen und Probleme reden“, berichtet Nansamlmaa. Gegen eine kleine Spende bietet er an drei Tagen in der Woche Kräuter Kräutermixturen und Geistergespräche an, in wenig beschaulicher Umgebung: Seine weiße Jurte duckt sich neben gestapelten Autoreifen und einem Rudel jaulender Schlittenhunde auf einem umzäunten Schotterhof. Seine Kundschaft stört das nicht. „Die Menschen, die zu mir kommen, wollen ein besseres Leben und Lösungen für ihre Probleme – und ich helfe ihnen.“ Einige vermissen ihre Verstorbenen oder erhoffen sich von ihnen Rat und Trost. Andere sind krank, erbitten einen Segen für eine bevorstehende Prüfung oder einen Hinweis, was bei Geldsorgen zu tun sei. Auch Politiker und Wirtschaftsbosse zählen zur Klientel der berühmtesten Schamanen. Und die müssen sich um ihr Auskommen keine Sorgen machen: Sie leben in Villen, fahren luxuriöse Autos, werden als Stars umworben. Ein Einkommen von zwei Millionen Tugrik, knapp 720 Euro und damit fast das Doppelte eines monatlichen Durchschnittsverdiensts, ist selbst für Schamanen-Novizen durchaus möglich und macht aus einer überlieferten Tradition ein lukratives Geschäftsmodell.

Sonnenwend-Zeremonie in der Wildnis: Das Feuer hindert böse Geister daran, sich zu nähern

Sonnenwend-Zeremonie in der Wildnis: Das Feuer hindert böse Geister daran, sich zu nähern

© Meiko Herrmann
Gute Geister werden per Maultrommel gelockt

Gute Geister werden per Maultrommel gelockt

© Meiko Herrmann

 Schließlich ist das Leben teuer in der Hauptstadt Ulan-Bator, wo die Hälfte der rund drei Millionen Mongolen wohnt. Weil es nicht viele gut bezahlte Arbeitsplätze gibt, verdienen sich immer mehr Männer und Frauen, die ansonsten als Lehrer, Taxifahrer oder Verkäuferinnen arbeiten, als Teilzeit-Schamanen etwas dazu. Oder auch etwas mehr. Denn manche bilden auch gleich den Nachwuchs aus: Sie unterrichten junge Leute in den Lehren von Feuer und Tanz, zeigen ihnen, wie man mit einer Maultrommel die Geister auf sich aufmerksam macht oder welche runden Kupferplatten unerwünschte Energien abhalten, indem sie wie Spiegel wirken. Das Lernen, so Nansamlmaa, ende für einen echten Schamanen erst mit dem Tod. Er beklagt, dass vermehrt Nachahmer ihren Schülern schon nach wenigen Monaten ein Zeugnis ausstellen und sie in den Rang eines „Ulaach“ erheben, eines jungen Schamanen – gegen entsprechend großzügige Bezahlung.

Nansamlmaa rümpft darüber lediglich die Nase, doch ein anderer Mann beobachtet diese Entwicklung mit großer Sorge. Jargalsaikhan heißt er, nur ein Name, aber ein mächtiges Amt: Präsident der Mongolischen Gewerkschaft der Schamanen. Diese fordert, dass Scharlatanen das Handwerk gelegt wird. Nur „wahre“ Schamanen sollen den Kontakt zu den Geistern herstellen und so ihre jahrtausendealte Aufgabe erfüllen: zu helfen, dass der Mensch in Harmonie lebt, mit sich und seiner Umwelt. Das Bewusstsein dafür ist immer noch vorhanden. Deshalb wenden sich ausländische Minenfirmen, ehe sie Gold, Kupfer oder Erdöl in einem der rohstoffreichsten Länder aus dem Boden holen, manchmal auch an den Dorfschamanen, damit er die Geister und Seelen der Ahnen vor Ort um Erlaubnis bittet. Und um Verzeihung für die tiefen Wunden, die ihre Bagger und Bohrer in Stein und Erde schlagen. Doch ist der Schamane kompetent? Kann der Kollege in seinem Zelt in der Stadt wirklich mit dem Großvater reden? Wer oder was spricht da aus ihm? Sorgt er für Ausgleich und inneren Frieden, oder beschert er seinen Kunden nichts als Chaos und finanziellen Ruin?

Die aufgehende Sonne über einem Feuer in der mongolischen Steppe; die Achsenzeichnung symbolisiert die Götter der Schamanen

Die aufgehende Sonne über einem Feuer in der mongolischen Steppe; die Achsenzeichnung symbolisiert die Götter der Schamanen

© Meiko Hermann

 Um das herauszufinden, hat Jargalsaikhan ein Büro im ersten Stock eines der zahllosen Plattenbauten in Ulan-Bator bezogen. In dem winzigen Raum ist gerade Platz für einen Stuhl, einen Schreibtisch, einen überdimensionalen Flachbildfernseher und eine Karte an der Wand, auf der die mehr als 100 Schamanengruppen in den einzelnen Provinzen markiert sind. „Wir achten darauf, dass die Tradition erhalten bleibt und von Generation zu Generation eine Kontinuität entsteht“, sagt der untersetzte Mann. Regelmäßig besucht er Treffen der verschiedenen Gruppen, um zu überprüfen, ob Schmiergeld gezahlt, Kräutermittel ordnungsgemäß gemischt, Rituale nicht verfälscht werden oder nicht anderweitig gegen die Regeln verstoßen wird. Manchmal fragen Gruppen aber auch nach, wie eine Zeremonie korrekt vollzogen werden muss. Das alte Wissen, es ist nicht mehr immer selbstverständlich vorhanden.

Einige Moden der Zeit erscheinen unvermeidlich: „Neuerungen wie TV-Shows mit Schamanen oder Face book-Posts sind von der Tradition nicht gedeckt“, erklärt Jargalsaikhan das Dilemma, „aber niemand konnte sie vorausahnen.“ Dürfen sich Geister auf Social-Media-Kanälen äußern, weil Schamanen ihre Sitzungen filmen und online stellen? Dürfen Rituale auf Video zu sehen sein? Darf man mit lange wohl gehüteten Zeremonien Geld verdienen? Jargalsaikhan weiß es auch noch nicht. „Wir müssen das Bewusstsein für unsere Identität erst wieder entdecken“, sagt er. Ganz sicher ist er aber, dass der Schamanismus bei dieser Suche helfen wird.

Der Adler gilt als "erster Schamane", seine Kralle soll vor negativen Energien schützen

Der Adler gilt als "erster Schamane", seine Kralle soll vor negativen Energien schützen

© Meiko Herrmann
Zauber auch Haarschnitte: Erdenebat Nansamlmaa in seinem Saalon

Zauber auch Haarschnitte: Erdenebat Nansamlmaa in seinem Saalon

© Meiko Herrmann

 Nansamlmaa hat von seinen TV-Auftritten profitiert, sagt aber auch: „Die Reinheit unserer Lehre muss erhalten bleiben.“ Die Geisterkunde ist für ihn Beruf und Berufung. Denn nicht er fand zum Schamanismus, der Schamanismus fand ihn. Vor einigen Jahren plagten ihn starker Kopfschmerz, Fieber und Albträume. Nansamlmaa, ein einfacher Mann, der mit 18 Jahren die Schule verließ, zwei Jahre Militärdienst leistete, dann Friseur wurde und heute vier Kinder zu ernähren hat, wähnte sich schwer erkrankt. „Es war ein Kampf“, erinnert er sich, „erst als ein Schamane mir sagte, dass in mir uk fließe, ein mongolischer Begriff für Ursprung, konnte ich mein Schicksal anerkennen.“ Das trug ihm auf, Schamane zu werden und den Kampf mit den Geistern aufzunehmen. Denn es gibt gute, die ihm willkommen sind, und heimtückische, vor denen er sich schützen will – mit Ringen und Amuletten an seiner Kutte. „Am Ende wird der Himmel entscheiden, ob ein Schamane gut oder schlecht ist. Aber wer der Tradition folgt, die richtigen Zeremonien und Rituale kennt, wird bleiben.“

Am längsten Tag des Jahres feiern die Schamanen den Adler: Er ist das einzige Tier, das in die Sonne sehen kann

Am längsten Tag des Jahres feiern die Schamanen den Adler: Er ist das einzige Tier, das in die Sonne sehen kann

© Meiko Herrmann

 Deshalb lässt er sich am Vorabend, als unter dem großen Himmel der Steppe seine Trance einsetzt, nach Art der Vorfahren eine Ledermaske über das Gesicht ziehen, von der Riemen wie ein Vorhang herabhängen. Zwei weiße Ovale am oberen Rand wirken dabei wie Ersatz­augen, Symbole für den Blick nach innen. Einzeln setzen sich Besucher vor den Schamanen, um zu lauschen, welche Botschaft die Geister für sie haben. Wenn diese anwesend sind, kann Nansamlmaa sie zwar nicht sehen, doch er spürt sie: „Der Körper eines Schamanen ist wie ein Fenster“, sagt er, „wenn ein Geist eintritt, werde ich ganz leicht.“ Es fühle sich an, als könne er fliegen.