Out of Germany: Mein wirklich wahrer Urlaub
© Tim Möller-Kaya

Mein wirklich wahrer Urlaub

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Mal ein Wort in eigener Sache. Auch wenn es ein Einzelschicksal ist. Ich hatte seit mindestens 30 Jahren keinen klassischen Urlaub mehr gemacht. Weil ich übers Reisen schreibe, war Reisen für mich Arbeit, und Urlaub machte ich zu Haus. Ich unterbrach diese Routine wegen einer Frau, die normale Ferien wollte. Sie hat ein paar Jahre gebraucht, mich davon zu überzeugen, in diesem hat sie es nun endlich geschafft. Ich flog mit ihr auf eine Urlaubsinsel und wandelte mit ihr eine Strandpromenade auf und ab. Zehn Tage lang. Im Urlaubsgang. Bummeln. Hin und wieder haben wir etwas gegessen und abends Wein getrunken. Der Alkohol hatte jeglichen Schrecken verloren, weil wir nach dem Aufwachen schwimmen gingen und sofort wieder in Form waren. Es gab Palmen, Vollmond und einen Zweimaster in der Bucht. Er ankerte dort wie ein Bild an der Wand. Mein Wohnzimmer war der Balkon.

Wir kauften eine Luftmatratze, mit der ich sie über Wellen schubste, und fuhren zweimal mit einem der kleinen Schiffe, die dort wie Busse unterwegs waren, einmal in die Hauptstadt der Insel und zu ihren Gassen, einmal zum Hippiemarkt. Ich kaufte mir einen Strohhut. Ich kaufte ihr ein Blumenkleid. Viel mehr war nicht zu tun. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins war besser als erträglich geworden. Apropos: Ich las ein Buch. Welches, war egal, Hauptsache, es war gut. Kein Fernseher, kein Schreibtisch, kein Regen. Auch keine Disziplin. Statt Selbstoptimierung bloß süßes Nichtstun, und es fühlte sich wie optimales Leben an. Ich habe mich nicht ein einziges Mal gelangweilt oder gedacht, jetzt reicht’s. Es ist ein paar Wochen her, aber gibt noch immer Kraft. Das Glück der Vergangenheit. Aber auch das Glück der Zukunft. Das ist das Schöne am klassischen Urlaub. Er kommt jedes Jahr. Und sobald ich an ihn denke, beginne ich, langsamer zu gehen. Und mich umzusehen.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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