Out of Germany: Morgenröte meines Lebens
© Tim Möller-Kaya

Morgenröte meines Lebens

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

 Einmal saß ich in Finnland am Ufer eines Sees und wartete auf die Sonne. Am Horizont tat sich was. Die Vorboten der Morgenröte kamen in einem zarten Rosa daher. Erst nur ein Schimmer, ein Schein, ein Vorglühen – dann färbte sich der Osten rot wie ein Feuer, bis in der Mitte der Linie, die See und Himmel trennte, ein orangefarbener Kegel auftauchte und größer wurde, auch gelber, intensiver, heller.

Das hatte etwa eine halbe Stunde gedauert, nun aber ging es extrem viel schneller, denn der erste Strahl, den die Sonne über den Horizont schickte, schoss in Lichtgeschwindigkeit, also mit etwa 300 000 Kilometer pro Sekunde auf mich zu. Das ist normal. Das Ungewöhnliche war, dass ich es mitbekam. Ich sah den Strahl kommen, bevor er auf meine Netzhäute traf.
Fast gleichzeitig knallte es zu meiner Linken im Schilf. Ein Knall, der entsteht, wenn ein Schwarm großer Wasservögel mit starken Flügelschlägen synchron in den Tag startet. Erst erschrak
ich, dann war ich hin und weg. Und wünschte mir, mit ihnen zu fliegen – so tief über dem See, dass die Flügelspitzen noch im Wasser spritzen, bevor die Tiere Höhe gewinnen, Kreise ziehen und den Wind zu reiten beginnen. Weil ich das nicht kann, begleitete zumindest mein Blick einen der Vögel auf seinem Flug, und der Versuch, meine Seele an diesen Blick zu hängen, gelang ganz gut. Ein paar Sekunden lang war ich ein Vogel und schwebte über den See. Dann kam es, wie es kommen musste, und ich kümmerte mich endlich um den Campingkocher und den Kaffee.

Das war nicht neulich, sondern ist, ich gebe es gern zu, schon ein bisschen her. Aber es war nun mal der bisher schönste Morgen meines Lebens.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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