© David Burdeny

Moskau von unten

  • TEXT DIANA LAARZ

Paläste und Plattenbauten, junge Talente und ehrwürdige Institutionen: Die berühmte Moskauer Metro verbindet sie alle – verlässlich im 90-Sekunden-Takt

  Station 1: Chowrino

Iwan Lepskij hat es eilig. Zusammen mit den anderen Jungen stürmt der Elfjährige in den Speisesaal des Fußball-Internats von Dynamo Moskau. Dann schaufelt er eine große Portion Makkaroni in sich hinein. Eines Tages, sagt er zwischen zwei Löffeln, möchte er im Speisesaal für die Profis im Stockwerk darüber essen, mit Büfett und Armlehnsesseln. Ein gutes Stück dieses Wegs hat Iwan schon zurückgelegt – er kommt aus Kamtschatka im Pazifischen Ozean, 6500 Kilometer Luftlinie von Moskau. Abends um zehn telefoniert er mit seinen Eltern, für die es dann sechs Uhr morgens ist. Er hat viel vor: „Erst in die Nationalmannschaft, dann zu Real Madrid.“ Sein jetziger Verein dümpelt gerade im sportlichen Niemandsland. Erste Liga, unteres Drittel der Tabelle. Die WM soll dem Team einen Kick geben. Immerhin kann es seine Heimspiele danach wieder im angestammten Stadion austragen, das für das Groß­ereignis jahrelang renoviert worden ist. Das Trainingsgelände liegt am Rande Moskaus, nicht mehr Stadt, aber längst noch nicht Land. In der Nähe liegt der Chimki-Wald, die grüne Lunge der Stadt, rund 30 Kilometer vom Roten Platz entfernt, im Nordwesten. Hier beginnt unsere Reise durch eine Metropole, die ihr Tempo rasant verändert.

Im Zentrum der Haupstadt: das Staatliche Historische Museum am Roten Platz

Im Zentrum der Haupstadt: das Staatliche Historische Museum am Roten Platz

© Frank Herfort

Auf zwei Dinge ist noch Verlass: Auf den Straßen droht der Verkehrsinfarkt, während unter der Erde die Metro ein Muster an Effizienz ist. Alle 90 Sekunden hält ein Zug, jährlich werden 2,5 Milliarden Fahrgäste transportiert. Und schön ist sie auch noch – die Moskauer Metro gilt als prachtvollste Untergrundbahn der Welt. Unsere Reise führt von Nord nach Süd mit der 2, der grünen Linie. Die Ausgangsstation ist ein Zweckbau, zwei gläserne Flügeltüren als Tor zur Unterwelt. Mit fast 100 Stundenkilometern rauscht die Metro unter den Wohnblöcken der grauen Schlafstadt hindurch.

Kurz Nachrichten ­checken an der Metro­station Dynamo

Kurz Nachrichten ­checken an der Metro­station Dynamo

© Frank Herfort
Sonja Serowa leitet das Café Ziferblat

Sonja Serowa leitet das Café Ziferblat

© Frank Herfort

  Station 10: Twerskaja

Nur eine Haltestelle hinter dem Dynamo-Stadion beginnt das historische Zentrum. Man sieht es schon beim Blick durch die Scheiben. Sowjetische Mosaike, Bogengewölbe, weißer Marmor und Kronleuchter: unterirdische Schlösser. Ab den 1930er-Jahren wurden unter Stalin die besten Architekten des Landes für den Bau dieser „Paläste fürs Volk“ beauftragt. Die Rolltreppe bringt uns hinauf in das Viertel, wo im 19. Jahrhundert viele Künstler und Literaten wohnten.

Fast verpassen wir den Eingang des Cafés Ziferblat. Das Schild ist kaum zu sehen. „Wollten wir ändern“, sagt drinnen Sonja Serowa trocken, „haben wir vergessen.“ Im Café im zweiten Stock stehen Möbel ohne Plan, krumm, alt, Hauptsache, gemütlich. Ein Gast klimpert auf dem Klavier, ein anderer zelebriert vor Freunden ein aufwendiges Teeritual. Personal und Besucher sind kaum voneinander zu unterscheiden. Sonja Serowa, zart wie eine Elfe, fragt: „Welchen Wecker möchtet ihr?“ Die Wecker, allesamt Flohmarktfunde, symbolisieren das Ziferblat-Konzept: Gäste zahlen für die Zeit, die sie im Café verbringen. Drei Rubel pro Minute, das sind etwa 2,50 Euro pro Stunde. Nach zwei Stunden wird es billiger. Man bedient sich selbst, es gibt verschiedene Kaffeesorten, Tees, Kekse und Obst. Niemand kommt ins Ziferblat, um möglichst schnell viel zu trinken oder zu essen. Im Gegenteil: Hier trifft man auf Freunde, die man zuvor noch gar nicht kannte.

Sonja Serowa, 23 Jahre alt, ist die Managerin. Zuvor hat sie mal Kunstgeschichte studiert, „vielleicht mache ich das irgendwann zu Ende“. Im Moment will sie jedoch keine der wertvollen Minuten im Café missen. Es gebe in Moskau sicher Läden mit besserem Kaffee und schickeren Sofas, räumt sie ein, „aber das Ziferblat ist ein Ort mit Gefühl“. Das Café eröffnete vor sieben Jahren, eine Ewigkeit in den unruhigen Moskauer Zeiten. Es markierte die Geburt einer Bewegung, es begann eine Ära der Entschleunigung. Die Moskauer lernen erst noch, ihre Stadt zu genießen. Sie üben sich im Flanieren und Faulenzen, im Rumhängen und Schlendern. Hängematten baumeln in Parks, Radwege entstehen am Ufer der Moskwa. „Unsere Stadt ist viel gemütlicher als vor zehn Jahren“, sagt Serowa.

­Igor Tswirko und Kristina Kretowa beim ­Ballett-Training im Bolschoi-Theater

­Igor Tswirko und Kristina Kretowa beim ­Ballett-Training im Bolschoi-Theater

© Frank Herfort
Der Mercury City Tower

Der Mercury City Tower

© Frank Herfort

  Station 11: Teatralnaja 

Die nächste Etappe im Untergrund ist kurz – nur bis zum Teatralnaja Ploschtschad, Theaterplatz. Angekündigt durch Kristalllampen in Bronzelüstern. Plötzlich stehen wir im Herzen Moskaus zwischen Kreml, Rotem Platz und dem Edel-Kaufhaus GUM. Marx’ Appell ist in Granit graviert: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. Eine Kreuzung weiter steht das Gebäude, nach dem der Platz benannt ist, das Bolschoi-Theater, übersetzt heißt es schlicht „Großes Theater“. Gern weisen Moskauer darauf hin, dass das Bolschoi ein paar Monate älter ist als die USA.

Klaviermelodien weisen den Weg zum Übungssaal Nummer 2. Igor Tswirko und Kristina Kretowa tanzen die Schluss­szene aus „Don Quixote“: viel Leidenschaft, viel Schmerz. Im tiefen Rückenausschnitt der Tänzerin zeichnen sich präzise die Muskeln ab. Während der Hebefiguren ist Tswirkos Atem zu hören. „Was jetzt?“, flüstert er seiner Partnerin im Tanz zu. „Arabesque“, antwortet sie atemlos. Kurz darauf landet er krachend auf dem Parkettboden. „Stopp“, ruft die Lehrerin und schüttelt verärgert den Kopf. Igor Tswirko lacht.

Mehr als 200 Tänzer zählen zum Ensemble des Bolschoi. Tswirko, 28, und Kretowa, 34, sind Erste Solisten, höher kann man auf der Ballett-Karriereleiter nicht klettern. Jeder von ihnen arbeitet mit Lehrern, meist Bolschoi-Stars früherer Jahre, hier bleibt man Schüler bis zum Ende seiner Karriere. Seine Tänzer verschlingt das Bolschoi mit Haut und Haaren und Hirn.

Tswirko tanzt mal Don Quixote, mal Spartakus, am nächsten Tag einen französischen Revolutionär. „Auf der Bühne stürzen die Emotionen auf mich ein“, sagt er, „manchmal ist es kaum auszuhalten.“ Tswirko und Kretowa ziehen die Ballettschuhe aus und gefütterte Stiefel an, um Bänder und Sehnen warm zu halten bis zur nächsten Probe. Die ist in zwei Stunden.

  Station 17: Kaschirskaja 

In einem Bogen geht es weiter Richtung Süden. Die Waggons rumpeln, einige tragen noch Plaketten mit roten Sternen. Sie wurden bis Mitte der 1970er-Jahre in St. Petersburg gebaut, damals hieß es noch Leningrad. An der Kaschirskaja spuckt die U-Bahn förmlich ihre Fahrgäste aus. Eine 1960er-Jahre-Gegend. Wohnriegel in Reih und Glied, zur Erholung dienen ein kleiner Park und ein verrosteter Spielplatz. In einem Innenhof duckt sich ein flaches Gebäude, die Galerie Na Kashirke. Drinnen kneift Galina Woro­bjowa die Augen zusammen und reißt sie dann auf. Das macht sie immer, wenn sie ein Bild einer Schülerin betrachtet. Sie sagt: „Jetzt fangen wir noch einmal von vorn an.“

Die Galerie eröffnete in den 1980er-Jahren, die Bewohner der Vororte sollten etwas Kultur kennenlernen. Die Institution hat alle Wendewirren überstanden und beweist heute, dass man tatsächlich auch hier Kunst ganz groß rausbringen kann. Die Leiterin Galina Kuzmina sucht unermüdlich nach zeitgenössischen Werken. Installationen aus Birkenrinde und Lachshaut hängen an den Wänden, von einem Künstler aus Udmurtien am Fuß des Ural-Gebirges. In einem anderen Raum hängen Cover von Frauenzeitschriften aus sieben Jahrzehnten: Traktoristinnen und fürsorgende Mütter – ein Kommentar auch zu Frauenrollen in der Sowjetunion.

Am Nachmittag treffen sich in einem engen Atelier ein paar Nachbarn zum Malen. Auch Galina Kuzmina setzt sich vor ein Blatt Papier. Die Lehrerin Worobjowa ist Künstlerin, sonst unterrichtet sie Kinder. Mit Erwachsenen, meint sie, sei es schwieriger, „sie haben verlernt, die Welt richtig zu sehen“. Sie hat drei Tulpen mitgebracht. „Ihr müsst in die Tiefe blicken“, sagt sie, eine der Blumen sei eine selbstbewusste Schönheit, eine andere gleiche einer betenden Frau. Galina Kuzmina denkt derweil über ihre nächste Ausstellung nach. Geplanter Titel: Faulheit. „Wir wollen weg vom Stress“, sagt sie.

MOW

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sieht aus wie eine Me­ditationsübung, dauert aber nie lange: Warten auf die Moskauer U-Bahn

Sieht aus wie eine Me­ditationsübung, dauert aber nie lange: Warten auf die Moskauer U-Bahn

© Frank Herfort

  Station 19: Zarizyno

Nach der Kaschirskaja werden die Abstände länger. Moskau wächst immer weiter aufs Land hinaus, so auch das Streckennetz. Längst ist die Metro eine Stadt unter der Stadt, in der 36 000 Menschen arbeiten. Noch einmal geht es schwebend die Rolltreppe hinauf. Oben: Bruchbuden und zerbrochene Gehwegplatten, kein Hinweis auf die Pracht hinter der nächsten Straßenecke. Da steht, rund 20 Kilometer vom Zentrum entfernt, auf einem Hügel das Zarizyno-Schloss. 1775 verliebte sich Zarin Katharina die Große in diesen Ort, von dem aus man auf Moskau hinabsehen kann. Sie gab einen Märchenpalast in Auftrag und nannte ihn Zarizyno, „Zarinnenort“.

Julia Kiselewa, eine Mitarbeiterin des Museums, kündigt „russische Geschichte im Schnelldurchgang“ an. Im Sommer picknicken die Moskauer vor den Kavaliershäusern, im Winter fahren sie mit Kutschen durch den Schnee. Kiselewa preist Zarin Katharinas Weitsicht: „Sie wählte den romantischsten Ort Moskaus“, Pause, „auch wenn sie etwas launisch war.“ Das ist stark untertrieben. Als die Zarin die Baustelle besuchte, fand sie den halb fertigen Palast abscheulich. Sie ließ Teile abreißen und beauftragte einen neuen Bau. Nach Katharinas Tod 1796 wurden die Arbeiten schließlich komplett eingestellt. „Überliefert ist die Geschichte, sie habe in ihren Kleidern die Treppen nicht hochsteigen können und einen Wutanfall bekommen“, sagt Julia Kiselewa. Es gibt viele solcher Geschichten.

Die Palastanlagen verfielen 200 Jahre lang, aus den Ruinen wuchsen Bäume. Zu Sowjetzeiten hatten sich hier sogar Wohngemeinschaften eingerichtet. 2005 beschloss der Moskauer Bürgermeister die Restaurierung und Fertigstellung des Ensembles. So wurde Zarizyno doch noch, was es längst hätte sein sollen: ein verwunschenes Eldorado, nicht für eine Zarin, sondern für gut fünf Millionen Ausflügler im Jahr.

  Station 23: Alma-Atinskaja 

Die grüne Linie fährt noch einige Kilometer weiter, bis zur Station Alma-Atinskaja. Die U-Bahn endet dort, Moskau noch lange nicht. Hinter Wohnhäusern fließt gemächlich die Moskwa – die Strömung treibt weiter aus der Stadt hinaus. Wir aber wollen zurück ins Zentrum. Die Autofahrt im Schneckentempo würde Stunden dauern. Wer von hier weg möchte, der muss hinunter. In die U-Bahn.

© Cristóbal Schmal

1. Café Ziferblat 
2. Bolschoi-Theater
3. Galerie Na Kashirke
4. Zarizyno-Park


Zum Ziel

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