Nah am Wasser gebaut
© Julia Sellmann

Nah am Wasser gebaut

  • TEXT JESSICA BRAUN
  • FOTOS JULIA SELLMANN

Ein Haus, ein Zimmer: In der Grachten-Stadt Amsterdam werden ehemalige Brückenwärterhäuschen zu einem Hotel umfunktioniert.

Sitzt man morgens in Amsterdam auf der Terrasse seines Brückenwärterhäuschens gemütlich beim Frühstück, kann es passieren, dass der Bootsführer eines vorbeischippernden Sightseeing-Boots herüberdeutet und seinen Passagieren zuruft: „Das ist ein neues Hotel!“ Die Touristen bringen dann pflichtschuldig Kameras und Handys in Anschlag. Doch in ihren Gesichtern kann man ihre Zweifel lesen: Das Sandsteinhäuschen mitten im Fluss – das soll ein Hotel sein?

Genau genommen gehört Nummer 206 Amstelschutsluis (sluis = Schleuse) zu einem Hotel, dessen Zimmer über weite Teile des Stadtgebiets verstreut liegen: Das 2018 eröffnete Sweets Hotel besteht aus 28 Brückenwärterhäuschen auf oder neben den Klappbrücken und Kanalschleusen der Stadt. Über Jahrhunderte waren sie unverzichtbar für die Infrastruktur der Grachtenstadt. Wollten Schiffe oder größere Boote sie passieren, stoppten die Brückenwärter den Straßenverkehr und öffneten die Brücke. Damit gaben sie den Rhythmus der Stadt vor  – oft zum Ärger der zum Warten gezwungenen Autofahrer. 2004 beschloss die Verwaltung, die Steuerung der Klappbrücken zu zentralisieren. Seitdem werden diese von einem Großraumbüro aus bedient, die Häuschen standen leer. Vorschläge, wie man einzelne Gebäude anderweitig nutzen könnte, gab es viele. Die Stadt suchte jedoch nach einer Lösung, die alle 28 einbezog. Die zündende Idee hatte Suzanne Oxenaar, die schon das legendäre Amsterdamer Lloyd Hotel miterfunden hatte. Gemeinsam mit zwei Kollegen und dem Architekturbüro Space  &  Matter stellte sie 2012 das Konzept für das Sweets vor. Airbnb hatte sich damals in Amsterdam noch nicht durchgesetzt, und die Idee, Touristen über die Häuschen auch in entlegenere Stadt­teile zu locken, kam bei der Stadtverwaltung gut an. ­Oxenaar und Co. erhielten den Zuschlag, seither bauen sie die Häuschen nach und nach zu Doppelzimmern um.

Nah am Wasser gebaut
© Julia Sellmann

301

WESTERDOKSBRUG

Unweit vom Hauptbahnhof liegt Zimmer 301 – der Blick geht auf das moderne Amsterdam mit dem futuristischen Filmmuseum.

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307

WIEGBRUG

Gelegen im quirligen Westen der Stadt, erreicht man von Zimmer 307 aus viele Restaurants, Bars und eine trendige Markthalle zu Fuß. Das Wohngefühl? Man kommt sich vor wie in einem Raumschiff, das gleich auf dem Wasser aufsetzen wird.


 

 In 18 davon kann man inzwischen übernachten, bis 2021 sollen alle 28 zu buchen sein. Dass sich die Fertigstellung des Hotelprojekts so lange hinzieht, liegt vor allem an den zeit­intensiven Umbauphasen: Mindestens vier Monate benötigt das Team jeweils, um eins der Häuschen in eine wohnliche und interessant gestaltete Suite zu verwandeln. Denn statt die Bau-Unikate im Einheitsstil zu möblieren, versuchen die Macher die Einrichtung der jeweiligen Architektur anzupassen. So sorgen in Nummer 207 Nieuwe Amstelbrug (brug = Brücke), einem Backsteinquader von 1912, buntes Glas und Kupferlampen für schönes Licht. In Nummer 204 Hortusbrug, einem luftigen, im Stil von Le Corbusier errichteten Pavillon, schützen statt Vorhängen handgezimmerte Jalousien die Logiergäste vor ungebetenen Blicken von draußen. Auch die Einrichtung passt sich dem Bauhaus-Look an, unter anderem mit dem rot-blauen Stuhl von Gerrit Rietveld – einem Original. Obwohl zierlich, nimmt das berühmte Möbel fast ein Viertel des Zimmers in Beschlag.

Nah am Wasser gebaut
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304

KATTENLOOTSBRUG

Am Rande des populären Jordaans-Viertels und nahe dem Anne-Frank-Haus liegt dieses in den Fünfzigern
erbaute Backsteinhäuschen.


 

 Raum ist in den meisten Brückenwärterhäuschen generell knapp. Das kleinste misst gerade mal zehneinhalb Quadrat­meter – das macht den Umbau nicht eben einfacher. Jedes der oft denkmalgeschützten Gebäude erfordert ein eigenes Raumkonzept. Die Nummer 103 an der Buiksloterdraaibrug im Norden der Stadt zum Beispiel ist ein rundum verglaster Klinkerwürfel, Baujahr 1984. Öffnet man das elektronische Türschloss mit der App Flexipass, läuft man fast gegen eine Holzsprossenwand. Dahinter befindet sich das Bad, das gleichzeitig die Küchenzeile ist – je nachdem, von welcher Seite man ans Waschbecken tritt. Für Kollegen auf Geschäftsreise ist das sicherlich etwas zu viel Nähe. Auf Komfort wie Kaffeemaschine und Kühlschrank muss man trotz der Enge nicht verzichten – nur sollte man vielleicht ein bisschen mehr auf Ordnung achten als in einem herkömm­lichen Hotelzimmer. Liegt man auf dem großzügigen und sehr bequemen Bett, wirkt der Raum jedoch viel heller und luftiger als ein Standard-Hotelzimmer gleicher Größe. Unter dem Bett verstecken sich Klappstühle, die man auf der zum Haus gehörenden Wiese am See aufstellen kann. Fahrradfahrer sausen im Minutentakt über die Brücke, ein Reiher beweist sich als Kunstflieger und segelt mit ausgebreiteten Schwingen unter der Fahrbahn übers Wasser: Man versteht schnell, warum die ­Brückenwärter wenig begeistert waren, als sie ihre pittoresken Arbeitsplätze aufgeben mussten.

Nah am Wasser gebaut
© Julia Sellmann
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Nah am Wasser gebaut
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206

AMSTELSCHUTSLUIS

Das charmante Gebäude an der Amstelschutsluis ist das spektakulärste aller Sweets-Zimmer. Es wurde 1673 errichtet und ist nur mit dem Boot erreichbar.


 

 Auch wenn man in den Häuschen mittlerweile übernachten kann, sind einige von ihnen noch immer mit funktionsfähigen (aber gesicherten) Steuerpulten ausgestattet. So auch das prominent auf einer Schleuseninsel in der Amstel thronende Haus Nummer 206. Würde die Steuerung per Computer ausfallen, könnte ein Brückenwärter die Schleuse hier im Notfall von Hand öffnen. Für die Gäste sind die Regler lediglich eine Erinnerung daran, dass ihr Domizil mal ein Arbeitsplatz war. Sonst ist davon im Schleusenhaus nichts mehr zu sehen. Übrigens ist die 206 unter den ohnehin romantischen Brückenwärterhäuschen das mit dem größten Wow-Faktor: Gebaut 1673, ist es das älteste aller Häuschen – und wegen seiner Lage nur mit dem Motorbootservice des Hotels zu erreichen. Doch hat man einmal übergesetzt, will man ohnehin nicht mehr weg. Die 24 Quadratmeter bieten fast üppig Platz für zwei: Dusche und Toilette sind hier voneinander getrennt, die Küche hat einen Herd und sogar einen Geschirrspüler. Rund ums Haus kann man in der Sonne sitzen, ein langer Steg führt zu einer weiteren Plattform, die wie dafür gemacht ist, sich hier zu sonnen oder im Abendlicht eine Flasche Champagner zu öffnen. Denn die Aussicht ist Instagram-Gold: Von der Küche aus schaut man auf die hölzerne Magere Brug, das Carré-Theater und die aneinanderlehnenden Kanalhäuser, vom Bett aus sieht man das Amstelhotel, ein altes Grand Hotel, und in der Ferne die helle Spitze des histo­rischen Montelbaans-Turms. Mit etwas Glück kommt ein Schiff, das zu groß für die Hogesluis ist. Dann ertönt ein Läuten, der Verkehr stoppt – und wenn man sich jetzt über das Steuerpult beugt, fühlt man fast die Macht der alten Schleusenwärter: Brücke, öffne dich!

Nah am Wasser gebaut
© Julia Sellmann

204

HORTSBRUG

Das Häuschen in der City ­entstand 1956 im Stil der klassischen Moderne. Mit der auskragenden Terrasse scheint es über dem Kanal zu schweben.


 

Nah am Wasser gebaut

Schöne Aussichten: die Top 7 der Brückenwärterhäuschen


 

1 Buiksloterdraaibrug

2 Hortusbrug   

3 Amstelschutsluis   

4 Nieuwe Amstelbrug

5 Westerdoksbrug

6 Kattenslootbrug

7 Wiegbrug

A Hauptbahnhof

B Damrak

C Rijkmuseum

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