Paradies in blau: Aufmacher
© Julian Walter

Paradies in Blau

  • TEXT ANTONIA SCHAEFER
  • FOTOS JULIAN WALTER

Nach zwei Tagen Seegang liegt sie da: die Isla del Coco, die Kokos-Insel im Pazifischen Ozean – unbewohnt und mehr als 500 Kilometer vom Mutterland Costa Rica entfernt. Alle Tauchherzen fliegen hoch und höher …

Auf dem Sonnendeck der Argo wird es unruhig. Das größte Schiff der Undersea Hunter Group, 40 Meter lang, Platz für 18 Gäste und 14 Crewmitglieder, nähert sich der Insel langsam, fast zögerlich. An Bord hebt vorfreudig-gespanntes Gemurmel an. Viele von uns haben lange darauf gewartet, dieses isolierte Fleckchen Erde besuchen zu können, nur 3000 Touristen jährlich dürfen dorthin. Die Isla del Coco, gerade mal 24 Quadratkilometer groß, lockt Abenteurer an und beflügelt die Fantasie der Glücksritter. Piraten, erzählt man seit Generationen, sollen nach ihren Raubzügen von Mexiko bis Peru dort ihre Schätze vergraben haben, zwischen Regen- und Nebelwald, schroffen Klippen, lianenverhangenen Felsspalten und sandigen Buchten. Unzählige Schatzsucher machten sich auf den Weg. Robert Louis Stevensons berühmtestes Werk „Die Schatzinsel“ soll von der Geschichte der Insel inspiriert sein. Heute steht die Isla del Coco unter Naturschutz, 1978 wurde sie zum Nationalpark erklärt. Doch zur Schatzsuche sind wir ja nicht gekommen. So geheimnisvoll die Felsen aus dem Wasser ragen, die Besucher sind auf Kostbarkeiten aus, die an Land nicht zu finden sind: Die Gewässer um die Insel zählen zu den schönsten Tauchgebieten der Welt.

Paradies in blau: Ausblick

Vorfreude: Die Isla del Coco schält sich aus dem Dunst

© Julian Walter
Paradies in blau: Bootsführer

Mit Salzwasser getauft: Bevor José Mendiola Bootsführer wurde, ging er auf Thunfischfang

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Getaucht wird nur tagsüber, denn nachts sind die meisten Haie im Jagdmodus


 

 José Mendiola lässt das kleine Boot in tiefe Wellen­täler prallen. „Ich übe noch“, sagt der Bootsführer schmunzelnd zur Entschuldigung. Es ist erst seine zweite Woche. Vorher war Mendiola als Thunfischfänger auf dem Meer unterwegs, auf menschliche Passagiere muss er sich erst einstellen. Nun lenkt er das Beiboot mit seinen acht Tauchgästen weg von der Argo, hin zum ersten Tauchspot, einem steilen Felsen neben der Hauptinsel. Der Wind peitscht uns Gischt und Regen ins Gesicht, kaum dass wir sie trockengewischt haben. „Das ist Coco“, sagt Mendiola nur, „jeden Tag eine Überraschung.“ Mir wird ein wenig schlecht von dem Geschaukel, vielleicht ist es auch die Aufregung. Noch zwei Meter weiter zum Fels, damit die Unterwasser­strömung uns später nicht zu fest in den Griff bekommt. Mir scheint, der Fels war vorher schon nah genug – wuchtig schlagen die Wellen gegen den Stein. „Fertig? Drei, zwei eins!“, brüllt Tauchleiter Juan Manuel Camargo Urrego gegen den Wind. Mit einer Rückwärtsrolle stürzen wir, acht Neoprengestalten, in die Fluten.

Paradies in blau: Frau

Klar zum Tauchen

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Paradies in blau: Unterwasser

Mehr Meer: Die Inselgewässer zählen zu den schönsten Tauchrevieren der Welt

© Julian Walter

 Die Stille unten ist durchbrochen: Knistern, Knacken, Knirschen. Papageienfische knuspern im Vorbeischwimmen an braun-weißen Korallen, gelb-weiße Falterfische schnellen vorüber, das Getümmel gleicht einer Kreuzung in Manhattan zur Rushhour. Auf einmal schüttelt Camargo Urrego einen kleinen silbernen Rasselstab, um unsere Aufmerksamkeit zu bekommen, und deutet mit ausgestrecktem Arm nach vorn. Angestrengt starren wir ins Blau. Plötzlich erscheint knapp vor uns eine Silhouette, sie schwankt heftig nach links, dann rechts. Drei Meter lang, der Kopf seltsam flach, die Augen zu beiden Seiten ausgestellt: ein Hammerhai. Langsam dreht sich das kuriose Geschöpf zur Seite. Blitzschnell schwimmen kleine Falterfische herbei, knabbern an seiner Haut. Wie in Trance verharrt das Raubtier, das Maul leicht geöffnet, als würde es die Ganzkörperpflege genießen. So schnell wie es begonnen hat, ist es wieder vorbei. Der Hai schüttelt sich kurz und kräftig, vom breit gezogenen Kopf bis zur Flossenspitze. Die Helferlein stieben davon. Ich muss lachen – und schlucke eine Ladung Salzwasser.

Paradies in blau: Boot

Auch mal raus aus dem Neopren: Tauchpause auf dem Sonnendeck

© Julian Walter
Paradies in blau: Mann

Tauchlehrer Juan Manuel Camargo Urrego

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 Gemächlich führt Camargo Urrego seine Gruppe fort von der Putzstation für Haie, hinaus aufs offene Meer. Die Sicht reicht kaum zehn Meter weit, umso stärker fühle ich das Kribbeln im Nacken, als sie aus dem Nichts auftauchen: Hunderte Hammerhaie ziehen über und unter uns hinweg, zischen an uns vorbei. Für einen kurzen, ehrfürchtigen Moment verstummen die mechanischen Atemgeräusche der Sauerstoffgeräte. „Pura vida“, sagt Camargo Urrego grinsend, als wir uns wieder auf dem Beiboot versammeln, das pure Leben. Die großen Hammerhai-Schulen gelten unter Tauchern als größte Attraktion der Insel.

Besuchern die faszinierende Tierwelt zu zeigen, sei immer wieder eine Freude, fast ein Geschenk, sagt Camargo Urrego. Der 44-jährige Kolumbianer ist nicht nur unter Wasser, sondern auch an Bord für das Wohlbefinden der Gäste verantwortlich. Das ist besonders wichtig, nachdem es im Winter 2017 einen Unfall gegeben hat, bei dem eine junge Frau nach einem ­Tigerhai-Angriff starb. Tauchlehrer, Regierung und Veranstalter waren verunsichert. Nach Empfehlungen von Haiexperten erhöhten die Tauchsafaris ihre Sicherheitsvorkehrungen. Getaucht wird jetzt nur noch tagsüber, denn vor allem nachts sind die meisten Haie im Jagdmodus. Auch weiße Flossen sind verboten, denn der Kontrast zur dunkleren Umgebung steigert das Interesse der Tiere. Auch sind immer zwei Tauchleiter unter Wasser dabei, um die Gruppe zusammenzuhalten – auch wenn mancher an Bord solche Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben hält. Er kenne keine Angst unter Wasser, sagt Jim Harris, ein texanischer Pensionär, der gerade seinen 517. Tauchgang ins Logbuch einträgt. Haiangriffe auf Taucher seien extrem selten, Surfer und Schwimmer viel stärker gefährdet, erklärt er. Geiner Golfín Duarte kennt die Statistiken, nach denen Haiangriffe auf Menschen seit den 1980er-Jahren zugenommen haben. „Das liegt auch daran, dass der Mensch sich immer weiter in den Meeren ausgebreitet hat“, sagt der 41-jährige Meeresbiologe, der als Ranger auf der Insel arbeitet. Mit neun anderen Nationalparkwächtern sorgt er dafür, dass der Mensch – zumindest vor Ort – der Natur möglichst wenig schadet. Das größte Problem dabei ist die illegale Fischerei: „Riesige Schiffe holen Tonnen an Thunfisch und Haien aus unseren Meeren.“ Auch vor den geschützten Gewässern um die Insel machen die Fischer nicht halt, hier sind es eher die kleineren Boote der Einheimischen. Doch Golfín Duarte und seine Kollegen patrouillieren täglich rund um die Insel. Vor einigen Jahren kam ein Radar hinzu, das Schiffe in der Nähe entdeckt. Das habe viele Fischer abgeschreckt, noch wirksamer seien aber die sozialen Medien, so Golfín Duarte. „Die Angst davor, als Gesetzesbrecher im Netz aufzutauchen, ist groß.“ Meist reiche schon die Androhung, ein Foto schießen zu wollen. Trotzdem gebe es noch einiges zu verbessern, meint der Ranger, nachdenklich zupft er an seinem Fischerhaken-Armband.

Paradies in blau: Tauchgang

Die Isla del Coco ist einer der wenigen Orte, wo der Raubfisch beobachtet werden kann

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Paradies in blau: Fische
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 Nicht nur die Wald- und Unterwasserwelt, sogar die Zeugnisse der menschlichen Gier sind geschützt: die ­Unesco erklärte die Insel 1997 zum Welterbe, inklusive der Tunnelsysteme, die sich, gegraben von zahlreichen Schatzsuchern, durch den lehmigen Boden der Insel ziehen. Das begehrteste Objekt ist der „Kirchenschatz von Lima“. Anfang des 19. Jahrhunderts soll angeblich William Thompson, ein schottischer Kapitän, ihn entwendet und auf der Insel vergraben haben. Goldmünzen, Edelsteine, Statuen, geschätzter heutiger Wert: über 100 Millionen Euro. Als ausdauerndster Schatzsucher gilt August Gissler aus dem nordrheinwestfälischen Remscheid. Seit Ende des 19. Jahrhunderts lebte er – mit Unterbrechungen – 17 Jahre lang auf der Insel, Präsident Rafael Yglesias Castro ernannte ihn 1897 sogar zu deren Gouverneur. Auf den großen Fund hoffend gruben er, seine Frau Mary und mehrere Siedlerfamilien nach Gold und Edelsteinen. In der gesamten Zeit fand der Deutsche läppische 33 Dublonen im Sand. Der Abenteurer starb 1935 verarmt in New York. Weder vor Gissler noch danach konnte je ein größerer Fund auf der Insel nachgewiesen werden.

Ein letztes Mal fährt uns das kleine Beiboot von der Argo an den schönsten Unterwasserplatz: Manuelita, ein großer Felsen vor der Hauptinsel. Die Oberfläche des Meeres ist spiegelglatt, die Sonne glitzert auf der Bugwelle, Bootsführer Mendiola hat gute Laune. Einmal noch geht es in die Tiefe, zu den Unterwasser-Wundern der Insel. Wieder klopft das Taucherherz ein wenig schneller. Ein Tornado kreiselt aus der dunklen Tiefe hinauf bis an die Oberfläche, entpuppt sich als Wolke, bald die Gruppe umschließend: Makrelen. Tausende Augen glotzen, silbrige Leiber weichen, es öffnen und schließen sich kleine Mäuler – ein wahr gewordener Tauchertraum. Der legendäre Naturforscher und -filmer Jacques ­Cou­steau (1910–1997) nannte die Isla del Coco „die schönste Insel der Welt“. Welch kluger Mann!

Paradies in blau: Fischschwarm

Anziehungspunkt: Camargo Urrego in einem Schwarm Makrelen

© Julian Walter

Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Januar 2019