Tinte & Papier
© Julia Sellmann

Tinte & Papier

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS JULIA SELLMANN

Gerhard Steidl gilt als der weltbeste Drucker von Kunstbüchern. Er selbst spricht von „visuellen Büchern“, alles Pompöse ist ihm fremd. Ein Besuch in „Steidlville“ in Göttingen, wo der Besessene auch ganz eigene Ausstellungen plant.

„Holger?“ Pause. „Holger!!“ Pause. Dann, zu den Umstehenden: „Isser da?“ Wenn Gerhard Steidl etwas einfällt, ruft er. Er hält nicht inne. Er schaut nicht auf. Egal, ob er gerade schreibt oder skribbelt oder schneidet oder falzt oder telefoniert oder einen Bogen Papier aufrollt. Er ruft einfach. „Ah, Holger. Schau mal, vorhin ist etwas von Orhan Pamuk gekommen. Wahrscheinlich Fotos.“

Wenn man zum ersten Mal nach „Steidlville“ kommt, jenem kleinen heiligen Labyrinth in Göttingens Dunkler Straße, wo seit Jahr und Tag Buch um Buch ausgeworfen wird, wirkt der Hausherr brüsk, fast herrisch. Es dauert aber nicht lange, bis man ihr selbst erliegt – dieser spröden, aber zutiefst verbindlichen Menschlichkeit, die dahinterliegt. Steidls Mitarbeiter lächeln, wenn man sie darauf anspricht, wie über die lieb gewonnene Eigenschaft eines alten Freundes. Mit einem, der so hart arbeitet, geht man weite Wege.

Nobelpreisträger wie Halldór Laxness, Günter Grass und Orhan Pamuk, Künstler und Fotografen wie Robert Frank, Ed Ruscha, Roni Horn oder Karl Lagerfeld – fast alle pilgerten nach Göttingen. Einmal, um die Idee zu entwickeln. Ein weiteres Mal, um sie in ein Layout zu übersetzen. Schließlich ein drittes Mal, wenn gedruckt wird.

Dieser Tage ist Juergen Teller zu Gast. Der Fotograf aus Erlangen lebt in London und ist weltberühmt für seine eigenwilligen Bilder – 2015 porträtierte er Kim Karda­shian in Unterwäsche und Fellmantel, wie sie auf einen Erdhaufen hinaufkrabbelt. Nun steht Teller in kurzen Sporthosen und giftgelber Mütze rauchend am Balkon im Dachgeschoss des Verlagshauses. Hier oben sind Speisezimmer, Küche und Bibliothek untergebracht, es ist die kreative Spielwiese des Verlags. Was Steidl druckt, wird hier erdacht.

Die Bögen zu Tellers Buch „Handbags“ kommen drei Stockwerke tiefer gerade aus der „großen Roland“, wie die zentrale Druckmaschine genannt wird. Um neun hat die Frühschicht schon ihren ersten Druckjob abgeschlossen – ein Buch von Laxness. Mittags war der Einband dran, ein Foto, das Steidl selbst vor 25 Jahren auf Island gemacht hat. Die Spätschicht wird sich bereits mit etwas anderem befassen, einem Chanel-Katalog oder einem Band mit Karikaturen von Lagerfeld. 50 bis 60 Projekte laufen hier meistens parallel.

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Herr Steidl, womit fangen Sie morgens an?

Ich wache auf und denke nicht über den Tag nach. Ich lasse mich treiben und mache, was notwendig ist. Wenn wir mit einem Buch beginnen, weiß ich ja auch nicht, wie das werden soll, jedes ist völlig individuell. Mir würde sonst auch langweilig werden.

Ist Ihnen schon mal langweilig geworden?

Nein. Mich reizt die Arbeit mit Künstlern, die sich ständig neu erfinden. So wie Karl Lagerfeld. Oder Juergen Teller. Nur wenn auch das nächste Projekt gut ist, mache ich das. Und wenn nicht, sage ich: Tschüss und Goodbye!

Wenn jedes Projekt einzigartig ist – woher nehmen Sie die Zeit, sich darauf vorzubereiten?

Ich bereite mich nie vor. Sonst kann ich ja nicht herausfinden, was der Künstler will. Ich bin in der Rolle des ­Arztes – da kommt jemand, der hat Schmerzen, und ich analysiere: Was ist das Problem? Was ist die Therapie?

Und wenn Sie keine Therapie finden?

Dann warte ich. So lange, bis ich eine Lösung finde. Das treibt die Leute zum Wahnsinn, ich weiß. Aber was soll ich sagen? Dass ich keine Lösung habe? Davon wird das Buch auch nicht fertig.

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 „Schmerzraum“ steht am Eingang zur Bibliothek – ein Siebdruck, den Steidl für seinen langjährigen Auftraggeber Joseph Beuys anfertigte. Zehn Jahre können vergehen, bis ein Buch Realität wird – so ging es dem Bildhauer Anish Kapoor. Andere kommen nach 25 Jahren mit einem Problem zu Steidl, und er weiß sofort, was zu tun ist. „Ich erwarte von Künstlern, dass sie kompliziert sind. Sie haben das Recht, alles fünfmal umzuschmeißen.“ Klar ist aber auch, wer hier den weißen Kittel trägt.

In der Bibliothek stehen Hunderte Bücher nebeneinander, keines sieht aus wie das andere. Steidl versteht das Buch als „Multiple“, als eigenständiges Kunstwerk, hergestellt in kleiner Serie. Auf dem langen Arbeitstisch liegen Pläne für eine Art Zirkuszelt: Die Wanderausstellung „Mmm! by Juergen Teller“ zieht 2019 gefördert durch das Auswärtige Amt durch die USA. Es ist Juergen Tellers persönliches Kaleidoskop der deutschen Küche.

Drüben, im Speisezimmer, hat Hauskoch Rüdiger Schellong Musik aufgelegt. Heute: „Die Fantastischen Vier Unplugged“. Jeden Tag serviert er drei leichte, vegetarische Gänge mit Musik für Steidl und seine Gäste. Anschließend geht es am Esstisch an die Bildauswahl für „Mmm!“: „Die Wurst war köstlich, aber leider nicht fotogen.“ – „Das Grün links ist tot. Aber rechts, das hat diesen Funken Hässlichkeit!“ Schwarzbrot, Dillblumen-Dessert, die Leberknödelsuppe seiner Mutter, ein abstraktes Sashimi aus dem „Sosein“ in Heroldsberg. „Und das“, sagt Teller vergnügt, „ist das Ergebnis!“, in der Hand ein Foto seines nackten Bauchs. Er soll die Rückseite des Katalogs schmücken.

In der Bibliothek klingelt das Telefon. Jeder Künstler, der hier war, weiß: Das ist für ihn. Es ist quasi die Direktleitung zur Druckerei unten. Teller, immer noch in die Auswahl vertieft, rührt sich nicht. „Juergen!!“, ruft Steidl aus der Bibliothek. „Juergen, an die Maschine!“

Was reizt Sie an dem Projekt mit Juergen Teller?

Mir gefällt diese Art, Essen zu fotografieren. Vor allem der respektlose Umgang: ins Lokal gehen, Spaß am Essen haben und dann einfach mit dem iPhone draufhalten. So etwas kann man nur mit Juergen machen.

Sie haben auch das Zelt gestaltet?

Ja, Aufträge, bei denen mir jemand reinredet, mache ich nicht (lacht). Eine Ausstellung ist ja nicht anders als ein Buch: die Wand ist wie eine weiße Seite, die man füllt.

In diesem Fall ist die Wand allerdings eine Leinwand, die auf Holz genagelt wird.

Statt das Geld in teure Rahmen mit Goldfacette zu stecken, verwenden wir es lieber, um Inhalte zu entwickeln. Normalerweise ist es ja umgekehrt: Für alles ist Geld da, nur für den Urheber nicht. Wir konnten zu Teller sagen: Nimm dir so viele Tage, wie du willst!

Sie bringen die Werke selbst zur Ausstellung?

Ich mag einfach diese Verwertungskette: Eine Idee haben, diese Idee komplett im Haus produzieren – und dann schiebe ich das Zeug auch selbst mit dem Wagen durch den Zoll. Und falls es beschädigt wird, drucken wir es einfach schnell noch mal.

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In der Bibliothek, ein Manifest von Beuys: "Der Fehler fängt schon an, wenn einer sich anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen"

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Der Drucker und der Künstler: Gerhard Steidl und Juergen Teller prüfen die frisch gedruckte Lauchwurzel für "Mmm!"

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 Wenn Steidl eine Ausstellung macht, werden die Exponate meist danach vernichtet. Auch das ist praktisch – niemand muss sich um Abbau, Verpackung, Rücktransport kümmern. Es sollen aber auch keine Werte geschaffen werden. Steidl verabscheut den Kunstbetrieb, wo selbst ­signierte Abfälle noch zu Geld gemacht werden. Deshalb wird die Vernichtung per Video dokumentiert: Studenten machen dann Mode daraus. Oder verarbeiten das Knüll-Geräusch zu Musik.

30 Ausstellungen entwickelt Steidl mittlerweile jedes Jahr. Das Zelt ist neu, die Idee dahinter nicht – Orhan Pamuks „Museum der Unschuld“ hat ihn dazu inspiriert. Anstoß aber gab die Zusammenarbeit mit Robert Frank: Dessen Fotodrucke kosten an die 200 000 Dollar, und weil sie so wertvoll sind und fragil, werden sie selten und nur für kurze Zeit gezeigt. Steidl präsentiert Robert Franks Bilder deshalb auf Pop-up-Ausstellungen in Industriehallen – gedruckt auf Zeitungspapier.

Die Zukunft des Fotos, so Steidl, liege nicht in den Originalen, die ein Künstler in seinem Labor ausarbeitet und signiert. „Das alte Modell des Kunstbetriebs ist obsolet.“ Steidl hat hohe Ansprüche an Künstler und Werke. Ihren Weg zu den Menschen aber sollen sie auf möglichst einfache Weise finden. Deshalb macht Steidl Bücher statt Kunstdrucke – vorzüglich, aber erschwinglich. „Gerhard is an eclectic socialist elitist“, so schrieb Karl Lagerfeld einmal ziemlich treffend.

An Steidls Arbeitsplatz drängen sich Schränke, Regale, Fächer, Ordner, Bücher, Papiere neben- und über­einander. Zwischen den Türmen: ein Teller mit sorgsam im Kreis arrangierten Apfelstückchen. Und ein Steh­hocker  – Steidl lässt sich selten nieder bei der Arbeit. Man könnte es für Unordnung halten, aber wenn Steidl etwas sucht, zieht er eine Schublade auf und findet es. Auch nach ­Jahren: „Es ist ja alles in diesem Haus.“ Steidl leitet selbst jede Schicht, fünf bis 20 Uhr. „Ich habe immer darauf geachtet, dass wir nicht mehr als 40 oder 50 Leute sind, dann brauche ich keine Abteilungsleiter.“ Geht er auf Reisen, nimmt Steidl den ersten Flug hin und abends den letzten zurück. Denn um sechs Uhr stehen die Drucker auf der Matte, und die wollen wissen, was zu tun ist.


Kann der Verlag ohne Sie überhaupt überleben?

Wenn ich tot bin, gibt es keine Steidl-Bücher mehr. Jedenfalls keine, die durch meine Hände gegangen sind. Was ich aber etablieren möchte, ist die Steidl-Buch­kultur. Deswegen habe ich eine Stiftung gegründet, die Steidl Academy, und lade junge Talente aus der ganzen Welt zu uns ein.

Welche Erkenntnis nehmen die mit?

Dass der Künstler zum Drucker kommt und wir alles gemeinsam machen. Unter diesem Dach.

Warum ist das wichtig?

Die Bücher sind dann authentischer. Wenn die Künstler hier sind, werden wir von einer Sekunde zur anderen spielende Kinder. Bloß nicht erhabene Druckkunst machen wollen! Wir fummeln einfach so lange rum, bis ­etwas Vernünftiges dabei herauskommt.

Das klingt sehr improvisiert …

Was ich tue, ist wie Sandburgen bauen. Jede Nacht kommt die Flut, und am nächsten Tag baut man eine neue Burg. Als Günter Grass gefragt wurde, wie er sich entspannt, sagte er: indem ich angestrengt nichts tue. Das gefällt mir. Hier bei uns wird angestrengt gespielt.


 

 Das ist also das Steidl-Prinzip: Spielen im Schmerzraum. Kurz zuvor hatte Teller sich für „Mmm!“ an einer handschriftlichen Version seines Namens versucht – mit sehr langem T-Strich. „Schrecklich. Das war nicht angestrengt spielen, das war angestrengt Kunst machen.“ Im Erdgeschoss, neben der großen Roland, hat Steidl seine „Labor-­Ecke“ mit 40 Sorten Papier zum Spielen. Einige ­Meter weiter liegt ein Ries „Somerset Book White“, eines seiner Lieblingspapiere. Es besteht aus Baumwolle, ­Wasser und Leim, bleicht also nicht. „Darauf gleitet der Stift so schön.“ Lagerfeld hat es verwendet, deshalb will Steidl den Bezug des Karikaturen-Buchs damit gestalten. Es kostet das 25-Fache des normalen Papierpreises.

Für die Juergen-Teller-Ausstellung hat Steidl eine andere Lösung: schlichtes Leinen, 2,60 mal 2,78 Meter. Der Probedruck läuft. Während der Druckkopf gleich­mütig über fast drei Meter Leinen fährt, kramt Steidl die hübsch brünierten Nägel hervor, die er zur Befestigung im Zelt hat auftreiben können. „Wir werden sie nicht ganz reinhauen“, sagt er. „Damit sie Schatten werfen.“ Als der Druck fertig ist, kommt er zur Begutachtung an die Wand. Teller ist zufrieden. „Smell the black!“, sagt Steidl, alle gehen ganz nah ran und schnüffeln am Bild einer fransigen Lauchwurzel. Es duftet leicht verbrannt, ein bisschen nussig. Hätte es nach Lauch gerochen, ­wären wir auch nicht überrascht gewesen.