Jennifer Bin bestaunt das glitzernde Shanghai am liebsten von oben
© Patrick Wack

Traum vom Freiraum

  • TEXT THILO MISCHKE
  • FOTOS PATRICK WACK

Das Business brummt in den Glastürmen Shanghais. Ist in der Megacity dennoch Platz für alternatives Leben? Aber ja! Die Kreativen tummeln sich in den Kellern und auf den Dächern der Stadt.

Jennifer Bin streift durch die hell erleuchteten Straßenschluchten von Pudong, wo sich Hochhaus an Hochhaus reiht. Dann verschwindet die 26-Jährige plötzlich in einer Gasse. Im grellen Neon dieser Stadt haben die Schatten besonders scharfe Kanten. In diese Schatten will Bin hinein, hinter die Häuser dieses noch jungen Bezirks von Shanghai. Sie will die gläsernen Fassaden hinter sich lassen, die Schaufenster, in denen teure Taschen liegen und Schuhe, von denen ein Paar einen mittleren chinesischen Monatslohn kostet. In den schmalen Hintergassen steht die Luft, die Pfützen sind schwarz, der Geruch von Wokfett dringt aus den Häusern.

Bin drückt sich an stählernen Türen vorbei in ein offen ­stehendes Wohngebäude. Sie will aufs Dach. Dieser Aufwärtsdrang hat sie berühmt gemacht. Zuerst im Internet: Auf Insta­gram folgen ihr 122 000 Menschen, Sammler bezahlen mittlerweile viel Geld für ihre Aufnahmen. Die Fotografin, als Tochter chinesischer Eltern in Toronto geboren und aufgewachsen, wollte weg von zu Hause, was ­Eigenes erleben. Sie zog in die chinesische Metropole und entwickelte dort ihren Stil. Von hoch oben schießt sie geometrische Bilder: Leben in einer starren Welt, wo Architektur zum Symbol für die Verlorenheit des Einzelnen in einem allzu strukturierten Alltag wird. Die meisten Menschen blicken von unten nach oben, recken ihre Hälse auf der Suche nach dem Himmel. Bin fotografiert von oben hinab. „Wir müssen in den 21. Stock“, sagt sie.

Die Künstlerszene ...

Die Künstlerszene ...

© Patrick Wack
... der Stadt ...

... der Stadt ...

© Patrick Wack
... blüht an ...

... blüht an ...

© Patrick Wack
... vielen versteckten Orten

... vielen versteckten Orten

© Patrick Wack

Die Stadt ist unzählige Male neu entstanden aus den Trümmern, die Abrissbirnen schufen

  Nicht nur von oben betrachtet ist Shanghai ein reichlich bizarrer Ort. Ein bedeutender Hafen, über den seit etwa 400 Jahren Geld und Rohstoffe ins Land kommen, unzählige Male neu entstanden aus den Trümmern, die Abrissbirnen schufen. In den 1920er-Jahren galt die Metropole als Rückzugsort für Intellektuelle. Im Opiumrausch vergaßen einige den allgegenwärtigen Schmutz. Das Leben war, wie im Paris derselben Zeit, bunt und wild.

Das kommunistische China schätzte diese Lebensart weniger, in den 1980er-Jahren war Shanghai eine fast vergessene Stadt. Doch dann erkor die Kommunistische Partei die Großstadt zum zentralen Versuchsprojekt für die Moderne: der Stadtbezirk Pudong wurde Sonderwirtschaftszone. Heute, rund 30 Jahre später, wirkt es, als sei Shanghai über das Ziel hinausgeschossen. Eine Weltstadt, in der die Zukunft immer bereits Gegenwart ist. Sie kommt nicht zur Ruhe, hat kein Zentrum und nur wenig sichtbare Geschichte. Sie beeindruckt mit imposanter Architektur und als Konsumparadies. Ein unerreichbarer Ort für viele – und doch eine Stadt der Massen.

Über und unter dem stromlinienförmigen Alltagsgewimmel hat sich eine Parallelwelt gebildet. Das jugendliche Leben, das Unangepasste, es präsentiert sich hier nicht – wie in New York, London, Berlin – in Clubs und Galerien. Es ist scheu, findet auf Dächern und in Kellern statt. Es ist eine Vorsicht, die es Besuchern schwer macht, dieses Leben zu entdecken. Die Schilder sind chinesisch beschriftet, Wegweiser findet nur, wer im Internet recherchiert und komplizierten Beschreibungen folgt. Wer Shanghai abseits der Glitzerfassaden erfahren will, braucht auch ein klein wenig Mut. Besonders wenn er auf wütende Männer trifft, so wie es Jennifer Bin jetzt widerfährt. Ein Mann, um die 50 Jahre alt, weißes Unterhemd, das Gold seiner Kette blitzt im Halblicht der Stromsparlampen, versperrt uns im 21. Stock den Weg. Er tobt: „Keine Jugendlichen auf meinem Dach.“ Doch dann erkennt er die berühmte Fotografin. Sie nickt ihm zu, er nickt höflich zurück, verschwindet rückwärts in seiner Wohnung. Er weiß, sie will keinen Lärm machen, sie will Bilder. Und sie ist nicht mehr die einzige. „Es ist ein Trend“, erklärt Bin, die tagsüber als Grafikdesignerin arbeitet, „angefangen hat es in Russland, ‚Roofer‘ heißen sie dort.“

Hier passiert etwas: Kreativviertel Huaihai Fang

Hier passiert etwas: Kreativviertel Huaihai Fang

© Patrick Wack
Propaganda Poster Art Center

Propaganda Poster Art Center

© Patrick Wack
Die Bar ­Basement 6

Die Bar ­Basement 6

© Patrick Wack

  Zu Beginn war Roofing eine Jugendbewegung, die auf Häuser in Staatsbesitz kletterte, um zu zeigen: Das hier ist auch unser Raum. In Shanghai ist das eher ein eskapistischer Zeitvertreib. „Viele wollen aus ihrem Alltag ausbrechen, wollen eine Welt ­sehen, die ihnen verborgen bleibt“, sagt Bin. Auch sie ist ganz Vertreterin ihrer Generation, die Haare rosa gefärbt, sie trägt teure Mode. Auffallen fällt in Shanghai schwer. Also fotografiert sie. Fotografiert besser als die anderen, aus ungewöhnlichen Per­spektiven. Mit ihrem Drohnenblick porträtiert sie zugleich den Metropolenmenschen an sich.

Verstecke bietet Shanghai reichlich. Die Häuser haben Kellergewölbe, ein verzweigtes Gängesystem erstreckt sich im Untergrund. Es gibt dort Clubs, Cafés und Galerien. Hier findet das Leben für jene statt, deren Geld nicht für die Glitzerwelt weiter oben ausreicht. Raubkopierte DVDs und angebliche Chanel-Taschen für zehn Euro sind im Angebot, die Mieten bezahlbar, noch. Tageslicht dringt keines durch die Schatten der Wolken­kratzer. Hier floriert auch die Kunstszene. „Basement 6“ im Changning-Bezirk zählt zu den bekannteren Kellern. Eine schmale Treppe führt nach unten, es riecht nach Kindheit, nach heimlichen Expeditionen in die Keller der Nachbarn. Verschläge, plakatierte Wände mit chinesischen Propaganda-Losungen, einzelne Menschen, die sich an der Wand entlang ­drücken, kaltes LED-Licht. Regelmäßig treffen sich hier DJs, schüchterne Chinesen stoßen auf exaltierte Westler. Am Ende des langen Kellergangs liegen drei kleine Räume, rot getüncht, mit Plattenkisten an den Wänden. Wer in Shanghai Platten auflegt, kauft sie hier, bei DJ Sacco im Uptown Records.

Der 38-jährige Amerikaner hat in San Francisco als Radio- DJ gearbeitet. Er wirkt unsicher, wenn er nicht gerade über ­Musik spricht. „Die Chinesen kennen sich noch nicht mit Vinyl aus“, sagt er, „sie haben eine andere musikalische Sozialisa­tion. Es gibt chinesischen Schlager auf Platte, aber keinen Pop, keinen Punk. Ich will ihnen dieses Medium näherbringen.“ Seine Ehefrau Sophia Wang, 33, sortiert Platten für einen Auftritt. „Mit einem Platten­laden wird man in Shanghai nicht reich“, sagt sie. Deswegen haben beide die Bar Uptown Records ’n’ Beer eröffnet, als zweites Standbein.

Bei Uptown Records kaufen die DJs ihre Platten

Bei Uptown Records kaufen die DJs ihre Platten

© Patrick Wack
Store-Besitzer DJ Sacco

Store-Besitzer DJ Sacco

© Patrick Wack

  Jennifer Bin stößt die letzte Tür auf, die Tür, die aufs Dach führt. „Früher waren die immer offen, jetzt schließen die Leute ab. Viele gehen für perfekte Fotos ein unvernünftiges Risiko ein, auch ihretwegen werden die Dächer abgesperrt.“ Ihre Mimik unterstreicht ihre Meinung zu solchem Leichtsinn. Sie tritt an den brusthohen Sims, nimmt ihre Kamera zur Hand. Die Geräusche sind gedämpft: Wäscheleinen klappern im Wind, irgendwo läuft ein Fernseher, Werbung. Dazwischen das Klicken des Auslösers. Shanghai, dessen Gesicht so schwer zu erkennen ist, stellt sich plötzlich scharf. Im Vordergrund der Oriental Pearl Tower, dahinter die imposante Skyline – die Stadt erschließt sich für einen kurzen Moment. „Hier fühlt sich der Mensch schnell verloren, ich versuche das mit meinen Fotos zu zeigen.“

Der Mensch als Individuum ist kein Gedanke, der in ­Chi­nas Geschichte besonders verwurzelt wäre. Um die Vergangenheit des Landes und damit die Gegenwart besser zu verstehen, lohnt der Blick in den Keller der Hausnummer 868, Huashan-Straße. In dem unscheinbaren Gebäude mitsamt Wärterhäuschen befindet sich das „Propa­ganda Poster Art Center“, eine riesige historische Fundgrube. „Eines konnten die Funktionäre der Kulturrevolution auf jeden Fall: schöne Plakate drucken“, sagt Yang Pei Ming. Für den untersetzten Mann, praktische Kleidung, freundlicher Blick, war es lange Zeit nur ein Hobby, Plakate aus der Mao-Zeit zu sammeln. Dann hatte er so viele davon, dass er begann, den Keller des Hauses als Lager zu nutzen. Heute ist es ein Museum, in dem schnell klar wird, wie stark die damaligen Losungen auch das heutige China prägen. „Immer vorwärts“ steht auf vielen Postern – und dorthin rast das Reich der Mitte ja schneller denn je.

„Es spielt gar keine Rolle, ob wir Kommunisten oder Kapitalisten sind“, sagt Ming. Er deutet auf Plakate mit Menschen, die vor Weltraumraketen, Schnellzügen und Industrieanlagen stehen. „China kennt nur den Weg nach vorn.“ Die Plakate verraten: Hier geht es vor allem um technologischen Fortschritt. Das erstaunlichste Exponat des Museums aber ist sein Betreiber, dieser fast 70-jährige Rentner, der ohne Scheu harsche Kritik übt. Am Kommunismus, am Kapitalismus, an der ganzen Welt.

Shanghais Skyline von der Uferpromenade The Bund aus betrachtet. Im Vordergrund der Oriental Pearl Tower, einer der höchsten Fernsehtürme der Welt

Shanghais Skyline von der Uferpromenade The Bund aus betrachtet. Im Vordergrund der Oriental Pearl Tower, einer der höchsten Fernsehtürme der Welt

© Patrick Wack
Zeichen an der Wand: Der Drang, dem strukturierten Alltag zu entkommen, wird stärker

Zeichen an der Wand: Der Drang, dem strukturierten Alltag zu entkommen, wird stärker

© Patrick Wack

  Jennifer Bin hat ihre Kamera ausgeschaltet. Ihre Aufnahmen, die man auch unter jenniferbin.com findet, haben sich im Laufe der Jahre verändert. Mings Keller, Uptown Records, die zahllosen Dächer – sie werden mehr und mehr zu Spielwiesen der Massen. Auch diese Veränderung hält die Fotografin fest.

Wenige Straßen weiter findet sich ein polierter Hipster- Traum. Tageslicht fällt durch Deckenfenster in den unterirdischen Raum. Hölzerne Tische, junge, reiche Chinesen an Laptops trinken teuren Kaffee. Sie sind gekleidet wie Jennifer Bin: modisch und teuer. Man zeigt Geschmack. Auch Bin kann sich den Cappuccino für umgerechnet sechs Euro leisten. Sie bezahlt per App, nutzt das kostenfreie WLAN. Während sie ihre Fotos durchschaut, kommen zwei Mädchen auf sie zu, wollen ein Selfie. „Woher hast du die Schuhe?“, fragt die eine. Bin muss los, sie will die Aufnahmen vom Dach bearbeiten. Später wird sie ein Bild hochladen: ein beleuchteter Turm im Hintergrund, vorn die Häuser der Armen. Es ist eine perfekte Metapher auf die ganze Stadt. Der Turm erzählt vom Streben nach oben, von Macht. China im 21. Jahrhundert. Aber die Basis dafür sind die Menschen, die unten leben.


Abseits der Wolkenkratzer: ein Tag in Shanghai

Moller Villa

Romantische Übernachtung im 1936 eröffneten Märchenschloss.

mollervilla.com

Hungry Lung’s Kitchen

Minimalistisches Restaurant mit internationaler Speisekarte.

hungrylung.com

Lychee Lounge

Drinks nach Dunkelheitsgrad: Dämmerung, Nacht, Morgengrau.

lychee-lounge.com


Zum Ziel

Lufthansa fliegt im September zweimal täglich von Frankfurt (FRA) und täglich von München (MUC) nach Shanghai (PVG). Ihre Meilengutschrift können sie per App errechnen: miles-and-more.com