Tshinashkumitin: Dirigent
© Winky Lewis

Tshinashkumitin!*

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS WINKY LEWIS

Musikalische Begegnung in ferner Natur: Kent Nagano und das Orchestre Symphonique de Montréal besuchen die First-Nations-Reservate von Quebec.

Zuerst lächeln sie nur. Dann wird auch gelacht, etwa in der Reihe neben mir. Ganz am Rand, bei den Großeltern, geht es los. Dann stecken sie auch die Enkel an mit ihrer Heiterkeit, einen nach dem anderen. Das Orchestre Symphonique de Montréal (OSM) ist zu Besuch. Mit ihrem berühmten Dirigenten Kent Nagano sind die Musiker ins Herz von Quebec gereist, zu den Siedlungen der First Nations. Die meisten Menschen hier haben noch nie ein Orchester gesehen, wahrscheinlich nicht mal gehört. Aber aus dem Staunen kommen sie schnell heraus. Sie freuen sich einfach. Und lachen.

Denn das Orchester hat nicht nur Bewährtes von Beethoven im Gepäck. Nein, für die Reise wurde eigens eine Oper komponiert: „Chaakapesh“, in der Stammessprache der Cree. Es ist eine saftige, poetische Sprache, in der die Artikel nicht bezeichnen, was männlich oder weiblich ist, sondern belebt oder unbelebt – die Grammatik eines ganz anderen Blicks auf die Welt. Lange wurde diese Sprache unterdrückt, jetzt erklingt sie laut, exaltiert und trompetenhaft hinausgeschleudert von stimmgewaltigen Opernsängern. Wie herrlich, wie ungewohnt! So hat man das noch nie gehört.

„Wenn man etwas zum ersten Mal erlebt“, sagt Kent Nagano, „ist das immer etwas Besonderes.“ Der unermüdliche Musik-Botschafter dirigiert die besten Orchester weltweit, doch dieses Projekt liegt ihm besonders am Herzen. 2008 besuchte das OSM schon einmal die First Nations; damals reiste man mit sieben Musikern in den äußersten Norden. Jetzt hat sich fast das gesamte Orchester aufgemacht und einige Sta­tionen mehr vorgenommen. „Vor allem Kinder haben ja noch nicht gelernt, sich zu verschließen“, weiß Nagano, „sie kennen weder Gewohnheit noch Zynismus. In den nächsten Tagen sind wir alle ein bisschen wie Kinder.“

Tshianshkumitin: Einstieg

Erster Mann an Bord: Dirigent Kent Nagano

© Winky Lewis
Tshinashkumitin: Flugzeug

Zwei Einheimische vor dem Einstieg: Florent Vallant und Ernest Webb treten mit dem Orchester auf

© Winky Lewis

 Vom Sturm ins Schummerlicht
Ein Montag im September. Etwas mehr als eine Stunde sind wir schon in der Luft, als der Landeanflug beginnt. Ein Flugzeug mit 50 äußerst munteren Musikern aus Montreal, unter uns die endlosen Wälder Quebecs. Wir landen auf einer Piste im Irgendwo, Schulbusse bringen uns nach Oujé-Bougoumou. Es ist die vierte Station der zehntägigen Tour und die jüngste der neuen First-Nations-Siedlungen in Quebec. Etwa 1000 Cree leben hier am Opemisca-See, oft wohnen drei Familien unter einem Dach der schlichten Holzhäuser. Vor nicht allzu langer Zeit war dieser Stamm noch über ganz Quebec verstreut – weil die Menschen Arbeit suchten oder umgesiedelt wurden; seit 1992 finden sie hier wieder zusammen. Noch scheint die Siedlung menschenleer: Viele Bewohner sind bei der Arbeit, meist in der Holzverarbeitung. Dafür sind die Hunde da. Wilde Hunde. Sie wissen, wer sie füttert, ansonsten streifen sie frei umher. Wenn man im Wald spazieren geht, gesellen sich gern zwei oder drei von ihnen hinzu: Sie tauchen dann einfach zwischen den Bäumen auf, schweigsam und gelassen, als sei das Geleit ihre selbstverständliche Pflicht. Erst am Dorfrand verschwinden sie wieder.

Tshinashkumitin: Beeren

Allgegenwärtig: die roten Beeren der Amerikanischen Eberesche

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Tshianshkumitin: Ausblick

Dünn besiedelt: die kanadische Provinz Quebec von oben

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 Im Youth Center hat der Aufbau begonnen. Bassposaunist Pierre Beaudry eilt fröhlich vorbei, unterm Arm trägt er ein Lernheft mit der Aufschrift „Cours de Cris“. Vor der Halle haben sich bereits Jugendliche eingefunden, so hat er jedenfalls gehört, jetzt will er die erworbenen Sprachkenntnisse in Anwendung bringen. Am Eingang wirbt ein Plakat für das Konzert, daneben hängt eine Anzeige für Trucking Classes. Fernfahrer werden hier immer gebraucht. Dann: der Sturm. Ohne Vorwarnung gießt sich der Himmel aus, der Wind greift so heftig in die Holzplanken, dass das große Schild am Cree Cultural Institute aus seiner Verankerung gerissen wird. Oberleitungen reißen, der Strom fällt aus, flächendeckend. So wird das nichts mit dem Konzert. Aber hier draußen, wo die Wege lang sind und die Winter hart, weiß man sich zu helfen. Rasch wird ein 40 Kilometer entferntes Warehouse leer gekauft, die Polizei lässt den eiligen Fahrer auf dem Rückweg mit einer Verwarnung davonkommen. Taschenlampen, Batterien, viele Kabelmeter Notbeleuchtung. Dorfbewohner schaffen ihre Haus-Generatoren herbei, an den Basketballnetzen hängen jetzt Dutzende Glühbirnen herab wie leuchtende Weinreben. Eines der recht vielen Cree-Wörter dafür, wenn es donnert, lautet nimischiuch, es bedeutet „Die Erdschüttler“. Auch Nagano will sich nützlich machen und hantiert mit einer orangefarbenen Laterne. Leider nur Requisite, sie brennt nicht. Für die Einspielprobe wird der 67-Jährige zunächst nur von einem einsamen Bodenstrahler hinter seinem Rücken angeleuchtet, so sind zumindest seine Umrisse für die Musiker erkennbar. Ein paar Zuschauer sind auch schon da. Sie sehen Naganos erleuchtete Hosen.

Dann beginnt das Konzert, live übertragen auf dem Cree-Sender JBCCS 106,5. Stammes-Chief Curtis ­Bosum begrüßt – versehentlich? – das „Montreal Sympathy Orchestra“. Sie spielen Beethovens Pastoral-Sinfonie, die mit dem Gewitter, ausgerechnet. Dann „Chaakapesh“. Der Regen schlägt wütend aufs Dach, hinter der Halle aber brummen gleichmütig die Generatoren. Ab und an flackert das Licht. Zwei Hunde gelangen auf die Bühne. Einer der beiden, ein ausgewachsener Husky, fühlt sich derart wohl zwischen den Geigen, dass er geschultert und rausgetragen werden muss. In aller Ruhe lässt er es geschehen. So schummrig-familiär geht es selten zu, wenn ein Orchester spielt. Aber nie passte das besser als hier: Bei den Cree wurden Legenden immer schon im abgedunkelten Zelt erzählt.

Tshinashkumitin: Technik

In der Schule warten Kontrabässe, Tuba und Schlagwerk aufs Auspacken

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 Ein Schelm geht auf Reisen
Viele alte Geschichten ranken sich um Chaakapesh, den berühmten Schelm, der sogar Steine zum Lachen bringt. Die Oper ist eine neue Erzählung des Autors Tomson Highway, selbst ein Cree. Darin malt er aus, wie es wäre, wenn Chaakapesh, der Feigling und Schwindler, von Gott Mantoo aufgefordert würde, die Europäer auf Neufundland zum Lachen zu bringen. Dabei wird ein düsteres historisches Kapitel mit der Gestalt des Chaakapesh zu einer absurd-komischen Oper verwoben; die Musik stammt vom Euro-Kanadier Matthew Ricketts.

„Das ist das Schöne an diesem Stück“, sagt Film-und Radioproduzent Ernest Webb, „es ist das Ergebnis echter Zusammenarbeit, ein Akt echter Aussöhnung.“ Auch Webb gehört zu den Cree. Am ersten Abend trat er in der Rolle des Erzählers auf, der das Geschehen kommentiert. „Ernie“ ist selbst ein veritabler Spaßvogel, offen, herzlich und ein bisschen hibbelig, die langen grauen Haare hat er zu zwei Zöpfen geflochten.

Fürs Radio hat der 52-Jährige schon viele der sehr verstreut lebenden Stam­mes­ältesten besucht, er kennt ihre Mythen, er kennt die Regeln für Powwow und Sonnentanz, er weiß, wie man die selbstgemachten Schneeschuhe aus dem Zelt zu tragen hat: Einer der Schuhe muss aufs Zelt gerichtet sein, als Zeichen dafür, dass man zurückkehren wird. Webb ist ein wandelndes Archiv. Müsste man dieses kostbare Wissen nicht dringend dokumentieren? Schließlich werden die Ältesten nicht für immer unter uns sein. „Das stimmt“, sagt er und lacht, „aber dann bin ja ich, wohl oder übel, einer der Stammesältesten!

Tshinashkumitin: Sänger

Bei der Generalprobe singt Kessy Blacksmith einen Song seines Großvaters Alcide

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Tshinashkumitin: Posaune

Im Angesicht des Tons: Pierre Beaudry lässt seine Posaune sprechen

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Tshinashkumitin: Kinder

Wenig los: Jungs in Mani-Utenam

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 Eine Flugstunde später: Wir sind in Mashteuiatsh angekommen. Aufführungsort ist hier die École Kassinu Mamu, eine ehemalige Residential School am Lac Saint-Jean. In den Internaten waren indigene Kinder untergebracht, die man den Eltern zwecks Umerziehung weg­genommen hatte, oft mit traumatischen Folgen. „An diesem Ort wollte man uns unsere Kultur austreiben“, sagt Stammes-Chief Clifford Moar, „jetzt feiern wir sie genau hier.“ Der Chief, mit Fransenweste und einer Kette aus Bärenklauen, setzt sich vehement für die Rechte seiner Leute ein, auch jetzt, beim TV-Interview anlässlich des Konzerts. Sie rufen ihn zärtlich „Grandpa“, seiner 14 Enkel wegen. „Musik ist Balsam“, wird er später sagen, „das haben wir heute alle gespürt.“ Sein Geschenk für die Gäste: kleine rechteckige Kunstdrucke mit rötlichen symmetrischen Mustern. Sie werden von den Frauen des Stamms mit den Zähnen auf Birkenrinde geprägt.

Das Konzert findet in der Turnhalle statt. Weiße Klappstühle stehen dort, wo sonst Ball gespielt wird, die Wimpel an den Wänden künden von sportlichen Erfolgen. Nichts ist hier so wie in der prächtigen Halle des OSM in Montréal, Improvisation ist gefragt. Die Musiker stört das nicht, im Gegenteil, sie haben Freude daran. Immer wieder geht Nagano während der Probe zwischen den Klappstühlen umher, um die Akustik zu prüfen. „Wir wollen hier auf keinen Fall mit halbherziger oder minderwertiger Musik erscheinen“, sagt er, „das war die einzige Vorgabe für diese Reise.“ Deshalb wurden bei der neuen Oper auch keine Kompromisse gemacht: Die Musik ist modern und anspruchsvoll, an den Details der Darbietung feilt Nagano bis zuletzt. Auch an der Beethoven- Sinfonie, einem Stück, das dieses Orchester doch schon so oft gespielt hat. Man hat das Gefühl, es ist ihm noch wichtiger als sonst.

In „Chaakapesh“ gibt es, eingebettet in die Handlung, einen Moment, da das Orchester schweigt. Dann tritt ein Musiker aus der Community auf. In Oujé-Bougemou spielte die junge Cellistin Kelly Cooper ein Stück von Johann Sebastian Bach. Heute singt Kessy Black­smith „Tapuetu Tshishe Manitu“, einen spirituellen Rocksong aus der Feder seiner Großvaters, des Folksängers Alcide Blacksmith. Ernest Webb rutscht an die Stuhlkante und lauscht ergriffen. „Irgendwo hier im Saal“, sagt er, „sitzt vielleicht schon der nächste Nagano.“

Tshinashkumitin: Meer

Pekuakami ("Seichtes Wasser") wurde der See einst von den Innu genannt

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Tshinashkumitin: See

Die Wildnis ist nur ein Steinwurf entfernt

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 Der singende Nomade
Seit einem Tag schon befinden wir uns auf dem Gebiet der Innu. Die Rolle des „Chaakapesh“-Erzählers hat diesmal Florent Vollant übernommen. In Mani-Utenam, unserer dritten Station, wird der Folksänger begrüßt wie ein Star: Er betreibt hier ein Tonstudio für indigene Musik. Vollants Eltern lebten noch als Karibu-Jäger am Mishta-shipu (Moisie River). „Jeden Herbst wanderten sie am Fluss entlang nach Norden, um dort den Winter zu verbringen. Sie waren Jäger, Fallensteller und Lachsfischer.“ Seit den 1950er-Jahren lässt sein Stamm sich hier nieder, an der Mündung des Flusses, „aber im Herzen sind wir immer noch Nomaden. Wir reisen viel, denn unsere Brüder und Schwestern leben im ganzen Land“. Der 59-Jährige spricht ruhig und mit hoher, leiser Stimme; ein auffallend sanfter Mensch, der nicht so gern von sich selbst erzählt. Warum auch, es liegt ja alles in seiner Musik: „Mishta Meshkenu“ (Der lange Weg) heißt sein neues Album, eine Sammlung melancholischer Folk-Songs in der Sprache der Innu, begleitet von Geige, Banjo und Gitarre.

Im Gemeindesaal markieren Lichterketten die imaginäre Bühne, dahinter an der Wand, auf einer Lederhaut: „Tshinashkumitin Utshimau Nagano“ – Wir danken dir, Maestro Nagano. Noch ist Zeit bis zum Konzert. Eine Geigerin schneidet sich die Fingernägel, eine andere lässt Jungs aus dem Dorf auf ihrer Geige spielen. Auch Bassposaunist Pierre Beaudry ist schon wieder von Kindern umringt, er spielt Melodien aus „Star Wars“ und „Jurassic Park“ für sie. Kent Nagano setzt seine Kontaktlinsen ein. Und Vollant begrüßt die ersten Vertreter seiner Familie, die allein 16 Enkelkinder umfasst. Viele Familien kommen in voller Besetzung zum Konzert, manchmal sind es vier Generationen. Nagano muss viel Zeit einplanen für die Foto-Sessions danach.

Tshinashkumitin: Fenster

Plötzlich tauchen Häuser auf: Anflug am Lac Saint-Jean

© Winky Lewis

 Die Tour neigt sich dem Ende zu. Hat sie die Menschen einander näher gebracht? „Wir sind nur Musiker. Es steht uns nicht zu, politische Realitäten zu kommentieren“, sagt Nagano, „aber als Orchester erfüllt man immer auch die Rolle eines Botschafters – diese Verantwortung nehmen wir an.“ Am nächsten Morgen, sechs Uhr in der Früh. Nachts wurde lange gefeiert. Trotzdem macht sich ein verwe­genes Häuflein Musiker vor dem Rückflug noch mal schnell auf den Weg: Sie wollen ins Wasser gehen. Am Sankt-Lorenz-Strom, ganz nah an der Mündung des Mishta-shipu. Es sind fünf Grad Lufttemperatur, höchstens. Aber wenn man nun schon mal da ist … „30, 29, 28 … 1!“ Dann kommen sie schnell wieder heraus, johlend, lachend und sichtlich belebt sammeln sie die abgeworfenen Kleidungsstücke wieder auf. Er hat sich gelohnt, der Sprung ins kalte Wasser.

Tshinashkumitin: Orchester

Unplugged: nach dem Stromausfall gibt es Oper im Halbdunkel

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Tshinashkumitin: Applaus

Kent Nagano und sein Orchester beim Schlussapplaus

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Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

LHE Cover Februar 2019