Graben mit Herz: Derek Lester auf der Suche nach einem Glitzerstein für seine Freundin
© Matthew Johnson

Unter dem Acker liegt der Schatz

  • TEXT JESSICA BRAUN
  • FOTOS MATTHEW JOHNSON

Wer Diamanten lieber selbst ausgräbt, als sie beim Juwelier auszusuchen, versucht sein Glück im US-Bundesstaat Arkansas – dort befindet sich die einzige öffentliche Diamantenmine der Welt.

Morgens gegen acht, wenn der Frühnebel über dem Little Missouri River hängt, versammelt sich eine Gruppe seltsamer Gestalten auf einem Parkplatz im Wald beim Städtchen Murfreesboro. Sie tragen Maler-Overalls oder Tarnhosen, ihre Füße stecken in Gummistiefeln, die Hände in Arbeitshandschuhen. Die Gesichter bleiben unter breitkrempigen Hüten verborgen. Einige haben sich Schals um Mund und Nase gewickelt. Sie laden Kühlboxen und große Plastikeimer aus ihren Kombis. Sie hieven Bollerwagen und Schaufeln von ihren Trucks. Sind es Statisten eines „Mad Max“-Remakes, Survival-Spezialisten beim Sonntagsausflug? Weder noch. Die Frauen und Männer, die sich jetzt brav vor den verschlossenen Türen einer grauen Industriehalle aufstellen, sind auf der Jagd nach dem Jackpot: einem Diamanten.

Hinter der Halle, eingefasst von lichten Laubwäldern im grünen Nirgendwo von Arkansas, liegt der Crater of Diamonds State Park, die achtgrößte Diamantenmine der Welt. Ein gut 15 Hektar großer Krater, Überbleibsel eines Vulkanausbruchs vor etwa 100 Millionen Jahren. Unter den ohnehin wenigen Diamantenminen der Erde ist diese ein Solitär, auch ihrer Lage wegen. Die meisten Menschen denken bei Diamanten eher an Afrika, an den Kongo, an Botswana oder Südafrika, wo einige der weltweit größten Vorkommen zu finden sind. Diese Mine jedoch liegt mitten in den USA, schon seit 1972 ist sie als State Park öffentlich zugänglich. Für einen Tagespreis von zehn Dollar darf hier jeder nach Diamanten suchen und, ebenso wichtig, seinen Fund auch behalten. Über 30 000 der raren Steine wurden seit Eröffnung des Parks bereits ergattert. Das macht ihn zur funkelnden Attraktion des Bundesstaates.

Pensionen heißen die Schatzsucher willkommen

Pensionen heißen die Schatzsucher willkommen

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Crater of Diamonds State Park in Arkansas

Crater of Diamonds State Park in Arkansas

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Josie und David Solak aus Florida sind schon zum achten Mal da

Josie und David Solak aus Florida sind schon zum achten Mal da

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  „Willkommen im Crater of Diamonds State Park!“ Eine Frau in achatbrauner Parkuniform öffnet den Wartenden die Tür. Unter ihnen sind Josie und David Solak aus Florida, beide hochgewachsen und athletisch, mit der Anmutung von Extremsportlern, trotz ihres schrägen Aufzugs mit Overalls und Sonnenhüten „Das ist unser achtes Jahr hier“, sagt David, der früher beim Militär war, „wir machen hier Urlaub, wenn es uns in Florida zu heiß wird.“ Ein bis zwei Wochen lang sieben sie täglich kiloweise Erde. Für sie sei das reine Erholung, sagt Josie. „Einen Diamanten zu finden ist ein derartiger Thrill, all die Anstrengung ist sofort vergessen.“ Neun Exemplare haben sie bereits gefunden. David holt eine Plastikbox aus der Hosentasche. Die unregelmäßigen, stecknadelkopfgroßen Steine, fast alle gelb und braun, glänzen ölig. Josie zeigt stolz auf einen besonders runden: „Wir nennen ihn ,Little Bastard‘, weil er immer davonrollt.“ Zum jährlichen Minenurlaub dürfen die Steine mit. „Als Glücksbringer“, sagt David.

Wer zur Mine will, muss am Souvenirshop und der Ausstellung zur Geschichte des Kraters vorbei. Doch wer interessiert sich hier schon für T-Shirts oder die Fotos berühmter glänzender Steine? Die Schatzsucher lösen ihre Tickets und stapfen mit geschulterten Schaufeln auf dem Pfad, der sich zur Mine windet. Es geht durch hügeliges Gelände, gut 15 Hektar, so pittoresk wie ein frisch gepflügter Kartoffelacker. Als der Krater entstand, stapften noch Dinosaurier über diese Erde. Mit seinen braunen Furchen und Schlammlöchern sieht dieser Teil des Parks auch 100 Millionen Jahre später aus, als wäre gerade eine Triceratops-Herde hindurchmarschiert. Starke Regenfälle – wie sie vor allem im April und Mai vorkommen – lockern den Boden, so werden immer wieder Edelsteine freigelegt. Damit ganzjährig gute Bedingungen herrschen, pflügt die Parkverwaltung etwa einmal im Monat die Oberfläche um. Auch die Schatzsucher hinterlassen Spuren. Letztes Jahr waren es mehr als 180 000 und die meisten versuchen ihr Glück grabend.

Gute Tipps gibt Parkführer Waymon Cox. Mit der Stimme und Geduld eines erfahrenen Märchenerzählers erklärt der 35-Jährige täglich um zehn Uhr, wie sich in Arkansas Schätze heben lassen. 22 große und sieben kleine Zuhörer stehen an diesem Morgen um den gemütlichen Hünen herum. „Die einfachste Methode: Spazierengehen. Sie glauben nicht, wie viele Diamanten einfach so gefunden werden, weil der Regen oder unser Pflug sie an die Oberfläche gebracht haben.“ Eines der bekanntesten Beispiele: Im März 2017 fiel dem 14-jährigen Kalel Langford nach 30-minütigem Herumwandern am Rande eines Wasserlaufs ein glitzernder Stein auf: ein brauner Diamant von der Größe einer Bohne, etwa 1,5 Gramm schwer, das sind 7,44 metrische Karat. Der Teenager taufte seinen Fund „Superman-Diamant“. Es ist der siebtgrößte, der seit Bestehen des Parks dort gefunden wurde. Was er wert ist? „Schwer zu sagen“, räumt Cox ein, „aber 2015 hatten wir einen mit 8,52 Karat, der wurde nach dem Schleifen auf eine halbe Million Dollar geschätzt.“

Ihre Trophäensammlung dient den Solaks als Talisman

Ihre Trophäensammlung dient den Solaks als Talisman

© Matthew Johnson
Manche Steine findet man nur bei genauem Hinsehen

Manche Steine findet man nur bei genauem Hinsehen ...

© Matthew Johnson
... andere beim Spazieren­gehen

... andere beim Spazieren­gehen

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  Anstrengender, aber auch ergiebiger als Spazierengehen mit gesenktem Blick ist das Diamantenwaschen. Waymon Cox stapelt dafür ein grob- über ein feinmaschiges Sieb, füllt das obere mit Kratererde, taucht die Siebe in ein Wasserbecken. „Rock. Tap. Turn“, erklärt er die Prozedur: Erst rütteln, dann auf den Rahmen klopfen. Das Sieb im Uhrzeigersinn drehen, dann wieder von vorn anfangen. Die Bewegung im kalten braunen Wasser löst die Erde, schiebt die schweren Steine in die Mitte und nach unten. Cox prüft erst die Brocken im oberen Sieb: nichts. Dann kippt er das untere mit dem geübten Schwung eines Magiers auf die Tischplatte. Vor ihm liegt nun ein Quadrat aus Hunderten Steinchen, grob nach Farben sortiert: außen graue Sandsteine und Lamproite, innen rostroter Jaspis. In der Mitte milchigweiße Krümel. Diamanten? Cox schüttelt den Kopf. „Kein Glanz, das ist Quarz.“ Diamanten bestehen aus Kohlenstoff, der Grundlage allen organischen Lebens. In seiner Reinform, zu Kristallen gepresst, ist dessen Oberfläche so glatt, dass kein Matsch oder Staub daran kleben bleibt, also funkelt sie metallisch, Kein anderer Stein, der im Sieb hängenbleibt, schimmert derart auffällig. Sechzig Prozent aller Diamanten kommen beim Waschen ans Licht, meist völlig unverhofft. „2014 hatte ich während einer Vorführung plötzlich einen im Sieb“, sagt Cox. „Wie viele haben sie denn schon gefunden?“, will eine ältere Dame von dem Parkführer wissen. „Drei kleine. Aber ich hoffe noch auf einen richtig großen.“

Die Gruppe stiefelt, mit Schaufeln und Sieben beladen, auf das mittlerweile sonnenbeschienene Feld. Nirgends ein Glitzern. Nur Reihe um Reihe staubiges Braun. Bis zur Hüfte steht Derek Lester, sehnig, lange blonde Haare, Vollbart, in einem Erdloch. Sein Vater Richard schleppt mit Aushub gefüllte Eimer zur nächsten Waschstation. Die beiden ausgebildeten Geologen suchen strategisch, haben die bisherigen Fundstellen auf einer Karte markiert und graben nun in die Tiefe. „Hier suchen täglich Hunderte Menschen die Oberfläche ab“, erklärt Derek seinen Plan, „wir versuchen es unter der Erde, wo normalerweise niemand hinkommt.“ Er will einen Diamanten für seine Freundin Allison finden, für ihren Verlobungsring. Das ist nicht nur viel romantischer als einen zu kaufen, sondern auch günstiger. Denn in den USA gilt seit einer cleveren Marketingkampagne des Diamantenproduzenten De Beers in den 1930er- Jahren die Grundregel, dass ein Verlobungsring etwa ein bis zwei Monatseinkommen kosten sollte. „Außerdem weiß ich so, woher er kommt“, sagt Derek.

Obwohl sich viele Produzenten um Standards bemühen, lässt sich nie mit Sicherheit sagen, woher ein Stein wirklich stammt. Kinderarbeit, Schmuggel und Kriegsgeld überschatten den Glanz gekaufter Edelsteine. Ein berechenbarer Vorteil für die Arkansas-Diamanten: Vom Park zertifiziert, lassen sie sich um ein Drittel teurer verkaufen als gleichwertige Steine aus unbekannter Quelle. Derek wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ich hoffe, ich finde einen in der Größe eines Golfballs.“ Der wäre auch nach dem Schleifen noch gigantisch – etwa die Hälfte geht dabei im Schnitt verloren.

Stammgäste wie Jim Gatliff, der schon mehr als 3000 Steinchen gefunden hat, nutzen die Zeit lieber zum Schleppen und Schürfen

Stammgäste wie Jim Gatliff, der schon mehr als 3000 Steinchen gefunden hat, nutzen die Zeit lieber zum Schleppen und Schürfen

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Waymon Cox führt Neulinge durch den Park

Waymon Cox führt Neulinge durch den Park

© Matthew Johnson
Rütteln, klopfen, drehen – das Sieben folgt einem meditativen Rhythmus

Rütteln, klopfen, drehen – das Sieben folgt einem meditativen Rhythmus

© Matthew Johnson
Solange es Licht gibt, wird gegraben: Glückssucherin im Crater of Diamonds State Park

Solange es Licht gibt, wird gegraben: Glückssucherin im Crater of Diamonds State Park

© Matthew Johnson

  Nicht jedem Stein ist es vergönnt, eines Tages „a girl’s best friend“ zu werden. Die 4 C – cut (der Schliff), colour (die Farbe), clarity (die Reinheit) und carat (sein Karat-Gewicht) – müssen stimmen. Und die Nachfrage: Eine Frau, die 2015 einen Rohdiamanten von 8,52 Karat fand, ließ diesen von einem Experten in einen 4,64 Karat schweren Schmuckstein schleifen. Der Prozess dauerte zehn Tage. Ein Käufer fand sich für den Diamant, der nun aussieht wie eine längliche kristallene Patrone, jedoch nicht. Sein faktischer Wert für die Besitzerin: null. Rund, weiß, etwa 2 Karat – solche Diamanten sind ideale Schmucksteine und lassen sich gut verkaufen, hat Waymon Cox bei der Vorführung erklärt. Unter den mehreren Hundert jährlich im Park gefundenen Diamanten sind sie aber die Ausnahme. Der Durchschnittsdiamant ist eher stecknadelkopfgroß und macht niemanden reich. Deshalb war die Mine für kommerzielle Diamantenproduzenten nie lukrativ. Seit sich Funde wie der „Superman“- oder der „Michelangelo“-Diamant aus dem selben Jahr (benannt nach der Teenage Mutant Ninja Turtle, nicht dem Renaissance-Künstler) über Social Media verbreiten, kommen deutlich mehr Besucher in den Park. Sie alle spekulieren auf das große Glitzern. Von Selfies mit Stein rät Parkführer Cox aber dringend ab: „Es wäre nicht das erste Mal, dass in das Hotelzimmer oder die Wohnung eines Finders eingebrochen wird.“

Bei den Waschtischen ist nichts zu spüren von Habgier und Misstrauen. An den langen Metallbecken siebt ein Ingenieur, Ellbogen an Ellbogen mit einer Rentnerin und einem Autohändler. Ein Stammgast zeigt einer Mutter und ihrem Jungen die Amethyste, die er gefunden hat: leider nur ein paar Cent wert, aber hübsch anzuschauen. Die Sonne brennt in den staubigen Nacken. Die Arme werden lang vom Eimerschleppen, die Finger taub vom eiskalten Wasser. Aber die Stimmung ist fröhlich und konzentriert. Vielleicht weil das rhythmische Schwappen und Scharren etwas Meditatives hat. Oder weil es auch Erwachsene glücklich macht, mit anderen im Matsch zu spielen.

Sogar Derek, der Bräutigam in spe, wirkt abgekämpft, aber nicht niedergeschlagen, als er gegen Abend sein fast zwei Meter tiefes Loch wieder zuschaufelt, eine Auflage der Parkverwaltung. „Kein Glück ­heute“, seufzt er, „wir versuchen es morgen noch mal.“ Am Tresen neben dem Schaufelverleih begutachten die Parkmitarbeiter derweil geduldig Dutzende Tütchen mit „irgendwie interessanten“ Funden der hoffnungsvollen Schatzsucher. „Das ist Jaspis. Kalzit. Ein Quarz. Ah, eine Glasscherbe. Die können Sie hier in den Eimer entsorgen.“ Eine grauhaarige Dame, Nase und Oberarme rot von der Sonne, betrachtet die wertlose Kieselausbeute in ihrer Hand. trotzdem sieht sie zufrieden aus: „Wenn ich zu Hause bin, reibe ich euch einfach mit ­Babyöl ein“, sagt sie zu ihren Funden, „dann schimmert ihr fast so schön wie Diamanten.“


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