Kolumne: New York

Vom Glück in der Spülküche

  • TEXT HELGE TIMMERBERG
  • ILLUSTRATION TIM MÖLLER-KAYA

  Ich war mal Tellerwäscher in New York und bin trotzdem kein Millionär geworden. Was habe ich falsch gemacht? War es nicht das richtige Lokal für den uramerikanischen Karrierestart, weil vegetarisch? In den Siebzigern war das nicht cool, sondern merkwürdig, und es verkehrten auch nur merkwürdige Leute dort. Aber das Personal gefiel mir. Neben mir spülte ein „Indianer“ das Geschirr. Wenn wir einen Tellerwäscher-Wettkampf austrugen, gewann immer er.  Was ist aus ihm geworden? Hat er es geschafft und das Märchen wahr gemacht? Ich würde es ihm gönnen, aber darauf wetten kann ich nicht.

Trotzdem waren es prägende Tage. Das man in jungen Jahren in Manhattan einfach so eine Handvoll Dollar machen konnte, um sich das Ticket für den Greyhound-Bus nach Florida zu beschaffen, weckte den Glauben an die unbegrenzten Möglichkeiten in diesem Land und in mir. Reiseerlebnisse sind eine Kapitalanlage der Seele. Ich weiß noch, wie unglaublich groß der Vollmond war in der Nacht,  als der Bus mit mir in die Tropen rollte und ich im Anblick der Sterne badete wie Dagobert Duck in seinen Münzen. Mir fehlte kein Cent zum Glück, denn auch in Miami konnte man Teller spülen, für die Weiterfahrt nach Key West.

Heute würde ich das nicht mehr machen. Heute könnte ich das wahrscheinlich auch nicht mehr machen, weil es Spülmaschinen erledigen. Aber ich denke gern zurück an meinen Start in die Millionen-Reiseerlebnisse-Karriere, die mit Geschirrspülen in New York begann. If you can make it there, you’ll make it anywhere. Was also habe ich falsch verstanden? Ich weiß es noch immer nicht. Das Märchen, dass alles möglich ist und jeder sein Glück machen kann – in Amerika nennt man es das wahre Leben.


Unser Kolumnist pflegt seit 1969 sein heftiges Fernweh, schreibt Reisebücher aus aller Welt – und jeden Monat hier.

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