Blick über die Medina, die historische Altstadt
© Kevin Faingnaert

Weiße Pracht am Meer

  • TEXT DANIEL SPECK
  • FOTOS KEVIN FAINGNAERT

Jahrelang verfielen in Tunis historische Bauten. Nun werden sie restauriert, und neues Selbstbewusstsein durchweht die Stadt.

Tunis liegt auf demselben Breitengrad wie die ­Südküste Siziliens; es ist ebenso schön wie ­Marrakesch, aber noch nicht so hip wie dieses „St. Tropez des Orients“, wo die Hollywood-Stars morgens beim Minztee über Immobilienpreise fachsimpeln. Marrakesch, Tanger, Havanna … Man reist ja erst an diese Orte, wenn sie längst en vogue sind. Und dann sucht man – oft vergeblich  – einen verblassten Mythos aus wilderen Tagen. Grund genug, Tunesiens Hauptstadt, lange unbeachtet, jetzt genauer zu erkunden. Tatsächlich ist Tunis nicht nur eine Stadt, es sind zwei. Ihrer zentralen Lage am Mittelmeer wegen war sie schon immer Kreuzung zwischen Orient und Okzident, Europa und Afrika, und die Architektur der Stadt spiegelt diese Synthese wider. Da ist die koloniale ville européenne mit ihren geraden Alleen, weißen Art-déco-Fassaden und blauen Fensterläden, ein kleines Paris in Nordafrika. Nur wenige Schritte entfernt taucht man in eine andere Welt ein: Die arabische Medina mit ihren verschlungenen Gassen, überdachten Basaren und der sandfarbenen Ez-Zitouna-Moschee, vermutlich aus dem 8.  Jahrhundert. Hier schlägt das orientalische Herz von Tunis.

Fast übersieht man die unscheinbare Holztür in der quirligen Rue du Pacha. Anklopfen, es wird geöffnet, man betritt eine Oase der Schönheit. Ein maurischer Innenhof mit Säulen, symmetrischen Bögen und handbemalten Fliesen. Leila Ben Gacem, offenes Haar, blitzende Augen, empfängt mit charmantem Lachen. Die 49-jährige Hotelbesitzerin hat den Tisch für ihre Gäste gedeckt. Obwohl es in diesem Labyrinth der Farben und Schatten aussieht wie vor Hunderten von Jahren, bricht gerade eine neue Zeit an. „Heute kommen andere Reisende zu uns“, erzählt Leila, „früher kamen die Europäer nur zum Baden, nur an die Küsten.“ Die Urlauber wollten günstig ans Meer, dem Land kehrten sie den Rücken zu. Aber seit der weitestgehend friedlichen Revolution kommen auch kulturell interessierte Menschen, neugierige Besucher. Sie wollen wissen: Wer sind die Menschen hinter dem „Arabischen Frühling“, und warum ist ­Tunesien das einzige arabische Land, dem der Wandel zur ­Demokratie geglückt ist? Ohne die Hilfe von Reisebüros und Hotelvermittlern begannen viele Tunesier, ihre Häuser als Bed & Breakfast zu vermieten – ein Erfolgsmodell, das sich rund ums Mittelmeer herumgesprochen hat.

Tunis: Weiße Pracht am Meer
© Kevin Faingnaert
Ob sie Handwerker brauchen ...

Ob sie Handwerker brauchen ...

© Kevin Faingnaert
... eine Werkstatt ...

... eine Werkstatt ...

© Kevin Faingnaert
... oder einen guten Kaffee

... oder einen guten Kaffee: ...

© Kevin Faingnaert
In den Gassen der Medina müssen die Brüder Mistaoui nie lange suchen

... in den Gassen der Medina müssen die Brüder Mistaoui nie lange suchen

© Kevin Faingnaert

 Leila kaufte und renovierte ihr Hotel Dar Ben Gacem mitten in den Wirren des gesellschaftlichen Wandels. Am Montag erschienen die Arbeiter, am Dienstag demonstrierten sie, Mittwoch wurde wieder gebaut. Heute blühen im Innenhof Jasmin und Bougainvilleen, das Haus zieren arabische Holzschnitzereien und Säulen, angeblich aus den Trümmern des alten Karthago. Leila empfängt jeden ihrer Gäste wie einen persönlichen Freund. „Unser Land hat kaum Öl und Industrie“, erklärt sie, „unsere Rohstoffe sind Gastfreundschaft und Weltoffenheit.“ Eine gute Nachbarschaft kommt hinzu: „Die Medina ist ein Netzwerk aus lauter Mikro-Unternehmern“, erläutert Leila, „der Bäcker, der Schreiner, der Taxifahrer. Wir arbeiten zusammen, aber jeder ist sein eigener Chef.“ So stammen die Möbel des Hotels von AD 93, einer Kooperative aus Künstlern und Handwerkern, die historische Baumaterialien aus verfallenen Häusern retten: schmiedeeiserne Gitter, alte Kacheln und Marmor. Daraus fertigen sie Tische, Spiegel und Vasen.

Für den Segen höherer Mächte: Restaurierung einer historischen Moschee

Für den Segen höherer Mächte: Restaurierung einer historischen Moschee

© Kevin Faingnaert
Blick aufs Meer am Café des Délices in Sindi Bou Saïd

Blick aufs Meer am Café des Délices in Sindi Bou Saïd

© Kevin Faingnaert

 Besonders gut erhaltene Fundstücke landen im Antiquitätengeschäft Eddar in der Rue Sidi Ben Arous. Youcef und Ali Chammakhi haben jeden Zentimeter ihres mehr als 500 Jahre alten dreistöckigen Familienhauses mit Schätzen und Preziosen vollgestopft. In der Küche entdeckt man italienische Vintage-­Poster, längst stehengebliebene Uhren und alten Silberschmuck, darunter immer wieder die Hand der Fatima gegen den bösen Blick. In den verwinkelten Zimmern stapeln sich Grammophone und Schallplatten. Auch wer immer schon einen rostigen Blechkanister haben wollte, aus dem schon echte Wüstenfüchse getrunken haben mögen, wird hier fündig. Dieses Haus ist kein Laden, sondern eine Zeitmaschine. Um die Ecke führt eine kleine Tür ins Café El Mnouchi, eine ehemalige Karawanserei, wo junge Leute Shisha rauchen und Champions League schauen. Früher war das Café eine Höhle, die nur Männer betraten; heute erobern sich emanzipierte Tunesierinnen auch solche öf­fentlichen Räume. Die indes manchmal sehr gut versteckt sind, wie das Café Panorama. Doch wer ein wenig herumfragt, findet jemanden, der den Weg weist: Durch ein altes Teppichlager, dann die Treppe hoch … auf einmal steht man auf einer fantastischen, bunt gefliesten Terrasse mit Blick über die Medina. Studentinnen mit Kopftuch neben Hipstern und Studenten, getrunken werden Minztee und Smoothies.


 

Tunis: Landkarte
© Cristóbal Schmal

 

 Ich treffe hier Mhamed und Hmida Mistaoui, zwei alte Freunde von mir. Die Mittdreißiger sind in Paris geboren und in der Medina aufgewachsen, mühelos wechseln sie zwischen Französisch, Englisch und Arabisch. Nicht weit von hier, im Basar der Stoffe, ist eine Gasse nach ihrer Familie benannt. Die Eltern studierten Medizin und Biologie in Paris, und als sie nach Tunis zurückkehrten, war das alte Haus der Familie für die Kinder ein einziger geheimnisvoller Abenteuerspielplatz. Das Wasser kam aus der Zisterne, statt einer Badewanne gab es nur den öffentlichen Hammam. Schlangen, Geister und tolle Geschichten be­völkerten das Gemäuer. Doch sosehr sie das Haus liebten, in den 1990er-Jahren mussten sie es verlassen. Denn wenn der Vater zu einem ärztlichen Notfall gerufen wurde, brauchte er viel zu lange durch die verwinkelten Wege der Stadt, bis er am Unfallort eintraf. Und um die Kinder zur Schule zu fahren, musste die Mutter morgens um sechs aufstehen, bevor Händler die Gasse blockierten. Also zogen sie – wie so viele Familien aus der Mittelschicht – in die modernen Vororte. Keine charmante Nachbarschaft mehr, aber Internet und fließendes Wasser.

Die alten Stadthäuser füllten sich rasch mit Arbeitern vom Land, die einzelne Zimmer mieteten, ohne dass je renoviert wurde. Die Medina, einst Stolz der Bourgeoisie, verkam zusehends und wurde zum tristen Symbol der Rückständigkeit. Erst um die Jahrtausendwende entstand ein neues Bewusstsein für die darin schlummernden Werte.

Wenn die Brüder heute die Tür ihres alten Hauses aufsperren, bricht es ihnen jedes Mal fast das Herz: Teile der Decke sind eingefallen, die Mauern von Feuchtigkeit durchdrungen, Fledermäuse nisten im Hof. Mhamed und Hmida träumen davon, ihr altes Zuhause zu retten und in ein Gästehaus zu verwandeln. „Wie wird die Medina in 20 Jahren aussehen?“, frage ich sie. Schön, hoffen wir alle. Unsere Reise in die Zukunft führt durch die schicke Banlieue Nord, wo die beiden heute wohnen, durch den Villenvorort Carthage ins rund 20 Kilometer entfernte Sidi Bou Saïd. In diesem verträumten Dorf über dem Meer treffen sich Sommerfrischler aus der Stadt, Flaneure und Künstler, die wissen, wo man das klarste Licht findet. Schon August Macke und Paul Klee verfielen dem Ort, als sie hier, von kreativen Räuschen überwältigt, leuchtende Aquarelle schufen: scharfe Schatten auf weißen Mauern, blaue Balkone über dem türkisfarbenen Meer, ein schwereloser mediterraner Traum.

Leila Ben Gacem plant bereits Ihr zweites Hotel

Leila Ben Gacem plant bereits ihr zweites Hotel

© Kevin Faingnaert

 Mhamed und Hmida zeigen mir ihren Lieblingsort für einen Aperitif. Auf der Spitze des Hügels, wo sich ein spektakulärer Blick über den Golf von Tunis eröffnet, thront die Villa Bleue. Sie sieht jahrhundertealt aus, aber das täuscht – erbaut wurde das Boutiquehotel erst vor Kurzem, im nun wieder beliebten andalusisch-arabischen Retro-Stil der Medina. Der Inhaber, ein Unternehmer und Kunstsammler, hatte drei Häuser in der ­Medina gekauft, nur der Fliesen und des Marmors wegen. Die Materialien ließ er nach Sidi Bou Saïd transportieren, um damit Wände und Böden auszustatten.

So hübsch Sidi Bou Saïd sein mag – hier ist schon alles fertig, was den Reiz doch ein wenig schmälert. Für die perfekt restaurierten Häuser werden echte Mondpreise bezahlt – wenn überhaupt jemand verkauft. Instinktiv zieht es einen zurück ins alte Herz der Stadt, wo die hellen Gassen sich noch mit den dunklen abwechseln, wo die Spuren der Zeit noch sichtbar sind und alles im Umbruch ist. Der Abend klingt im Restaurant des Hotels Dar El Jeld aus, einem ehemaligen Palast im Kerzenlicht, wo wir Leila Ben Gacem wiedertreffen. Ein Oud-Spieler zupft seine persönliche Version von Charles Aznavours „La Bohème“. Die Kellner sind ein bisschen steif, aber das Couscous mit gefüllten Calamari ist sensationell. Nach ein paar Gläsern Vieux Magon  – auch der tunesische Wein ist eine Entdeckung – fliegen die Träume in den Himmel. Leila erzählt von einem weiteren Hotel, das sie eröffnen will, und macht den Brüdern Mut für ihr Projekt. Sie weiß: Mit den europäischen Kulturtouristen und den Tunesiern, die ihr vergessenes Erbe wiederentdecken, erwacht die Medina zu neuem Leben. So bleibt das seltene Gefühl, das wohl Paul Bowles in Tanger hatte, oder Jimi Hendrix in ­Essa­ouira: einen magischen Ort entdeckt zu haben, bevor ­dessen eigene Hipness ihn entzaubern wird.


 

Kulturelles Erbe
Tunis: Schlafen in der Medina
© Cristóbal Schmal


Schlafen in der Medina

Übernachten zwischen Mauern aus dem 17. Jahrhundert.

darbengacem.com

Tunis: Couscous satt
© Cristóbal Schmal


Couscous satt

 

Tunesische Küche im Innenhof einer ehemaligen Karawanserei.

fondoukelattarine.com

Tunis: bunte Steine
© Cristóbal Schmal


Bunte Steine

 

Prachtvolle Mosaike im Nationalmuseum von Bardo.

bardomuseum.tn

Zum Ziel

Lufthansa fliegt bis zu zweimal täglich von Frankfurt (FRA) und einmal wöchentlich von München (MUC) nach Tunis (TUN). Ihre Meilengutschrift können Sie per App errechnen:miles-and-more.com/app