Wilde Wesen

  • TEXT EMILY BARTELS
  • ILLUSTRATION CRISTÓBAL SCHMAL

In Polen grasen Wisente, in Norwegens Eismeer jagen Polarbären: In Europa kann man noch unberührte Natur erleben – und ihren wilden Bewohnern begegnen.
Dafür braucht es nur etwas Kondition und Pioniergeist.

ITALIEN: DER BOCK IST KÖNIG

Leichtfüßig erobert er steile Felskanten, kraxelt auf schmalen Graten, dabei präsentiert er stolz seine geschwungenen Hörner: Der Alpensteinbock ist der König des Gran Paradiso. Der Nationalpark im Aostatal war der erste Italiens – er wurde bereits 1922 gegründet, nachdem königliche Jagdveranstaltungen den Steinbock-Bestand gefährlich dezimiert hatten. Mit etwas Glück und Geduld bekommt man hier oben auch Murmeltiere und Adler zu sehen. Und mittlerweile sind sogar Bartgeier und Wölfe an den westlichen Rand der Alpen zurückgekehrt.

ISLAND: DER CLOWN DER MEERE

Auf Papey wohnen keine Menschen (mehr), dafür hat sich hier eine der größten Papageientaucher-Kolonien der Welt niedergelassen. Rund 30 000 Paare bevölkern das Inselchen vor der Ostküste Islands. Die schwarz-weißen Gesellen watscheln tollpatschig die Klippen entlang, im Flug und beim Tauchen aber sind sie pfeilschnell. Seine Abgeschiedenheit macht das zwei Quadratkilometer kleine Eiland zu einem Paradies für Seevögel und Seehunde. Nur wer eine Tour mit einem der örtlichen Anbieter gebucht hat, darf mit einer Fähre von Djúpivogur nach Papey übersetzen.

SCHWEDEN: MORGENGRUSS VOM REN

Endlich ausgeschlafen? Im Sarek wartet morgens schon mal ein Rentier vor dem Zelt. Der Nationalpark gehört schließlich zu den Zuchtgebieten der indigenen Samen, die ihre Tiere zwischen den grünen Tälern und Gletschern Lapplands weiden lassen. Hütten gibt es hier nicht, nicht mal markierte Wanderwege – auch deshalb wird das Reservat gern als „Europas letzte Wildnis“ bezeichnet. Die umliegenden Nationalparks in Schwedens Norden wie zum Beispiel Abisko oder Stora Sjöfallet können in dieser Hinsicht aber locker mithalten.

July 23, 2018, Iceland - "The Puffin Rally" - Puffin research in Iceland. A puffin colony on Papey Island. Puffins return to its burrow with their beeks full of sand eels, bringing food back to their young. (Josh Haner/The New York Times)

NORWEGEN: ROBBE IN SICHT

Spitzbergens Bewohner haben sich an die eisigen Verhältnisse angepasst: Die Bartrobbe im Bild gleitet auf einer Speckschicht über die Schollen, Polarfüchse tragen flauschiges Fell. Die Inselgruppe gehört zu Norwegen, aber bei bis zu minus 30 Grad wähnt man sich eher am Nordpol. Menschliche Besucher müssen kräftig aufrüsten, um nicht vor Kälte von Schneemobil oder Hundeschlitten zu fallen. Auf ootsrundfahrten kann man Blauwale oder Eisbären beobachten – Hauptsache, es ist ein Guide dabei, damit Mensch und Tier einander nicht in die Quere kommen.

Eine Bartrobbe (Erignathus barbatus) ruht auf Eis. Spitzbergen | Bearded Seal (Erignathus barbatus) resting on ice in summer. Svalbard. Sale in German-speaking countries only
LAKE KERKINI, GREECE - JANUARY 20: Pelicans on January 20, 2019 in Lake Kerkini, Greece. The lake hosts 227 kinds of birds, especially non migrants. Lake Kerkini is one of the birding site in Greece and as it is situated along the migratory flyway for migratory birds en route to the Aegean Sea, the Balkan region. Lake Kerkini is a small lake around 100km from Thessaloniki and is known as one of the most important wetlands in Europe and considered to be one of the top European bird watching destinations. (Photo by Athanasios Gioumpasis/Getty Images)

Uralte Eichen mit einem Stammumfang von sechs Metern, haushohe Fichten und wilde Bäche: Der Białowieża-­Wald wächst schon seit 10 000 Jahren mehr oder weniger unberührt. In dem Urwald im Grenzgebiet von Polen und Weißrussland fühlen sich auch die imposanten Wisente wohl. Heute leben hier rund 500 der ­europäischen Bisons neben Wölfen und Luchsen, die meisten von ihnen auf der polnischen Seite. Im Unterholz wimmelt es außerdem von seltenen Käfern und Reptilien – eine nicht minder erstaunliche Wunderwelt.

Eines der artenreichsten Feuchtgebiete Europas ist von Menschenhand gemacht: 1932 wurde im griechischen Kerkini ein Damm gebaut, der die umliegenden Flüsse zu einem See samt Sumpfgebiet anstaute. Heute rasten und nisten hier bis zu 300 verschiedene Vogelarten. Die auffälligsten von ihnen sind die Flamingos und die Pelikane mit ihren leuchtend roten Schnabel­säcken. Wer den künstlichen See per Boot erkundet oder zu Fuß umrundet, kann Ottern, Füchsen und Schakalen begegnen. Sogar Wasserbüffel weiden mittlerweile wieder an seinen Ufern.

 

 

VIER TOUREN IN DIE WILDNIS

 


 

 

Kerkini-See
Das Hotel Oikoperiigitis orga­ni­siert unter anderem Kanutouren.

Białowieża
Auf viertägige Bison-Safari mit den Guides von Wild Poland.

Spitzbergen
Arctic Adventures bringt Gäste per Schneemobil ins Eis.

Lappland
Fliegenfischen in glasklaren Flüssen mit European Safari.