Ein Grieche, seine Frau
und ein sehr großer Ring

  • TEXT SEBASTIAN HANDKE
  • FOTOS BRIAN FINKE

Am Anfang war die Liebe: Seit drei Generationen wird das berühmte Wonder Wheel auf Coney Island von einer Einwandererfamilie betrieben, die aus Griechenland stammt

Er hatte es ihr versprochen. „Wenn du mich heiratest“, hatte er gesagt, „dann schenke ich dir den größten Ring der Welt.“ Wer kann da schon nein sagen? Nachdem sie ihm das Jawort gegeben hatte, gingen zwar 30 Jahre ins Land. Am Ende aber hat er Wort gehalten. 1983 kaufte Deno D. Vourderis das berühmteste Riesenrad der Welt: das Wonder Wheel auf Coney Island.

„Wie immer in solchen Fällen tagte damals der erweiterte Familienrat“, erzählt Deno Junior, genannt D. J., ein Enkel von Deno D. Vourderis. Bis heute befindet sich das Rad in Besitz der Vourderis-Familie, mittlerweile in der dritten Generation. „Alle saßen an einem Tisch, Rotwein wurde ausgeschenkt.“ Die Familie war gerade schuldenfrei, kaum einer wollte 250 000 Dollar für ein Riesenrad ausgeben, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Deno D. aber drehte sich zu seiner Frau und fragte: Was tun? Und Lula sagte: kaufen! „Das war die beste Entscheidung, die unsere Familie je getroffen hat“, sagt D. J. „So wurden wir Teil der amerikanischen Geschichte.“

An einem strahlend schönen Apriltag stehen wir blinzelnd unter dem Rad und blicken senkrecht nach oben. Seit 99 Jahren dreht es sich an dieser Stelle, bei Wind und Wetter. Mit satten Farben leuchtet die stählerne Schönheit heute in der Sonne. Ein Wunder eigentlich, dass kein Rost zu sehen ist, so nah am Wasser. Die Brücken in der Stadt sehen anders aus.

 

Noch ohne Menschen: der Strand von Coney Island morgens

 Ein Vergnügungspark direkt am Meer: Zu seinen Glanzzeiten war Coney Island weltberühmt. Ein Menschenmagnet. Und das weithin sichtbare Symbol für „Americana“, jene amerikanische Pop- und Entertainment-Kultur, die sich in dieser Zeit, zwischen 1890 und 1950, so richtig erst manifestierte. Lange vor Kino und Fernsehen entstand in den Amusement Parks eine Massenunterhaltung, die sich um Klassengrenzen nicht scherte, mit Fahrgeschäften, Zirkussen, Tanzbars, Freak Shows, Magiern, Restaurants, Tanzpavillons, Aquarien, Badehäusern, Gärten und Feuerwerk. Es war der erste Ort, an dem junge Frauen und Männer sich ungezwungen, ohne Aufpasser, verabreden und auf dem Roller Coaster in die Arme fallen konnten. Das Teenage Date – hier wurde es quasi erfunden.

Nicht die Freiheitsstatue, sondern die Hunderttausenden Glühbirnen von Coney Island waren das Erste, was Emigranten und Flüchtlinge sahen, wenn ihr Schiff New York anlief. Deno D. Vourderis war einer von ihnen. Zweimal sprang er von einem Handelsschiff und schwamm in Richtung Küste, zweimal wurde er aufgefischt und zurückgeschickt. Beim dritten Versuch hatte er Glück. Anfangs verkaufte er Eis auf dem Boardwalk, stieg aber bald zum Hotdog-Verkäufer auf – und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Er war Grieche, Lula die Tochter eines Griechen. Er verkaufte Hotdogs, Lulas Vater auch.

Der Parachute Jump von 1939

 Angeblich gewann er sie, die 15 Jahre Jüngere, mit einem Trick: Jeden Abend drückte er ihr 20 Dollar in die Hand, viel Geld damals, und bat sie, den Schein für ihn zur Bank zu bringen. Am nächsten Tag hob er das Geld ab und drückte ihr abends dieselben 20 Dollar wieder in die Hand – abermals mit der Bitte, das Geld zur Bank zu bringen. 20 Dollar waren alles, was er hatte. Sie aber dachte, er wäre reich.

D. J. führt unter das Wonder Wheel in die Werkstatt, eine tageslichtfreie, schier endlose Wunderkammer für Bastler, die sich unterhalb des Areals bis weit unter den Strand erstreckt. Überall Ersatzteile, Werkzeuge, Schneidemaschinen, alte Requisiten, und, ganz wichtig: eine professionelle Maschine zum Mahlen von Kaffeebohnen. Auch an ihr hat sich der Tüftler schon zu schaffen gemacht. Eigentlich hat er Schauspielen gelernt. „Es half mir, aus mir herauszugehen“, sagt D. J. „Ich war sehr schüchtern.“ Seine Frau hat er dabei auch kennengelernt:

Acht Jahre spielten sie im Off-Broadway Stück „Tony ’n’ Tina’s Wedding“, ein Paar sind sie erst später geworden. Jetzt haben sie einen dreieinhalbjährigen Sohn, seitdem verstaubt D. J.s Harley-Davidson hier unten neben ausrangierten Versatzstücken des „Spook-a-rama“, jener herrlich altmodischen und doch noch so gruseligen Geisterbahn, die auch zum Areal gehört.

16 „Kiddie Rides“ gehören dazu, fünf Attraktionen für Erwachsene, auch „Stop the Zombies“. Alles ist family business. Und immer noch tagt der Familienrat. Vater, Onkel, D. J., die beiden Brüder, vier Cousins, alle angeheirateten Frauen. „Es ist wie Ritter der Tafelrunde“, sagt D. J. „Jeder hat eine Stimme.“ Am Ende entscheidet sein Vater Steve. „Er ist König Artus.“

Stahl im Wind: Die Konstruktion ist, entlang der Windrichtung, leicht angewinkelt

 D. J. und Steve Vourderis arbeiten Vollzeit am Wonder Wheel. Die anderen Familienmitglieder sind Juristen, Fitness-Trainer, IT-Experten. Aber wenn Andrang ist, sind sie alle zur Stelle. „Was soll ich sagen? Wir sind halt Südeuropäer!“ Eine ganze Familie ohne Höhenangst? Deno lacht. „Als Kind hatte ich Angst. Aber ich wusste ja, in welche Familie ich hineingeboren wurde …“ Als er 14 war, gab er sich einen Ruck. An einem Tag, als der Vater sich freigenommen hatte, was beileibe nicht oft passiert, kletterte D. J. am Rad hoch, etwa bis zur Mitte. Zehn Sekunden hielt er durch, dann tastete er sich langsam wieder nach unten. Aber die Angst, die war für immer weg. „Man darf den Respekt vor der Höhe trotzdem nie verlieren.“

Seit seinem Bestehen stand das Wonder Wheel nur dreimal still: während der New Yorker Stromausfälle von 1977 und 2003  – und 2012, als Hurrikan Sandy über die Halbinsel fegte. „Ich saß zu Hause und starrte auf mein Handy.“ Auf dem Schirm: Live-Bilder seiner Sicherheitskameras. „Langsam stieg das Wasser, immer höher, und ich konnte nichts tun.“ Als er am nächsten Tag zum Wonder Wheel wollte, kam er nicht durch: Zerstörte Fahrgeschäfte lagen verstreut herum, Zäune und Tore waren vom Wasserdruck völlig verbogen. Im hinteren Bereich der leicht abschüssigen Werkstatt stand das Wasser fast drei Meter hoch – die Linie kann man immer noch sehen. Tagelang mussten sie Wasser pumpen. Das Inventar, das man unterirdisch in Sicherheit gebracht hatte, war größtenteils zerstört. Eine Katastrophe. „Aber kennst du Harry Stamper? Das ist der Typ, den Bruce Willis in dem Film ,Armageddon‘ spielt. Mein Vater ist so. Er ist Bruce Willis! He get’s things done.“

Wenn man König Artus und Bruce Willis zum Vater hat – ist das nicht ziemlich einschüchternd? D. J. lacht. „Es spornt mich an!“ Zum Glück herrscht Arbeitsteilung. Vater Steve ist fürs Mechanische zuständig, D. J. für die technischen Revolu­tionen: den neuen Computer, Solarzellen, den 3-D-Drucker. Irgendwann soll das Rad mit Hybrid-Technologie laufen. Dass aber die Geschwindigkeiten auf der Steuerung in Warp-Stufen angegeben sind, ist auf beider Mist gewachsen: Vater wie Sohn sind Fans der Serie „Star Trek“.

Menschen, Würste, Wahrsager: In den 1980er- und 1990er-Jahren lag Coney Island darnieder. Heute kommen die Menschen in Scharen

Für jeden etwas: Der Boardwalk von Coney Island mit dem Parachute Jump von 1939

Das Alte und das Neue – D. J. bringt sie gern zusammen. Dem Familienrat gegenüber muss er hartnäckig sein. „Ich bin der Techie, der ihnen ständig Kopfzerbrechen bereitet.“ Der Motor von 1920 ist immer noch funktionsfähig, und er kommt, zur Not, auch zum Einsatz, „als Back-up des Back-ups“. Fünf Minuten dauert das Umsatteln auf die alte Technik. Der Betrieb wird ohnehin Handarbeit bleiben. Das alte Rad steht im Wind wie ein Tanker im Wasser, da kann man nicht nach Herzenslust bremsen und steuern. Je nachdem wie der Wind steht, müssen Gewichte ausbalanciert, muss ein bisschen beschleunigt oder nachgegeben werden. D. J. misst den Wind mit dem Ohr. „Man kann immer hören, wie sehr er das Rad beflügelt oder bremst, wie stark er nach der Konstruktion greift. Der Motor macht dann andere Geräusche.“ Ein großer Teil seiner Arbeit ist: zuhören.

Den Alltag leben, dort, wo andere hingehen, um ihn zu vergessen – es ist schon eine besondere Blase, in der Deno Jr. seine Zeit verbringt. Oft aber versinkt er so tief in seinem Werk, dass er vergisst, an welch magischem Ort er sich befindet. „Früher habe ich mich selten umgedreht und das Meer gesehen.“ Vor einigen Jahren, vielleicht war es Memorial Day, setzte er sich mit seiner Frau mal wieder selbst in eine der Gondeln. Es gab Feuerwerk. „Und ich dachte nur: Ist das schön hier!“

Seitdem hält er öfters inne. Dann schaut D. J. aufs Meer hinaus, lässt seinen Blick den Boardwalk hinunterschweifen. Ein bisschen, sagt er, sei das wie damals, als er auf der Bühne stand: Er blickt den Leuten, für die er das macht, in die Augen. Und sieht: diese Menschen sind glücklich.


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Von 1893 bis 1958 war der riesige Pavillon eine familienfreundliche Oase am Großen Salzsee in Utah.

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