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Zucht und Ordnung

  • TEXT ANDRZEJ RYBAK
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Das Fischerstädtchen Nou bringt Japans beste Sumo-Ringer hervor. Junge Kämpfer aus dem ganzen Land trainieren hier, futtern sich in Form und träumen von einer Zukunft als Helden im Profisport

Ein paar Sekunden lang belauern die Kämpfer einander, dann treten sie in den Ring. Beide gehen in die Hocke, tippen mit den Fäusten den sandigen Boden an, dann springen sie fast zeitgleich aufeinander zu. Mit Wucht klatscht Körper an Körper. Yuta Takahashis Kopf prallt dumpf gegen die Schulter des Sparringspartners. Die beiden Riesen beginnen zu schubsen und aneinander zu zerren, jeder hat das Ziel, den Gegner aus dem Ring zu schieben. Der Kampf dauert nur wenige Sekunden. Takahashi nutzt den Vorteil seiner langen Arme und packt den Gegner als Erster an dessen Gurt, dem Mawashi. Mit einer gekonnten Drehung bringt er ihn aus dem Gleichgewicht und schiebt ihn aus dem Kampfkreis, dem Dohyō, hinaus. Beide atmen tief durch, dann geht das Training weiter.

Geschwitzt wird auch außerhalb des Rings: der 17-jährige Tatsuya Maruyama beim Krafttraining

Geschwitzt wird auch außerhalb des Rings: der 17-jährige Tatsuya Maruyama beim Krafttraining

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Nach sechs harten Jahren an der Highschool will Yuta Takahashi auf die Sport-Uni

Nach sechs harten Jahren an der Highschool will Yuta Takahashi auf die Sport-Uni

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  Takahashi ist der neueste Hoffnungsträger des Kayio High School Sumo Club in Nou, einem winddurchtosten Fischerstädtchen in der Präfektur Niigata, rund 300 Kilometer nordwestlich von Tokio. Der 18-Jährige misst 1,89 Meter und wiegt ­dabei stolze 143 Kilogramm – beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Sumo-Ringer. „Ich will Yokozuna werden, Großmeister“, verkündet der riesige Junge und kneift seine Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen. Es ist der höchste Rang, den ein Rikishi, ein Sumo-Ringer, erreichen kann. Ein verdammt hohes Ziel: Seit der Einführung des obersten Rangs vor etwa 120 Jahren durften gerade mal 72 Ringer diesen Titel tragen.

Der Kayio Sumo Club wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet und stieg schnell zu einem der bedeutendsten Vereine des Landes auf. Bei nationalen Schulwettbewerben haben die Sportler aus Nou bereits zahlreiche Medaillen geholt, die Kämpferschmiede genießt einen exzellenten Ruf in der Szene. Aus dem ganzen Land strömen Talente, die erst 13 Jahre alt sind, in die Stadt an der japanischen Westküste, um in einer sechsjährigen Ausbildung ihre Künste zu perfektionieren.

Takahashi stammt aus dem mehr als 300 Kilometer entfernten Fukushima. Schon als Fünfjähriger begann er mit dem Training, sein Großvater brachte ihn zu seinem ersten Kinderturnier. Früh galt er als vielversprechendes Talent, so erlangte er einen der begehrten Plätze in Nou.

Der Weg zum Profiringer ist lang: Ihren Leistungszenit erleben die Rikishis in der Regel erst zwischen 25 und 30 Jahren. Bevor sie 40 werden, hören die meisten wieder auf. Verglichen mit Tennis oder Fußball sind die Verdienstchancen im Sumo- Ringen bescheiden. Ein Yokozuna verdient etwa 20 000 Euro, ein durchschnittlicher Rikishi um die 7000 Euro im Monat. Dazu kommen die Prämien, etwa 70 000 Euro für einen Sieg bei einem großen Turnier.

Sumo als Kopfsache: Es gibt 82 Varianten, den Gegner wahlweise zu Boden oder aus dem Ring zu zwingen

Sumo als Kopfsache: Es gibt 82 Varianten, den Gegner wahlweise zu Boden oder aus dem Ring zu zwingen

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Die Berührung des Bodens mit den Fäusten gehört zu den Ritualen vor Beginn eines Kampfes

Die Berührung des Bodens mit den Fäusten gehört zu den Ritualen vor Beginn eines Kampfes

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Voll konzentriert: der 17-jährige Schüler Seiya Fukasawa

Voll konzentriert: der 17-jährige Schüler Seiya Fukasawa

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 Es geht beim Sumo weniger ums Geld als um das Ansehen. Schließlich verkörpert, wer Sumo übt, buchstäblich eine jahrtausendealte Tradition. „Sumo ist Teil der japanischen Identität, Ausdruck unserer Seele“, sagt Tetsuya Toumi, Vorsitzender des Clubs und Präsident des Sumo-Verbands in der Präfektur Niigata. Wie zur ständigen Mahnung thront in der schuleigenen Trainingshalle ein Hausaltar über dem Ring.

Sumo wird seit etwa 2000 Jahren praktiziert. Sein Ursprung liegt im Schintoismus, Japans Urreligion, die viele verschiedene Gottheiten verehrt. Sie nehmen die Form von Tieren, Bergen oder Bäumen an oder zeigen sich in Gestalt von Naturgewalten. Diesen Göttern zu Ehren wurden die ersten Sumo-Kämpfe in Tempeln ausgetragen. Später verlegte man sie an den kaiserlichen Hof, wo sie der Unterhaltung des Tennos und des Adels dienten. Mit seiner steigenden Beliebtheit gewann Sumo immer größere spirituelle und kulturelle Bedeutung. Bis heute werden wichtige Turniere von Mitgliedern der kaiserlichen Familie besucht.

In den 1980er-Jahren erreichte der Sport in Japan den Gipfel seiner Popularität. Alle wichtigen Kämpfe wurden im Fernsehen übertragen, die Ringer feierte man wie Halbgötter. Doch um die Jahrtausendwende setzte Ernüchterung ein: Es stellte sich heraus, dass die Yakuza, die japanische Mafia, mit Wetten auf manipulierte Kämpfe viel Geld verdiente, und dass mancher Rikishi für die Gangster arbeitete, als Bodyguard oder um Schutzgelder einzutreiben. Die Globalisierung tat ein Übriges: Baseball und Fußball überholten Sumo als Lieblingssport der Massen. Heute gibt es im ganzen Land noch rund 300 Vereine und etwa 1000 Kämpfer in der professionellen Sumo-Liga. Die verbliebenen Profis aber halten ihre Kultur mit aller Kraft am Leben.

Jeder Kampf folgt einer präzisen Zeremonie, die sich seit Entstehen des Sports kaum verändert hat. Über ihren Mawashis tragen die Ringer traditionelle Seidenschürzen. Zuerst werfen die Ringer Salz in den Ring, um ihn symbolisch zu reinigen, dann spülen sie ihren Mund mit Wasser, bevor sie energisch mit den Füßen auf den Boden stampfen. „Für den Kampf brauchst du nur deinen Körper und deinen Gurt“, heißt es in Japan. Gewonnen hat, wer seinen Gegner aus dem Dohyō treibt oder ihn dazu zwingt, mit einem anderen Körperteil als den Füßen den Boden zu berühren. Der Sumo-Verband listet 82 verschiedene Siegtechniken auf. „Die Jungs müssen jahrelang üben, um sie alle zu beherrschen“, sagt Toumi, der fast jedes Training beobachtet. Viele Grifftechniken zielen auf die Arme, die Beine oder den Gurt des Gegners, verboten sind Würgen, Treten, Griffe in den Schritt sowie Faustschläge.

Futtern für den Sieg: Je mehr die Ringer wiegen, desto besser ihre Chancen, die Gegner zu bezwingen

Futtern für den Sieg: Je mehr die Ringer wiegen, desto besser ihre Chancen, die Gegner zu bezwingen

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Standortvorteil: Im idyllischen Fischerdorf Nou gibt es nur wenig Ablenkung für die Sumo-Schüler

Standortvorteil: Im idyllischen Fischerdorf Nou gibt es nur wenig Ablenkung für die Sumo-Schüler

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 Die Technik ist wichtig, aber sie ist nicht alles. Der zweite Faktor für den Erfolg ist, man ahnt es, die schiere Körpermasse. Im Unterschied zum Boxen gibt es beim Sumo in Japan traditionell keine Gewichtsklassen. Allein die Zahl der Siege entscheidet über die Zugehörigkeit zu einer von sechs „Divisionen“. Und je mehr Kilo ein Rikishi auf die Waage bringt, desto besser kann er sich im Ring durchsetzen. Taiyo Murayama, Trainer von Takahashi und dessen Mitschülern, achtet deshalb genau auf den Speiseplan seiner Schützlinge. Drei warme Mahlzeiten am Tag sind Pflicht, vor allem schaufeln die Schüler Proteine in sich hinein. Das traditionelle Gericht der Sumo-­Ringer ist Chanko Nabe, ein Eintopf mit jeder Menge Fett und Fleisch. Bis zu 6000 Kalorien verdrückt ein Schüler pro Tag, professionelle Sumo-Kämpfer nehmen 10 000 Kalorien und mehr zu sich.

Der Zwang zur Fettleibigkeit ist die düstere Kehrseite des Sumo. Manche ehrgeizigen Eltern fangen schon früh an, ihre Kinder regelrecht zu mästen. Spätestens nach der aktiven Karriere, wenn das tägliche Training, das den Stoffwechsel noch auf Trab hielt, ausbleibt, kann das starke Übergewicht zu Magenbeschwerden, Fettleber oder Nierenproblemen, zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes führen, ganz abgesehen von der Belastung für die Gelenke. Sumo-Ringer bringen im Schnitt 150 Kilogramm auf die Waage, sie haben eine deutlich geringere Lebenserwartung als normalgewichtige Japaner. Angesichts der drohenden Gesundheitsgefahren leidet der Traditionssport inzwischen unter Nachwuchsmangel. Deshalb wurden vor einigen Jahren die Hürden für den Einstieg deutlich gesenkt.

Die Trainingshalle, ein schlichter Holzbau, liegt etwas abseits der weiß getünchten Schulgebäude auf einem Hügel am Stadtrand. Die Mawashi der Schüler, ordentlich an Kleiderhaken aufgereiht, verströmen einen leicht miefigen Geruch. Gewaschen werden sie nur selten. „Wir haben nur einen Gurt fürs Training und einen für die Turniere“, erklärt Takahashi. Ein Meter des robusten handgewebten Stoffs kostet rund 100 Euro, für einen Gurt werden sechs bis neun Meter benötigt.

Shinto-Schrein in Nou

Shinto-Schrein in Nou

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 Um zehn nach vier verkündet eine Sirene das Ende des regulären Schulunterrichts, kurz darauf kommen die 14 Schüler der Sumo-Klasse in die Trainingshalle. Die Jungen, zwischen 12 und 18 Jahre alt, legen ihre Schuluniformen ab und den Sumo-Gurt an. Erst wird er um die Genitalien gelegt, dann mehrmals um den Bauch gewickelt, schließlich am Rücken verknotet. Das Training kann beginnen, genau wie gestern, morgen, übermorgen. Drei bis fünf Stunden pro Tag, sieben Tage pro Woche.

Heute ist jedoch ein besonderer Tag, denn Kotoōshū Katsunori ist zu Besuch. Der Bulgare – bürgerlicher Name: Kalojan Stefanow Machljanow – ist der erste Europäer, der sich in der Sumo-Welt einen Namen gemacht hat. Als Ōzeki erreichte er den zweithöchsten Rang. Nach dem Ende seiner Profikarriere gründete der 35-Jährige im vergangenen Jahr in Tokio eine Heya, seinen eigenen Trainingsstall, nun sucht er nach Talenten. Die Schüler sind nervös, wollen zeigen, was sie können. Einer schiebt ungestüm, verliert die Balance und landet mit der Nase im Sand. „Volle Konzentration“, mahnt Kotoōshū. „Respektiert euren Gegner, aber habt niemals Angst vor ihm!“ Er zeigt den Jungs seine besten Griffe und Tricks. Zum Schluss lässt er sich auf ein paar Übungskämpfe ein, doch natürlich hat keiner der Schüler auch nur den Hauch einer Chance gegen den Sumo-Pensionär.

Respektiert euren Gegner, aber habt niemals Angst vor ihm!

Kotoōshū Katsunori, Sumo-Trainer
Nach dem Kampf ist vor dem Fegen. Über dem Schüler wacht das Porträt des Dohyō-Gründers, an einer Stange ­hängen die Gurte der Ringer zum ­Trocknen

Nach dem Kampf ist vor dem Fegen. Über dem Schüler wacht das Porträt des Dohyō-Gründers, an einer Stange ­hängen die Gurte der Ringer zum ­Trocknen

© Ben Weller

 Das Training ist vorbei, Takahashi ist geschafft, er lässt den Kopf hängen. „Der Drill ist brutal“, klagt der Junge, „manchmal will ich aufgeben.“ Zum Glück sind da noch die anderen. „Sie motivieren mich, wir helfen uns immer wieder gegenseitig, uns zu sammeln.“ Das klappt: Erst vor Kurzem hat Takahashi die Silbermedaille bei einem ­wichtigen nationalen Turnier gewonnen. „Ich habe keine besonders gute Technik, aber ich habe Pow­er“, sagt der Riese, „meine größte Stärke ist mein Griff.“ Es ist sein sechstes Jahr an der Kayio, sein Abschluss steht bevor. Danach will Takahashi auf die Tokioter Sport-Universität gehen und von dort aus seine Profikarriere starten. Die Schule und sein Team, sagt er, werde er vermissen, „und diesen Ort – die ganze Stadt fiebert bei unseren Wettkämpfen mit“. Vielleicht, sagt Takahashi, werde er aber eines Tages nach Nou zurückkehren, dann als Trainer.


Ein Beitrag aus dem Vielflieger-Magazin Lufthansa Exclusive. Mehr zu den Miles & More Angeboten von Lufthansa erfahren Sie hier.

Cover LHE 03_2018