Ein Kreis schließt sich: Am Feuer wieder Kind sein
© Heinrich Holtgreve

Zurück in die Jugend

  • TEXT MORITZ HERRMANN
  • FOTOS HEINRICH HOLTGREVE

Ferienlager für Erwachsene boomen, auch in Deutschland. Mit viel Nostalgie und ohne Handy sollen Alltagsgestresste ihr Seelenheil finden. Unser Reporter war dem Geschehen nur bedingt gewachsen.

Von hier an darf ich nicht mehr ich sein. Die Frau am Willkommenspult nötigt mich, einen neuen Namen auszusuchen. Sie hat natürlich eine Liste mit Vorschlägen zur Hand. Ich nehme Mars. „Gute Wahl, wie der Riegel“, sagt sie. „Nein, wie der Planet“, sagt ihre Kollegin, die hinzutritt. Nein, wie der Kriegsgott, denke ich, sage aber erst mal nichts. Meinen Fotografen, der schon über das Areal läuft, lasse ich als Venus registrieren. Es werden die kleinen Dinge sein, die mir in den kommenden Tagen Freude bereiten, ahne ich. Die Frau, sie will Funny heißen, packt mein Smartphone in eine braune Tüte, dann darf ich passieren. Über eine Wiese, auf der sich die ersten Gäste fläzen, als seien sie vor Jahren an- und dann nie wieder abgereist, gehe ich den Bungalows entgegen. Es riecht nach Handtuchnässe, Sonnenöl und spätem Sommer. Mein Fotograf bezieht seine Matratze. Da sind wir, Mars und Venus, Kriegsgott und Göttin der Liebe, im Camp Breakout, in Süsel an der Ostsee.

Zurück in die Jugend: Pfeile

Ein Kreis schließt sich: Am Feuer wieder Kind sein, beim Bogenschießen...

© Heinrich Holtgreve
Zurück in die Jugend: Sitzsack

... oder im Sitzsack

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Happy Campers: Maike Engel

"Häuptling" Maike Engel organisiert das Camp

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Zurück in die Jungs: Das Camp
© Heinrich Holtgreve

  Hier, zwischen Eutin und Scharbeutz, eine Stunde nördlich von Hamburg, dürfen Erwachsene wieder Kind sein, damit wirbt das Camp. Versprochen wird ein Digital-Detox-Ferienlager, in dem man „aus dem Alltagsstress ausbrechen“ und „Spaß haben“ kann – „wie damals, als du jung warst“. Von draußen läutet Campgründerin Maike Engel, Spitzname Häuptling, mit einer Glocke zum Abendessen. Es gibt Spaghetti bolognese.

Digital Detox, digitale Entgiftung, wurde in den USA erfunden, als Sehnsuchtsbegriff für die Dauergestressten des Silicon Valley, die offenbar nur darauf gewartet hatten, ihre Endgeräte endlich mal abzulegen, wegzukommen von Handy, PC, Tablet. Wieder Mensch sein, nicht Menschmaschine. Mittlerweile ist daraus ein weltweiter Trend geworden. Wer modern sein will, geht offline. Für zehn Minuten, zehn Stunden, zehn Tage. Auch die deutsche Mittelschicht hat das Phänomen erreicht. Auch die Ostsee. Doch Süsel ist nicht Mendocino.

Hier findet das Kennenlernen im Stuhlkreis statt. Außer uns Journalisten, die gekommen sind, um der Sehnsucht der anderen nachzuspüren, sitzen da: Jan, 78, Camp-Ältester, der das Namenprinzip entweder nicht verstanden hat oder boykottiert, auf seinem Kleber steht jedenfalls auch Jan. Benni, 21, Camp-Jüngster, arbeitslos und in Begleitung von Vater Rolf, einem Marketingmann, der „Road Runner“ genannt werden möchte. Matthias alias Glückskeks, sieben Stunden Autoan­reise aus Koblenz, trägt Regenhose, selbst wenn die Sonne scheint. Ein paar Yoga-Mädchen, als Wolke, Frechdachs, Sternschnuppe und Elfe nur im kichernden Kollektiv auftretend. Zeltende Glatzen aus Berlin-Steglitz, sympathischerweise ganztägig mit Bier in der Hand. Und so weiter. Und bloß fort. Was suchen diese Menschen hier? Was werden sie finden? Am ersten Abend erst mal die Gewissheit, dass Regeln gelten, selbst wenn man Kind ist.

Zurück in die Jugend: Namensliste

Morgens tragen sich die Camper für die Tagesaktivitäten ein...

© Heinrich Holtgreve
Zurück in die Jugend: Frühstücksraum

... danach wird im Gruppenraum gefrühstückt

© Heinrich Holtgreve

  Das Geschirr gehört abgeräumt, Müll eingesammelt und Jobtalk verboten. Weil das nicht reicht, um sorglose Vergangenheit zu beschwören, packt Glow ihre Ukulele aus. Glow häkelt sonst Brautkleider, jetzt singt sie Reinhard Mey. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Während sich die Ersten umarmen, kaufe ich in der Küche eine Flasche Weißwein und drei Pils. Das Geld ist freiwillig in die Münzkassette einzuzahlen. Die Macher haben wohl erkannt, dass eine echte Teenager-Simulation zwei, drei Gläschen vertragen kann. Wir trinken, um uns zu erinnern, wie das damals war: sorglos, gut gelaunt, Sommerferien im Urzustand. Häuptling hat erzählt, wie sich ein Teilnehmer mal schändlich betrank, am nächsten Tag war das Fernsehen im Camp und filmte seinen Kater. Das will ich nicht. Aber etwas trinken muss ich trotzdem, sonst kriege ich einen Kater vom Camp. Am Fenster zieht Jan vorbei und das linke Bein nach, immer tiefer in die Nacht.

Als Kind im Camp kannte man keine Nöte – höchstens Sonnnenbrand

Am nächsten Morgen verschlafe ich das „Body and Mindset Workout“ von Marilena, die sich „Miss Gratitude“ rufen lässt und, hat sie gestern erzählt, Keynote-Speakerin werden will. Ich treffe den Road Runner am Polaroidbaum und frage, was er sich vom Camp erwartet. „Eine gewisse Sorglosigkeit“, antwortet er mit großer Geste. „Was hatte man in so einem Camp für Nöte? Es ging nur um unerwiderte Liebe und vielleicht mal einen Sonnenbrand, dramatischer war es doch nie.“ Hagebutte ruft aus dem Sitzsack: „Einfach mal abschalten!“ Blue schaut vom Kursplan auf: „Das Camp ist ein Nährboden für gute Gespräche! Sonst verstellen sich alle, spielen sich was vor. Hier nicht.“ Mit ihren Einschätzungen sind die drei nicht allein, jeder hier findet eigentlich alles ausnahmslos gut.

Zurück in die Jugend: die Erinnerungen werden analog konserviert

Die Erinnerungen werden analog konserviert...

© Heinrich Holtgreve
Zurück in die Jugend: Brot mit Aufschnitt und Saft

... und sind länger haltbar als das Brot mit Scheibenkäse...

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Zurück in die Jugend: Menschen mit Kanu-Paddel

... und die Freude am Kanu

© Heinrich Holtgreve

  Unkritisch wie Kinder, so geben sich die Camper. Nur ich, ich kann oder will das nicht, kann nicht aus meiner Haut, nicht einfach so auf Früher umschalten. Liegt es daran, dass ich gerne erwachsen bin und nichts vermisse? Erst mal weiter, über das Gelände, vorbei an Schildern, die Orte als „Chillout Area“, „Bonfire Place“ oder „Secret Garden“ ausweisen. Auch all die Anglizismen können nicht bemänteln, dass wir in einem evangelischen Jugendlandheim eingemietet sind, das normalerweise Vorschulklassen beherbergt. Die Ü30-Yogamädchen haben Bandposter aus der Bravo an die Bungalowtür gepinnt, um das Ferienerlebnis nostalgisch zu vervollständigen. Sie sind exzellent vorbereitet, das muss man ihnen lassen.

Der Wunsch Erwachsener, nochmals Kind zu sein, hat eine Konsumwelt geschaffen, die, echt wahr, „Peter-Pan-Markt“
genannt wird. Dazu gehören Feriencamps, Engtanzpartys, Bastelkurse, Kletterhallen und Ausmalbücher. Im American Journal of Play ist ein Aufsatz erschienen, der dem Verspieltsein messbaren Nutzen bescheinigt. Es soll sogar, so heißt es dort, mehr akademischen und, Obacht, reproduktiven Erfolg mit sich bringen. Die Infantilisierung rechtfertigt sich wissenschaftlich, vielleicht auch aus Angst, nicht ernst genommen zu werden.

  Im Camp hält sich die zitierte Reproduktion an Tag zwei noch in Grenzen, obgleich unter den Singles erste Anbahnungen zu beobachten sind. Man merkt es im Versteckten. An Witzen, die niemand witzig findet, aber mindestens von zweien belacht werden. An Händen, die einander wie zufällig streifen. In diese Gymnasialromantik hinein verkündet Häuptling Maike plötzlich, auf dem Süseler See sei eines der Boote gekentert. Schon schleichen die nassen Kanuten den Uferschotter hinauf, durch das er- und überlebte Abenteuer ad hoc verschworen. Das Camp nimmt jetzt Fahrt auf, jedenfalls für die anderen. Für mich nicht. Ich mache und finde vieles falsch. Rede ausgiebig über meinen Job, verrate immer wieder meinen richtigen Namen, frage, ob man Spotify anmachen darf, durchsurfe sogar in der Heimlichkeit des Bungalows das Netz, und zwar mit dem iPad, das ich hineingeschmuggelt habe wie ein Junkie seinen Stoff. Nur beim nachmittäglichen Bogenschießen erweise ich mich als Naturtalent. Meine Pfeile finden ihr Ziel. Dass ich eigentlich auf Schrödinger anlege, den Quotenhippie, der sich mit Räucherstäbchen ins Tipi neben dem Schießplatz eingesperrt hat, muss ja keiner wissen. Dicht und duftend kräuselt der Zimtrauch aus seinem Zelt.

Ich bin nicht der Einzige, der einen digitalen Rückfall erleidet. Am frühen Abend belausche ich bei den Hängematten ein Gespräch von Pluto, Watson und Banana-Boy. „Ich habe vorhin meine WhatsApps gecheckt“, gibt Pluto zu. „Ich habe auch einen Post abgesetzt, das musste sein“, solidarisiert sich Watson. Banana-Boy flüstert: „Ey, ich habe richtig gutes Netz hier, LTE-Speed.“ Danach erzählen sie von ihren bösen Chefs und niedrigen Gehältern. Das Camp Breakout kann sich, das wird an dieser Szene deutlich, nicht entscheiden, welchen Trend es letztlich bedienen will. Theoretisch jeden ein wenig, praktisch keinen konsequent. Es mäandert ästhetisch und inhaltlich irgendwo zwischen Fähnlein Fieselschweif, Scientology und Datingbörse. Man muss das nicht schlimm finden, nur passt es nicht zum deklarierten Anspruch.

Zurück in die Jugend: Kanus

Eine Bootsfahrt, die ist lustig - noch, denn eines wird gleich kentern!

© Heinrich Holtgreve

 Abends, wieder am Lagerfeuer, wieder mit Wein, Ukulele und Sonnenbrand, fange ich den Häuptling ab. Maike war mal Werberin. Hat große Kundenbudgets betreut, bis sie das nicht mehr wollte. Sie schmiss den Job, backpackte durch Asien und ließ die Camp-Idee unter Balis Sonne reifen. „Ich bin voll kommunikativ, ich spreche jeden an, ich war auf jedem Festival und habe jede Party gefeiert“, sagt Maike, und man weiß nicht, worauf das jetzt genau eine Antwort sein soll. Aber als Häuptling zahlt sie drauf, gibt Maike zu, die Camps sind teuer und nicht immer ausgelastet. Ein ziemlich hoher Preis, damit andere wieder Kind sein können.

Mir reicht es jetzt, und ich reiche auch allen. Ich breche aus dem Camp aus. Fahre am nächsten Morgen ab, meinen Fotografen, der zuletzt nur noch traurig an die Bungalowdecke gestarrt hatte, auf der Rückbank. Mit jedem Meter, den Süsel rückgespiegelt hinter Mohnfeldern schrumpft, werde ich wieder ich selbst. Ich lege den Mars ab und gleite in meine Haut zurück. In meinen angenehm digitalen, fantastisch erwachsenen Alltag. Und wenn es nur diese Sicht ist, die das Camp in einem wie mir erwirkt, eine neue Freude auf das, was ist, dann ist das ja auch schon was. Aber vielleicht, denke ich mir, sollte ich trotzdem mit Bogenschießen anfangen. Bogenschießen kann ich gut. Kann ich viel besser, als wieder Kind zu sein.

Im Dschungel der Camps: welche Lager es gibt

DIGITAL DETOX

Das Camp Grounded hat den Trend gesetzt: Wer hip sein will, fliegt nach Kalifornien.

thelighthouse.co.uk

YOGACAMP

Den herabschauenden Hund machen, eine Woche lang – z. B. auf Sri Lanka.

yogaescapes.de

ZEITREISE-CAMP

Nahe der holsteinischen Ostseeküste für vier Tage Teenager spielen.

camp-breakout.com

KOCHCAMP

Italien isst mehr als Pasta: Bruschetta, Sughi und Cantuccini in der Toskana.

maremma-toskana.de

SURFCAMP

Wellenreiten lernen, am besten im Pure Surfcamp in Jeffreys Bay, Südafrika.

puresurfcamps.com